Er spielte so gern den Bismarck

USA Ex-Außenminister Henry Kissinger meditiert über eine „aufgeklärte Ordnungsmacht“, die in der Welt von heute mehr denn je zu fehlen scheint
Konrad Ege | Ausgabe 43/2014 16
Er spielte so gern den Bismarck
Kissinger (rechts) mit Clinton, Albright und Kerry am zukünftigen Diplomacy Center in Washington
Foto: Chip Somodevilla / Getty Images

Henry Kissinger, der Star vom internationalen Parkett, hat wieder einmal ein Buch geschrieben. Der Friedensnobelpreisträger, Fan der Spielvereinigung Greuther Fürth, Sicherheitsberater und Außenminister unter den republikanischen Präsidenten Richard Nixon sowie Gerald Ford und nach Ansicht mancher Kritiker mit seiner Politik auch verantwortlich für Verbrechen gegen die Menschlichkeit, macht sich im Alter von 91 Jahren Gedanken, wie die USA die Welt besser ordnen könnten. Das Thema passt gut zu den derzeitigen Schlagzeilen über den Islamischen Staat, einen in partielle Staatenlosigkeit abgleitenden Nahen Osten, Putins angebliche Weltmachtansprüche und Chinas globale Ebenbürtigkeit.

Kissinger nennt in seinem Werk World Order mehrere „Baustellen“, die ihm Sorge bereiten. Darunter sind das viel zu sehr mit sich selbst beschäftigte Europa, isolationistische Trends in den USA wie die „komplexe Tapisserie“ des asiatischen Kontinents. Und natürlich der arabische Raum und der Iran. In der „Ära von Selbstmord-Terrorismus und der Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen“ bedrohe eine „panregionale sektiererische Konfrontation“ die globale Stabilität. Verantwortungsvolle Mächte müssten kooperieren und so für eine „neue regionale Ordnung“ arbeiten. Kissinger rügt, wohl wissend, dass die US-Elite das gern hört: Die USA müssten an ihrer „außergewöhnlichen“ Rolle in der Welt festhalten. Beim Kissinger von 2014 ist Letzteres jedoch kein platter globaler Machtanspruch. Er füllt seine Mahnung mit bremsenden Inhalten, die manchem westlichen Politiker nicht unbedingt passen dürften, bei der Ukraine etwa und der Militärstrategie im Nahen Osten.

World Order wird vermarktet als „Meditation über die Wurzeln internationaler Harmonie und globaler Unordnung“. Kissinger greift zurück auf den seiner Ansicht nach modellhaften Westfälischen Frieden von 1648. Dieser Vertrag, der den Dreißigjährigen Krieg beendet hat, sei eine „praktische Anpassung an die Realität“ gewesen. Europäische Mächte hätten beschlossen, sich nicht in die inneren Angelegenheiten der anderen einzumischen. Man habe ein Gleichgewicht der Macht angestrebt.

Zweitrangige Nationen

World Order findet Lob über politische Grenzen hinweg. Im britischen Guardian hieß es, die 420 Seiten seien ein „Memorandum für eine zukünftige Generation politischer Entscheidungsträger“. Tatsächlich wirkt das Buch wie eine Handlungsanweisung auf der Suche nach der aufgeklärten Ordnungsmacht. Nur, kann es die geben?

Hillary Clinton behauptet, Kissingers Denken korrespondiere mit Barack Obamas Versuch, „eine globale Architektur für Sicherheit und Zusammenarbeit im 21. Jahrhundert zu schaffen“. Clinton zieht den Vergleich in der Washington Post, der Tageszeitung im Besitz von Amazon-Milliardär Jeff Bezos, der kürzlich mit Frederick Ryan einen langjährigen Mitarbeiter des 2004 verstorbenen Ex-US-Präsidenten Ronald Reagan zum neuen Verleger berief. 1995 hatte Ryan das Buch Ronald Reagan. Die Weisheit und der Humor des großen Kommunikators herausgegeben.

Kissingers Ansatz wirkt entschärfend im heutigen Kontext. Beim Thema Ukraine hatte er bereits im März vor Konfrontation gewarnt. Die Europäische Gemeinschaft trage eine Mitschuld, dass „Verhandlungen zu einer Krise geworden“ seien. Der Westen müsse respektieren, dass die ukrainische und russische Geschichte eng verbunden seien. Und Moskau sollte im eigenen Interesse darauf verzichten, die Ukraine zu einem Satelliten machen zu wollen. Schon im Juni 2012, als das Rote Kreuz wegen des Bürgerkriegs in Syrien Handlungsbedarf signalisierte, war Kissinger skeptisch, ob eine humanitäre Intervention helfe. Es genüge nicht, einen Herrscher zu stürzen: Man müsse sich schon vorher auf das „Danach“ geeinigt haben.

