Er kitzelt den Drachen am Schwanz

USA/Israel Als Anstifter einer dramatischen Wende in der US-Politik spielt Premier Benjamin Netanjahu ein riskantes Spiel
Er kitzelt den Drachen am Schwanz

Montage: der Freitag; Fotos: AFP/Getty Images, Istock

Als der ägyptische Präsident Anwar as-Sadat vor 40 Jahren nach Jerusalem kam, warnten viele Israelis vor der Unterzeichnung eines Friedensvertrags, der zu einem vollständigen Rückzug von der Sinai-Halbinsel führen würde. Den Arabern könne man nicht trauen, hieß es. Internationale Verträge zu achten, sei nicht Teil ihrer Kultur. Wer Sadat einmal nachfolge, könne ohne besonderen Grund beschließen, das Abkommen über Nacht zu brechen, indem er seinen Vorgänger als Verrückten oder Verräter hinstelle. Dann werde Israel ohne Frieden und ohne Sinai dastehen.

Und was geschieht jetzt? Nach der Ankündigung von Präsident Trump, sich einseitig aus dem Iran-Abkommen zurückzuziehen, bejubeln ihn viele Israelis, angeführt von Premier Netanjahu, als Helden Israels. Tatsächlich war Trump mit seiner kurzen Begründung für eine schicksalhafte Entscheidung mehr Netanjahu als Netanjahu selbst. Im Gegensatz zu den wiederholten Erkenntnissen seiner Geheimdienste behauptete er, Teheran hintergehe den sogenannten Joint Comprehensive Plan of Action (JCPOA) und arbeite auf Atomwaffen hin. Wie gewohnt ließ sich der Präsident nicht auf Zwänge der Wahrheit ein und argumentierte losgelöst von einer Realität, die alle um ihn herum akzeptiert haben. Letztlich hat er den Atomdeal schlicht deshalb aufgegeben, weil er es kann. Und er kann noch mehr: das Völkerrecht herausfordern und mit dem Prinzip brechen, Konflikte durch Verhandlungen zu lösen. Tatsache ist, dass alle Plädoyers aus Europa, man möge im Weißen Haus gemäßigter vorgehen und auf ein optimiertes Abkommen hinarbeiten, bei Trump auf taube Ohren gestoßen sind. Seine Botschaft an die EU-Länder, denen Diplomatie und Verträge heilig sind, lautet – um es mit einer Schlagzeile der Zeitung New York Daily News zu sagen – „Drop dead!“ (Schert euch zum Teufel!).

Fakten halten nur auf

Kein Wunder, dass Trump in den Augen vieler Europäer ein gesetzloser Bürgerwehr-Sheriff ist, der ohne Rücksicht auf Opfer die Stadt zusammenschießt. Schon als er sich aus dem Pariser Klimaschutz- und dem transpazifischen Freihandelsabkommen verabschiedete, kam es ihm darauf an, das zu missachten, wozu sich der Vorgänger verpflichtet hatte, nur handelte es sich dabei nicht um Fragen von Leben und Tod. Die Iran-Entscheidung hingegen bedeutet, einen fragilen Nahen Osten weiter zu destabilisieren.

Dass Netanjahu davon spricht, er erlebe gerade die besten Tage seiner politischen Vita und sehe die kühnsten Träume erfüllt, ist bezeichnend. Schließlich setzte er sich stets enthusiastisch dafür ein, das Nuklearabkommen zu versenken. Er wäre damit gescheitert, hätte es Anfang November 2016 nicht die verrückte Wahl eines US-Präsidenten gegeben, der sich nie durch Fakten aufhalten lässt. Auf dieser fragwürdigen Allianz basiert jetzt Israels Sicherheit. Wozu das führt, hängt von Teherans Reaktionen ab – eine erste bestand am 10. Mai im Angriff auf die Golanhöhen.

Die iranische Regierung könnte beschließen, ihr neues Image als unschuldiges Opfer eines unberechenbaren US-Präsidenten zu nutzen, um die Kluft zwischen den USA und Europa zu vertiefen. Je mehr sich die ökonomische Lage Irans als Folge der Trump-Entscheidung verschlechtert und das Schicksal des Regimes auf dem Spiel steht, desto eher könnte man in Teheran versucht sein, die Konfrontation mit Israel auf syrischem Boden auszutragen und das Atomprogramm zu erneuern. Trump will darauf mit den „härtesten Sanktionen“ antworten.

Unter diesen Umständen betreibt Netanjahu ein riskantes Spiel. Er hat Israel in die Position einer keineswegs glänzenden Isolation geführt. Zudem wird er nicht nur als Trumps wichtigster Cheerleader betrachtet, sondern als Hauptanstifter einer dramatischen Wende in der US-Politik, die zu einem neuen Nahost-Krieg führen könnte.

Hesekiel und Hagelstein

Sollte dessen Ergebnis ein Regimewechsel in Teheran sein, wie es Trumps und Netanjahus Berater offen propagieren, würde das sicher als durchschlagender Erfolg gewertet. Nur wohnt US-Kriegen in dieser Region die Tendenz inne, ungewollte Folgen zu zeitigen und in tiefer Enttäuschung zu enden. Und wenn man in Washington dann anfängt, Sündenböcke zu suchen, könnte Netanjahu ganz oben stehen. Er hat – allein und gegen den Rat seiner höchsten Sicherheitsexperten – beschlossen, „den Drachen am Schwanz zu kitzeln“, offenbar von der Annahme beseelt: Wenn sich die Vorhersagen über den unausweichlichen Fall der Ayatollahs bewahrheiten, ist mir der Sieg bei der nächsten Wahl nicht zu nehmen – Korruptionsanklage hin oder her. Wenn es anders ausgeht und Menschenleben kostet, ist auch klar, wer dafür verantwortlich ist: der radikale Islam, nicht vertrauenswürdige Araber, ein perfides Europa und – wer weiß – vielleicht sogar der New Israel Fund.

Endzeit-Enthusiasten müssten eigentlich verzückt sein. Trumps Entscheidung, das Iran-Abkommen aufzugeben, mutet an wie der Prolog zum lang erwarteten Gog-Magog-Krieg. Wie im Buch des Propheten Hesekiel mit Kapitel 38 vorhergesagt, wird Russland „aus dem hohen Norden“ kommen, begleitet von „Persern, Kuschiten und Put“, die Iran, Syrien und die Türkei sein könnten. „Das reiche Arabien, Dedan und die Kaufleute von Tharsis“, die Gogs Vorgehen in Frage stellen, könnten Saudi-Arabien und die Golfstaaten sein. Zumindest in den Augen seiner evangelikalen Anhänger ist Trump das Instrument, durch das der Allmächtige „Hagelsteine und brennenden Schwefel“ niederregnen lässt, bis Wladimir „Gog“ Putin „und alle seine Horden darunter begraben sind“. Israel wäre gerettet, zumindest bis zur Ankunft des Messias.

Übersetzung: Carola Torti
06:00 18.05.2018

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