Konstantin Wecker, Prinz Chaos II.
15.11.2011 | 18:35 4

Er war immer schon da

Nachruf Konstantin Wecker und Prinz Chaos II. trennen fast 30 Jahre. Franz Josef Degenhardt hat beiden gezeigt, was ein Liedermacher ist. Auch weil er so vehement angefeindet wurde

 "Ohne Franz Josef Degenhardt hätte ich wahrscheinlich nie angefangen, selbst Lieder zu schreiben." Dieser Satz trifft auf uns beide zu – unwahrscheinlicherweise, denn wir liegen altersmäßig doch eine Ecke auseinander. Und trotzdem sind es jeweils die Lieder des Altmeisters gewesen, die uns eine Vorstellung davon vermittelt haben, was das heißt: Liedermacher.

Diese Generationen überspannende Wirkung Degenhardts spricht natürlich für die zeitlose Aktualität seiner Lieder. Nehmen wir das Lied "Wölfe mitten im Mai". August der Schäfer hat Wölfe gesehen, aber anstatt rasch die Sensen zu holen und die Wölfe totzuschlagen, wiegt sich das Dorf in trügerischer Sicherheit. Die Wölfe warten auf den günstigsten Zeitpunkt und richten ein Blutbad an.

1965 hatte der Song einen klaren Bezug zum Aufstieg der NPD, die damals in sieben westdeutsche Landtage einzog. Anfang der 90er, als Flüchtlingsheime brannten und Nazi-Pogrome durchs wiedervereinigte Deutschland gingen, war "Wölfe mitten im Mai" erneut ein Lied von unübertroffener Aktualität. (Man kann es auch dieser Tage gut hören). So lernten wir beide, mit dreieinhalb Jahrzehnten Abstand, das gleiche Lied kennen - was auch daran lag, dass wir es jeweils mit dem gleichen, ewigen, braunen Sumpf zu tun bekamen.

Hier zeigt sich der alte Wandervogel

Vor allem aber verdankt sich die Wirkung einer hohen poetischen Kunst. Degenhardt - und hier zeigt sich der alte Wandervogel! - schöpft aus dem kollektiven Mythen- und Metaphernschatz archetypische Geschichten und Figuren. Wie viele seiner Lieder funktioniert "Wölfe mitten im Mai" deshalb auch ohne konkreten Bezug, als ein schauriges Märchen, eine Warngeschichte aus früherer Zeit. Auf dieser Bedeutungsebene ist das Lied jedem Kind zugänglich. Die unmittelbar politische und zeitbezogene Bedeutungsebene läuft als Subtext mit, aber erfasst man sie, so ist es, als detoniere der Song in eine neue Dimension. Das ist der berühmte Degenhardt-Effekt. Das ist der Grund, warum man Degenhardt wirklich zuhören muss, um etwas mit ihm anfangen zu können.

In den 60ern auf Degenhardt zu stoßen, war keine Kunst - es war unvermeidlich! Als alle anderen Liedermacher dieser Zeit auf den Plan traten, war er schon lange da. Hannes Wader trafen die ersten Degenhardt-Lieder "wie ein Keulenschlag". Und für einen damals jungen Liedermacher aus München war Degenhardt so definierend, dass er zur Gitarre auftrat, bis ihn Georg Kreisler auf die Idee brachte, dass Liedermacherei auch am Klavier möglich ist. Ohne Kreisler wäre der Willy also zur Gitarre erschlagen worden.

Degenhardts Pionierrolle kann nicht überschätzt werden. Das deutsche Liedgut war durch starken Nazibefall kontaminiert, wie Degenhardt im Song "Die alten Lieder" beklagt. Der Vorgang des gemeinsamen Singens war missbraucht worden. Die deutsche Sprache überhaupt wieder fortschrittlich einzusetzen - das war eine Großtat, die nicht nur poetische Kraft und ein intaktes Herz erforderte, sondern auch jede Menge Mut.