Es ist freilich so eine Sache mit dem von Kissinger analysierten Konflikt zwischen Ordnung und Chaos. Er doziert akademisch und abgehoben in einer Sprache, die streckenweise rätseln lässt, was nun konkret gemeint ist: Politiker und Intellektuelle können die Thesen sortieren wie Theologen päpstliche Verlautbarungen. Handeln ist etwas Anderes. Kissinger mag sich relativ wohlgefühlt haben in der „geordneten“ Welt der siebziger und achtziger Jahre, in der große Staatsmänner – darunter er selbst – die Geschicke der Welt bestimmt haben. Sie taten es in der Überzeugung, dazu prädestiniert zu sein. Zweitrangige Nationen, Bürger und Bewegungen konnten dabei höchstens stören, denn – wie Kissinger in einem untypisch drolligen Satz formuliert –: „Revolutionen verunsichern am meisten, wenn man sie am wenigsten erwartet hat.“

Amerikas Last

Lebte man zum Beispiel Anfang der siebziger Jahre in Laos, Kambodscha oder Vietnam und musste die US-Flächenbombardements während des damaligen Krieges um Indochina überstehen, dürfte sich die Sehnsucht nach Kissingers Weltordnungswillen in Grenzen halten. In der Praxis bedeutet sein Modell – es gibt stets Ordnende und zur Ordnung Gerufene. Das Image vom Staatenlenker Henry Kissinger werden Gegenspieler und Opfer schwer verkraften, die sich an den Kissinger der Macht erinnern. Der hat nicht nur die Annäherung an das maoistische China orchestriert oder Vereinbarungen zur Rüstungskontrolle mit der Sowjetunion ausgehandelt, sondern auch Millionen Tote in Vietnam, Laos und Kambodscha Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre zu verantworten.

Henry Kissinger hatte es sich im Weißen Haus offenbar seinerzeit nicht nehmen lassen, Bombenziele selbst auszuwählen. Richard Nixons Stabschef Bob Haldeman notierte in seinem Tagebuch – veröffentlicht nach Haldemans Tod 1993 – für den 22. April 1970: „Als (Nixon) hinter K zur Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates ging, drehte er sich zu mir um und sagte mit einem breiten Lächeln, K hat heute richtig Spaß, er spielt Bismarck. Sie ... machen Ernst mit einem Bombenangriff am Samstag.“ Im gleichen Tagebuch heißt es am 17. März 1969: „Historischer Tag. K’s ‚Operation Frühstück‘ hat endlich begonnen, um 14 Uhr Ortszeit. K hat sich richtig gefreut (was really excited), P auch.“ – Der „K“ im Tagebuch ist Henry Kissinger, „Operation Frühstück“ meint einen Bombenangriff auf Kambodscha und „P“ den Präsidenten.

Der junge Amerikaner Fred Branfman war in Laos als Bildungsberater tätig, als „K“ sich über die „Operation Breakfast“ freute. Branfman hat Anfang der siebziger Jahre als erster US-Entwicklungshelfer Augenzeugenberichte aus Laos nach Washington gebracht. Darin hieß es, dass dort die B-52-Bomber bei der Jagd nach der kommunistischen Guerilla tagein, tagaus Massaker an der Zivilbevölkerung verübten. Branfman verstarb im September im Alter von 72 Jahren. New York Times und Washington Post druckten Nachrufe. Es habe sich herausgestellt, dass die „Vereinigten Staaten in den sechziger und siebziger Jahren mehr Bomben auf Laos und Vietnam abwarfen als auf Deutschland und Japan im Zweiten Weltkrieg“. Der Luftkrieg gegen Indochina unter Nixon und Kissinger sei „die massivste Bombenkampagne in der Weltgeschichte gewesen“, hatte Branfman geschrieben.

Seit der Demokrat Jimmy Carter 1977 im Weißen Haus einzog, ist der Machtmensch Kissinger – der erfahrene Nahkämpfer in Bürokratie und Politik – ohne hohes politisches Amt. Er verdient gutes Geld in seiner Beraterfirma Kissinger Associates, besonders republikanische Politiker machen ihre Aufwartungen in der Park Avenue von Manhattan. Aber keiner will ihn mehr im Kabinett sehen.

Beim Vermarkten von World Order wird der Autor so gut wie gar nicht auf Vietnam und weitere blutig-realpolitische Episoden aus seiner Vergangenheit angesprochen. Gefragt ist der Staatsmann, der über die Lasten auf Amerikas Schultern nachdenkt. Ein Journalist von Public Radio International wollte eine Frage nach dem Anteil der USA am Militärputsch gegen den sozialistischen Präsidenten Salvador Allende am 11. September 1973 in Chile einschieben. Kissinger wurde sauer. Sollte der Reporter auf dieser Frage bestehen, dann breche er das Interview ab.

06:00 27.10.2014

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