Er war ja immer zu weit weg

Alltag In Sangerhausen, der Geburtsstadt Einar Schleefs, bastelt ein findiger Kreis am Gedenken für den fremden Sohn des Ortes

Sangerhausen ist nicht die Stadt der Helden. Irgendwo am Harzrand liegt es. Breitgestreckt am Fuß einer weithin sichtbaren Abraumhalde des Kupferbergbaus, Arbeitslosenquote dauerhaft über 20 Prozent. Damals, vor anderthalb Jahren, als Einar Schleef starb, wurde der Ort von taz bis FAZ sträflich-ignorant von Sachsen-Anhalt ins thüringische Sanger(s)hausen verlegt. Zu der geographischen Fehlverortung gesellte sich dieses meist gesprochene "Binde-S", das aus unersichtlichen Gründen eine Einordnung so manchen Gesprächspartners hinsichtlich der Herkunft Ost oder West erleichtert. Zwei Fauxpas, bei erster Betrachtung durchaus nachvollziehbar. Ging es den meisten Nachrufen doch mehr um Schleefs Wirken, um die großen Bühnen und seltener um die biographische Verquickung mit eben jener ostdeutschen Kleinstadt.
Berlin weit im Rücken nähern wir uns, der Mogkstraße - Schleefs Geburtshaus. Stolpersteine taugen hier nicht zur Metapher, sie sind ostdeutsche Pflasterrealität. In der Fassade des unbewohnten roten Backsteinhauses, Nummer 24, klafft seit Jahren ein tiefer Riss. Einige Fenster vergammeln, andere wurden erneuert. Insgesamt ein recht trostloser Anblick. Mit etwas Wohlwollen könnte man sofort eintauchen in die Straße, die für Schleef zum Topos einer Familienneurose geworden ist. Seine Gertrud spielt hier, andere und ähnliche Geschichten ließen sich kolportieren von den Anwohnern, die Schleef weit überlebt haben.
Gibt es eine posthume Schleef-Rezeption hier, eine, die den huldvollen Umgang des Großfeuilletons ins Provinzielle heruntertransponiert, eine, wie die Berliner Zeitung herablassend verlautbarte, "Sangerhäuser Theaterheimatforschung"? Wo nachfragen und wen heimlich belauschen, um herauszufinden, was von Schleef in seiner Geburtsstadt überdauern soll?
Der Einstieg gelingt leicht: Gleich auf der anderen Straßenseite winkt einer, der es wissen könnte. Dr. Klaus Czudaj, CDU-Bürgermeister nach dem Mauerfall und mittlerweile schon weit in den Sechzigern. Wohnt direkt neben Schleefs Herkunftshaus. Viel Zeit allerdings scheint er nicht zu haben. Der Wagen steht bereits ausgeparkt vor dem Haus. "Unterschätzt, völlig unterschätzt", beginnt Czudaj hektisch, nach Schleef gefragt. Fast schon nach Selbstanklage klingt dieses Eingeständnis. "Da gab es ja drei Bereiche, der Mann war ja Multitalent: Malerei, die Regiearbeit und sein eigenes Schreiben." Czudaj lässt endlich vom Holztor seiner Einfahrt ab, beginnt, mit den Armen durch den Vorgarten zu rudern. Jetzt ist er warm, kommt ins Reden. Da hält einer schon mal die Eröffnungslaudatio des zukünftigen Einar-Schleef-Zentrums, möchte man meinen. Czudaj ist Vorsitzender des vor kurzem gegründeten Schleef-Arbeitskreises. Drei Räume im Spengler-Museum sollen´s werden. Noch im braungrauen DDR-Dauerputz verpackt, liegt es direkt zwischen Bahnhof und der Schleefschen Mogkstraße.
Eine Dauerausstellung also, eine Etage über dem prähistorischen Koloss gelegen. "Die Inszenierungen und Stücke auf CD, CD-ROM ... äh", - "DVD", lässt sich Czudaj ergänzen. "Auf jeden Fall ein direkter Zugang bei Bedarf." Das ist sie, die Herangehensweise Czudajs. Ganz pragmatischer Techniker, habilitierter Bergbauingenieur, der die zeichnerischen Arbeiten, die einen weiteren Raum füllen sollen, in die Klammern zwischen "Kleckserei einerseits und feinsten Pinselstrichen andererseits" zwängt. Die Kunst, das bleibt irgendwie dem Berliner Leuten vom Fach vorbehalten. "Der is ja in Berlin ´ne ganz andere Nummer gewesen!" Sprachs und will sich verabschieden. Aber dann noch: "Wir warn ja Nachbarn, der hat sich nich immer ´nen guten Namen gemacht hier in Sangerhausen. Doch dem Mann muss man sich erst mal nähern - und zwar richtig. Fragen Sie Dr. Wrobel, dann erzähl ich Ihnen nichts doppelt. Der soll seinen Spaß haben mit der Sache." Czudaj strebt mit deutlichen Schritten rückwärts in seine Haustür, den Blick noch schräg rüber zum Schleefschen Haus. Der Mann hat viel um die Ohren, das ist klar.
Auf zu Wrobel. Zwei Buchläden liegen zunächst auf dem Weg. "Sie wollen wissen, ob der Verkauf zugenommen hat nach dem Tode?", fragt die Buchhändlerin, Schleefs Generation. Darüber lässt sich keine Klarheit gewinnen, denn hier gibt es nur nützliche Nachschlagewerke irgendwo im Hinteren des Ladens, keinen Computer als Instrument zur zahlendominierenden Absatzermittlung. Ein Buchladen eben. "Aber verkauft haben wir den schon immer, wurde extra auf den Ladentisch geschoben, er kam ja immerhin von hier!" Im Anschluss daran noch ein kleiner Exkurs über die sensiblen Befindlichkeiten der Innenstadtbewohner, die sich von Schleef grob überfahren fühlten. "Seine Gertrud-Bände, die liegen einigen schwer im Magen. Dieses Schreiben ist nicht sonderlich leicht vermittelbar!"
Und Schleefs Fotobuch, Zuhause überschrieben, hat den Sangerhäusern ein zu kaputtes, geradezu schwarzes Bild ihrer Stadt hinterlassen. Ein Dazugekommener im Buchladen meint: "Da gab´s endlich mal nen Bildband über Sangerhausen, schwer zu kriegen ausm Westen und dann solch eine Perspektive."
