„Er war visionär“

Theater Onkel Anton Tschechow wird auf deutschen Bühnen rauf- und runtergespielt. Olle Kamellen? Wera Herzberg und Ricarda Bethke ergründen seine Faszination

Ein Etikett wie „zeitlos“ klingt verdächtig nach sehr solidem Vergnügen, so amüsant wie ein gediegenes Theaterabonnement oder: wie das Pflichtprogramm an einem Stadttheater in der Provinz, entspanntes Wegnicken inklusive. Das Etikett scheint dem Dramatiker Tschechow zuweilen anzuhaften, mit einer Aufführung vom Kirschgarten kann einer nicht viel falsch machen, man würde aber auch keine Überraschung erwarten.

Überrascht wird der Zuschauer tatsächlich derzeit am Deutschen Theater in Berlin, weil Tschechows Drei Schwestern von Männern verkörpert werden. Was könnte das bedeuten? Zwei Tschechow-Kennerinnen treffen sich für eine Relektüre.

Wera Herzberg: In der Schauspielschule spielten wir Szenen aus Onkel Wanja. Wir dekorierten unsere Möbel mit kleinen Spitzenumrandungen und stellten Birkenzweige an die Bühnenwand. Noch ganz im Sinne von Stanislawski, der damaligen Aufführungstradition. Das ist russisch, dachten wir. Wir folgten den Anweisungen und Dialogen von Anton Tschechow treu. Man brachte uns bei, alle Worte des Dichters, alle Beschreibungen zu ergründen und ernstzunehmen. Alle Information über die Rolle steht im Text.

Ricarda Bethke: Als ich noch eine Literaturlehrerin war, 1980 in Ostberlin, behandelten wir Effie Briest oder die Buddenbrooks. Aber das Gebiet des europäischen Realismus im 19. Jahrhundert, das konnten wir zu wenig erfassen. Jeder sollte einen Autor und ein Werk aussuchen, um es vorzustellen. Ein zurückhaltender Junge wählte Tschechows Erzählung Krankenstation Nummer 6. Es war in der Klasse sehr still, als er sprach. Es gab immer wieder Momente, in denen ich von meinen Schülern lernte, so auch, was Tschechow betraf. Und noch immer bin ich mit seinen Figuren und ihren Widersprüchen fast grüblerisch beschäftigt.

Herzberg: In Jürgen Goschs Inszenierung der Möwe, die noch im Deutschen Theater läuft und begeistert, spürt man unsere Ausbildung. Auch Gosch war Absolvent der Schauspielschule Berlin, auch er hatte gelernt, die Texte des Dichters zu ergründen. Dennoch gibt es so vieles, was wir nur ahnen, kaum einer von uns konnte richtig Russisch. Wir kennen nur Übersetzungen, die immer eine Tendenz haben. Eine betreuende Übersetzerin aus dem Russischen sagte zu Goschs Inszenierung: Die Beschimpfungen bei Tschechow wären viel unterschwelliger, zärtlicher, ihr gefiel das Geschrei der Deutschen nicht.

Bethke: Was für uns erkennbar ist: der den Menschen nie aufgebende, durchschauende Blick des Arztes und des Künstlers Tschechow. Nicht nur der kalte Blick des Arztes, wie Thomas Brasch, als er ihn übersetzte, Tschechow versteht. Wie fein zeigt Tschechow den Lopachin im Kirschgarten. Der aufgestiegene Bauernsohn, der den schönen Kirschgarten parzelliert, wirkt oft fürsorglich, ja, zärtlich: „Warum haben Sie nicht auf mich gehört, meine Arme, meine Schöne?“ Am Ende ist er es, der die ganze Gesellschaft aus dem Haus treibt. Den Widerspruch zwischen angebotener Brüderlichkeit oder eingebildeter Liebe und hartem Geschäftsgebaren, den verkörpert Lopachin. Thomas Brasch: „Es gibt dieses russische Verhalten einer ganz bestimmten Schicht, die Seele zu öffnen, aber im gleichen Moment gibt es eben dieses Verhalten: Und willst Du nicht mein Bruder sein, dann hau‘ ich dir die Schnauze ein!“ Thomas Brasch spricht von einer Schicht, nicht von einer nationalen Eigenheit. Natascha, die anfangs Verachtete in den Drei Schwestern, verjagt in der Inszenierung von Karin Henkel am Ende die vor dem Brand flüchtenden Fremden mit furiosem Hass. Da ist jede Zärtlichkeit weg.

