Mladen Gladić
Ausgabe 2217 | 14.06.2017 | 06:00

Er sagt, sie sagt, aber wer sagt’s weiter?

Medien Soll man Falschaussagen unkommentiert zitieren? Und brauchen Mediennutzer speziellen Schutz? Eher nicht, zeigt die Erfahrung. Obwohl manche uns für dumm verkaufen wollen

Er sagt, sie sagt, aber wer sagt’s weiter?

Der Henryk M. Broder hat gesagt, dass die Margot Käßmann gesagt hat – und das auch noch beim Kirchentag...

Foto: epd/Imago

So dumm sind die Leute auch wieder nicht. Über den Twitter-Account des Evangelischen Kirchentages ist vergangenen Donnerstag Folgendes gegangen: „,Durch die Zuwanderung sind 15.000 bis 20.000 Terroristen nach Deutschland gekommen‘ meint @AnetteSchultner von der AfD.“ Der Tweet ist bis Montagmorgen 127-mal geteilt worden, 205 Twitternutzer haben ihn mit einem roten Herz markiert. Nicht gerade viral. Es gibt aber 340 Erwiderungen. Die meisten sind verstimmt. Es ist weniger Ärger über Schultners Aussage, die als „Meinung“ zu bezeichnen Quatsch ist, handelt es sich doch um eine Tatsachenbehauptung. Es geht vielen nicht darum, dass die AfD-Frau etwas behauptet, was sich nicht beweisen lässt. Sie stoßen sich daran, dass der Kirchentag die Aussage über seinen offiziellen Kanal verbreitet. Obwohl es sich klar um ein Zitat handelt – siehe die Anführungszeichen und die nachgestellte Kennzeichnung als „Meinung“ –, finden nun viele, der Kirchentag habe einen Fehler damit begangen, die dreiste Behauptung unkommentiert wiederzugeben.

Gefordert wird eine Abkehr von dem, was im Journalismus als „He said, she said“-Berichterstattung bekannt ist: das neutrale Zitieren von Beiträgen in einer Debatte, einem Wahlkampf. Aufsehenerregend hatte sich die New York Times im letzten Präsidentschaftswahlkampf von dieser Art der Berichterstattung verabschiedet: Angesichts der Schamlosigkeit, mit der Donald Trump log, ersetzte man neutrales Zitieren durch interpretierende Berichterstattung, sogenannte news analysis, die schon in der Schlagzeile Lügen Lügen nennt. Hätte man die Aussage Schultners kommentieren müssen? Dass der Tweet deutlich macht, dass hier eine Politikerin zitiert und nicht die Meinung des Kirchentags wiedergegeben wird, reicht vielen nicht. Das hat damit zu tun, dass Zitieren eine heikle Angelegenheit ist. Heikel darum, weil Autorität auf dem Spiel steht. Denn selbst wenn der Tweet die Autorin benennt, verleiht er – und sein Absender – dem Zitierten etwas von der eigenen Autorität. Zitieren wiederholt nicht einfach nur, was jemand gesagt hat, sondern behauptet, dass das, was dieser Jemand gesagt hat, zitatwürdig ist. Darüber regen sich die Leute nun auf und liefern damit den schönsten Beweis dafür, dass Mediennutzer gar nicht vor veröffentlichten Lügen beschützt werden müssen – ihnen geht schon von selbst auf, dass Zitate eine heikle Angelegenheit sind.

Die Leute sind nicht dumm. Schlimm aber, wenn man sie für dumm verkaufen will. Das betreibt jetzt ein ungleiches Paar: Henryk M. Broder und Jörg Meuthen. Auch auf dem Kirchentag hatte Margot Käßmann einen Landtagsabgeordneten der AfD in Mecklenburg-Vorpommern zitiert, der davon faselte, dass „Biodeutsche mit zwei deutschen Eltern und vier deutschen Großeltern“ sich sorgen müssten, ob Deutschland deutsch bleibe. Käßmann hatte das als „braune“ Rhetorik interpretiert. Sowohl Populist als auch Publizist behaupten jetzt, die Theologin sehe NS-Denken in jedem, der ebensolche Eltern und Großeltern habe. Und zitieren das Zitierte als Käßmanns Meinung. Weit unter dem Niveau der Leute.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 22/17.