Dann aber Dr. Wrobel. Das Telefonverzeichnis weist ihn ohne den akademischen Titel aus. Seit 1990 und bis vor einem Jahr Direktor des Geschwister-Scholl-Gymnasiums, dem Quasi-Nachfolger Schleefs früherer Oberschule. Am anderen Ende Dieter Wrobels Frau: "Mein Mann ist draußen im Garten." Eine Plauderei im Grünen, im nahenden Frühling, das klingt entspannt. Doch Wrobel im fernen Garten, altersuntypisch mit Handy, raunt: "Gut wäre morgen 10 Uhr 15 in der Schule. Da können wir in Ruhe reden. Ich treffe Sie vor dem Eingang! Den Schlüssel hab ich noch."
"Rentner" wäre die falsche Attributierung für diesen Aktiven aus dem Vorstand des Einar Schleef Arbeitskreises. Wrobel hängt an seiner Schule, arbeitet weiter, gibt Förderkurse in Physik und Mathe. Auch jetzt noch am Telefon klingt der etwas autoritäre Tonfall des Lehrers durch. Ganz anders jedoch am nächsten Tag. Der alte Schultrakt. Herein in das Zimmer des Vereins. Man sitzt nebeneinander, nicht auf Distanz wie Lehrer und Schüler. Wrobel ist konzentriert und klaren Blickes. "Ach, lassen Se das doch mit dem Mitschreiben! Ich hab das hier alles in Schriftform." Episodenhaft beginnen wir. Zuerst die Gedenkveranstaltung ein halbes Jahr nach Schleefs Tod. In den Räumen, in denen Schleef erste Bühnenerfahrung sammelte, der Aula seiner früheren Schule. Die Zahl der Interessierten überstieg die wohl zu vorsichtigen Schätzungen. Brechend voll war es, die Sangerhäuser waren bereit, sich auf ihren unverstandenen Sohn einzulassen. Als groß erwies sich dann auch die Verflechtung, die nicht allein die zwei Gertrud-Bände hinterlassen hatten, von manchen als persönliche Abrechnung betrachtet. Ehemalige Lehrer, Mitschüler, durch Schleef Verunglimpfte und Begeisterte - die unüberwindbare Trennung durch seinen Weggang 1976 in den Westen schien zumindest die Erinnerung an die frühen Jahre nicht gelöscht zu haben. "Er war ja immer zu weit weg, zu DDR-Zeiten über die Mauer nicht erreichbar und dann in Wien." Doch war Wrobel einer der wenigen, die versuchten dranzubleiben. Er weiß um mehr als die Drei in Physik, die er ihm damals gerechtfertigt ins Zeugnis drückte, kannte immer Leute, die Schleef auch wieder in sein Wahrnehmungszentrum rückten, seine Inszenierungen besuchten und Wrobel von der Bedeutung dieses Mannes überzeugten. "Im Internet habe ich einen Text von ihm übers Stottern gefunden. Lesen Se den mal. Das wär was für den Deutschkurs!" Man spürt es, hier will einer noch entdecken, ganz persönlich. Die Geschichte mit dem ätiologisch unklaren Stottern, so scheint es immer wieder, ist eine, die vom nicht lesbaren Schleef doch irgendwie in vielen Köpfen geblieben ist.
Aber was treibt ihn an, die Hälfte seiner freien Zeit herzugeben, Schleef irgendwie heimzuholen? Die Frage übergeht der Lehrer, er versinkt im Report des Zukünftigen. Das Woher des Schleef-Kreises scheint ihn nicht zu bewegen, wichtig ist das zu erstellende Konzept. Also wirkliches Arbeiten, die Auseinandersetzung mit Behörden, Kontaktpflege. Kultusminister Harms zum Beispiel ist solch ein aufgeschlossener Adressat. Hat laut Wrobel erkannt, dass sich Sachsen-Anhalts Kulturerbe nicht nur auf Händel und Luther einengen lässt, sondern dass tatsächlich auch ein Jetzt existiert. Solche Fürsprache gilt es zu nutzen, ganz konkret zur Fördermittelbeschaffung. Zum Kauf des Schleefhauses will es zwar nicht reichen, aber eben immerhin für eine passable Darbietung im alten Museum. Touristen und weit verstreute Schleef-Begeisterte sind die Zielgruppe. Wrobel zeigt eine visualisierte Arbeitsstruktur des Schleef-Kreises, sein "Organigramm".
Eine eigenartige Symbiose. Wie muss es ausgesehen haben, als am 15. August 2001 eine fast gänzlich importierte Trauergemeinde durch die Stadt streifte? Unverständnis und Murmeln gibt es auch heute noch von einigen, die damals mit offenen Augen eine Reisegruppe "extrovertierter Künstler, sicher aus der Hauptstadt" gen Friedhof ziehen sah. Rainald Goetz zum Beispiel, der Ur-Popliterat war mit Kamera dabei. Hat im posthum veröffentlichten Schleef-Arbeitsbuch die Schritte von Bahn bis Friedhof per Photo gebannt. Kurz vor zwölf war´s da zwar auf der Bahnhofsuhr, im August, aber einen wohlwollenden Blick auf die Stadt hat auch er sich nicht gegönnt. Aber immerhin - Goetz ist schon einmal den Weg vorgegangen, den Schleef-Interessierte einst nehmen sollen: Bahnhof, Spengler-Museum, Mogkstraße, Friedhof - das Konzept des Vereins scheint nicht von ungefähr.
Es ist die gealterte Honoratiorenriege der Nachwendezeit, die mehrheitlich den aktiven Teil des Schleef-Kreises ausmacht. Hier versucht man sich nicht in depressionsabwehrendem gut zugeredetem Realismus, Larmoyanz ist perdu. Der Blick geht nach vorn, allen Transformationsunpässlichkeiten zum Trotz. So weit, so einseitig. Denn Sangerhausen, ist nicht die Stadt der Helden. Die Abraumhalde des ehemaligen Schachtes ist ein Symbol, Ebenbild für die Ursache der verlässlichen Arbeitslosenquote. Deshalb, die Lokalpresse hat es als großes Ding hochgeschrieben, bewegt die Eröffnung eines Mc Donalds Restaurants die Gemüter weit mehr als alle anderen Themen. 35 Arbeitsplätze, immerhin. Das ist das Koordinatensystem, das die Emotionen der Leute leitet. Ein gestorbener Berliner Theatermann, was ließe sich vom dem erhoffen? "Ich bin Dynamit" lässt Schleef den Darsteller in seinem letzten, gerade aufgeführtem Stück der Nietzsche Trilogie sagen. Er wollte die Rolle selbst spielen.