Das pure Wort trieb Altnazis und CDUler zur Weißglut

Degenhardts Mut hatte mitunter etwas Unberechenbares. Er hatte nie Angst, sondern eher große Freude daran, sich ins Zentrum der Debatte zu singen. Das brachte ihm die innige Zuneigung derer ein, die in der Revolte der 60er und 70er Jahre mitmischten. Für sie war der deutlich ältere Sänger das Väterchen Franz, einer, an dem man sich aufrichten und halten konnte. Degenhardt stieß mit Songs wie der "Befragung eines Kriegsdienstverweigerers" in die Top Ten vor, seine Lieder waren in aller Munde, und das pure Wort "Degenhardt" reichte aus, um Altnazis und/oder CDU-Mitglieder zuverlässig zur Weißglut zu treiben.

Anfang der 90er Jahre auf Degenhardt zu stoßen, sich in sein Werk zu verlieben und zu verbeißen, war dagegen alles andere als unvermeidlich. Dazu brauchte es zunächst einmal ein Liedermacher-affines Elternhaus mit gut sortiertem Plattenschrank. Und es brauchte die Tollkühnheit, sich kurz nach dem Fall der Mauer nach links zu orientieren. "Ach, der Degenhardt! Sie gibt's auch noch? Sie müssen doch fix und foxi sein, nach dem Zusammenbruch!" sang das nunmehr zum Großfränzchen mutierte Väterchen damals. Auch junge Linke, die der DDR keine Träne nachzuweinen vermochten, konnten nicht umhin, die Kraft und Würde dieses Standhaften zu bewundern.

So haben wir beide eine umgekehrte Degenhardt-Erfahrung gemacht. Der eine entdeckte den Degenhardt der 90er und Nuller Jahre, dieses grandiose Spätwerk, das durch die Arrangements seines Sohnes Kai Degenhardt unendlich bereichert worden ist - und arbeitete sich von hier aus nach hinten, ins Frühwerk vor. Der andere war mit dem frühen Degenhardt sozialisiert worden und ihn begleitete das Werk durch die Jahrzehnte. So traf man sich - untypisch in Sachen Degenhardt: in der Mitte!

Erstaunlich positive Nachrufe

Und das wird bei den insgesamt erstaunlich positiven Nachrufen allerorten elegant unterschlagen: Degenhardt wurde mit einer organisierten Niedertracht bekämpft, die in der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte ohne Beispiel ist. Zensur gibt es bekanntlich nur in China und Iran, aber Degenhardts Lieder in den öffentlichen Rundfunkanstalten zu spielen, war ab Ende der 70er verboten. Der Arm der Obrigkeit reichte weit hinein in die Branche der Konzertveranstalter. In Zeiten der Berufsverbote und der Sympathisantenhatz konnte sich mit dem Altmeister öffentlich gemein zu machen die eigene berufliche Stellung beschädigen.

An Degenhardt wurde, man muss das in dieser Deutlichkeit sagen, ein Exempel statutiert. Degenhardt war das Beispiel, an dem der Nachwuchs lernen sollte, dass politisches Engagement die Karriere keineswegs fördert - und diese Lektion wurde bis auf den heutigen Tag schrecklich gut verstanden.

Noch zu seinem 75. Geburtstag herrschte - von Freitag, taz, ND und junge Welt abgesehen - immer noch eisiges Schweigen im deutschen Blätterwald. Aber es formierte sich auch der Wille, die Front des Niederschweigens endlich zu durchbrechen.

Noch einmal ein Schnippchen geschlagen

Zu seinem 80. Geburtstag sollte es gelingen. Eine vielfältige Anstrengung rollte an, dieses fantastische Werk auf den ihm angemessenen Sockel zu wuchten. Im Verlag Kulturmaschinen begann man, das literarische Gesamtwerk des Altmeisters neu aufzulegen. Bei Universal entschied man sich, eine 4-CD-Werkschau herauszubringen. Natürlich half auch das Internet, das Degenhardt-Werk in der Zukunft zu verankern.