Einar Schleef,


geboren am 17. Januar 1944 in Sangerhausen, studierte 1964-1971 an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee zunächst Malerei, später Bühnenbild, und wirkte in den Jahren 1972-1975 als Bühnenbildner und Co-Regisseur am Berliner Ensembe mit. Auf Grund der sich zunehmend schwierig gestaltenden Arbeitsbedingungen verließ Schleef 1976 die DDR und übersiedelte in die Bundesrepublik. Schleef lebte in der Folgezeit in Frankfurt und in West-Berlin. 1984 erschienen die beiden Bände seines Monumentalromans Gertrud, in dem Schleef das Leben seiner Mutter in einem riesigen inneren Monolog schildert.
Von 1985 bis 1990 war Einar Schleef einer der drei Hausregisseure am Schauspiel Frankfurt. Er entwickelte eine höchst eigenwillige Theatersprache, die ihm den Ruf eines Genies und "Regie-Berserkers" eingebracht hat. 1993 kehrte Schleef ans Berliner Ensemble zurück, wurde aufgrund von Streitigkeiten mehrmals entlassen und wieder eingestellt, zwischenzeitlich inszenierte er am Wiener Burgtheater. In den neunziger Jahren fand Schleef auch als Dramatiker größere Beachtung. Er starb am 21. Juli 2001 in Berlin.

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00:00 07.06.2002

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