Wir beide brachten den Stein für ein großes Geburtstagskonzert zu Ehren Franz Josef Degenhardts ins Rollen. "80 Jahre Franz Josef Degenhardt - Freunde feiern sein Werk" sollte es heißen, Hannes Wader, Götz Widmann, die beiden Degenhardt-Söhne Jan und Kai, die Kleingeldprinzessin, Frank Spilker, Daniel Kahn, Wiglaf Droste, Götz Steeger, Frank Viehweg, Joanna und Barbara Thalheim haben zugesagt. Es ist bis auf Restkarten bereits ausverkauft.

Dabei, dass Freunde und Kollegen  am 19. Dezember \n _blank">im Berliner Ensemble Degenhardts Werk singen und lesen und feiern

, wird es bleiben. Aber aus dem Geburtstagskonzert ist ein Abschiedskonzert geworden. Der alte Haudegen hat uns noch einmal ein Schnippchen geschlagen: Am Montag ist Franz Josef Degenhardt gestorben.

Konstantin Wecker, Liedermacher, Autor und Schauspieler aus München. Romane Uferlos und Der Klang der ungespielten Töne. Zahlreiche Filmrollen. Derzeit auf Tour mit seinem aktuellen Album Wut und Zärtlichkeit.

www.wecker.de

Prinz Chaos II., Liedermacher, Aktivist, Autor und Schauspieler aus München lebt seit 2008 auf seinem Schloss in Südthüringen. Diverse Theaterrollen (Das imaginäre Land). Zahlreiche Songs auf PrinzChaosTV und

www.prinzchaos.com

. Aktuelle CD

Prinz Chaos auf großer Fahrt

Kommentare (4)

H.Hesse 15.11.2011 | 21:53

Mich hat die Meldung vom Tod Degenhardts getroffen. Ich mochte seine DKP-Haltung nicht, fand manche der Lieder aus den 70ern zu platt, aber unvergessen sind für m ich vor allem die frühen Lieder, in denen er wie kein anderer die junge Bundesrepublik beschrieb, sezierte und parodierte und das in einer unglaublich bildgewaltigen, metaphernreichen Sprache. "Deutscher Sonntag", "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", "Horsti Schmandhoff": einfach nur toll! Ich muss gestehen, das Spätwerk nicht zu kennen, aber der Degenhardt der 60er und frühen 70er Jahre ist ein prägender Bestandteil meiner politisch-kulturellen Sozialistation.
Aufgewachsen in einer ostfriesischen Kleinstadt gab es damals nicht viele, die ihn hörten. Ein befreundeter junger, von seiner Kirche strafversetzter Pfarrer, bei dem ich als Konfirmand war, wies mich auf FJD und Biermann hin. Ich verstand so manche Anspielung in den damaligen Liedern von FJD nicht, aber dennoch zogen sie mich an.
Heute musste ich wiederholt an meine wenigen persönlichen (Interview-)Begegnungen mit FJD und auch an einen Spaziergang mit ihm durch's Moor bei Quickborn in den 70ern denken.
Es ist schade, dass er nicht mehr da ist!

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Ehemaliger Nutzer 15.11.2011 | 22:11

Hervorragender Bericht. Man sieht es eben auch hier wieder, wenn ein mutiger Mensch dem Staat den Spiegel vor Augen führt, wird er gemieden. Degenhardt war im Westen nichts anderes als Biermann in der DDR. Und wer wurde mehr gefeiert im Westen. Na klar, Biermann, obwohl Biermann über das bundesrepublikanische System sich auch geäußert hat, dass er vom Regen in die Jauche gekommen ist. Somit hatten beide das gleiche Bild von der BRD.

luggi 15.11.2011 | 22:36

Danke für diesen Blogeintrag ... hätte ich nicht besser machen können ;)
FJD hörte ich bestimmt in einigen Programmbeiträgen in den DDR-Medien ... über die Jahrzehnte hinweg. In mein Bewußtsein als bedeutsamer Mensch, der etwas wichtiges mitzuteilen hat und das Medium fand, drang er eher mit seinen literarischen Werken ein ... "Zündschnüre" und "Brandstellen".
Ich werde in meiner Bibliothek im antiroten OBB versuchen, die anderen Werke auszuleihen und zu lesen oder zu hören. Aber ich befürchte, da gibt es keine Ton- oder Papierträger von FJD.
Danke noch einmal euch beiden.