Herzberg: Diese Zärtlichkeit, Feinheit und die Härte der Figuren habe ich bei der Inszenierung von Jürgen Goschs Die Möwe entdecken können. Alle Spieler saßen auf der Bühne. Für alle Zuschauer sichtbar. Wie in einem Orchester spielte jeder „auf seinem Instrument“, kontrapunktisch auf die Bühne schnellend. Das gab der Aufführung eine unerhörte Intensität, Musikalität und Sinnlichkeit. Das Zeitvergehen, das Vergehen von Lebenszeit, das Tschechow thematisiert, wie auch die absurde Gleichzeitigkeit von heftigen Auseinandersetzungen und dem fast kühlen und konzentrierten Zuschauen der wartenden Schauspieler wurden plastisch. Das war wirkliche Ensemblearbeit. Die ewigen Konflikte zwischen Mutter und Sohn, Sich-Verlieben in den Erfolgreichen, Verlassen-Werden, diese Fülle an Dramen von Tschechow beobachtet und beschrieben, fanden durch die heutigen Darsteller, sich abarbeitend an diesen immer wiederkehrenden Lebenssituationen, Aktualität. Das war aufregend, anrührend.

Wera Herzberg, geboren 1948 in Berlin, studierte an der Staatlichen Schauspielschule Berlin (1967 – 1970). Von 1980 – 1983 absolvierte sie ein Studium der Regie. Sie arbeitet als Lehrbeauftragte in Berlin und Hannover

Ricarda Bethke, Jahrgang 1939, war in der DDR Lehrerin für Kunst und Deutsch. Sie arbeitet heute als freie Autorin, zuletzt produzierte sie die Hörfunkfassung von Ulrike Edschmids Erzählung Das Verschwinden des Philip S. (Suhrkamp, 2013)

Bethke: Die Fülle an sogenannten „philosophierenden“ Zukunftsbildern in Tschechows Stücken ist erstaunlich. Mehrmals heißt es, ein großer Sturm komme auf und werde alles hinwegfegen. In Drei Schwestern wird immer wieder davon gesprochen, dass die Zeit über die Gegenwärtigen hinweggeht. „Wir werden vergessen werden.“ Aber aufleuchtend sagt Werschinin, „in zwei-, dreihundert Jahren wird es auf der Erde schöner und herrlicher sein“.

Herzberg: Das sind Zitate aus Tschechows intellektueller Umgebung, er pflanzt sie in seine Figuren. In seinem eigenen Denken, den Briefen nach zu urteilen, gibt es die nicht. Biografisches ist sehr versteckt in seinen Stücken. Die schwärmerischen Zukunftsbilder, von heute aus betrachtet, sind verheerende Illusionen. Tschechow konterkariert Klagen, Träumen, Schwärmen durch eine komisch banale Realität; da spielt jemand Karten, während sich einer erschießt. „Was tun?“, fragt Sonja in Onkel Wanja, „wir müssen weiterleben und arbeiten.“

Bethke: Tschechows Menschen beschwören Arbeit als Ausweg und Glück, aber die in den Stücken gezeigte Arbeit ist: das alte Kultur und Liebe zerstörende Unternehmertum Lopachins oder die ermüdende Pflicht der Lehrerin Olga in Drei Schwestern. Nüchtern akzeptiert Tschechow, Arbeit ist auch etwas Anstrengendes, das man ertragen muss. Arbeiten, das ist ein Versprechen, das er sich selber gab.

Herzberg: Er hat als Arzt gearbeitet, hat die Cholera bekämpft, hat die Sträflingsinsel Sachalin besucht, Auswege aus dem Elend gesucht, als sozial handelnder Mensch, Schulen finanziell unterstützt, Bibliotheken gestiftet, Gärten gestaltet ...

Bethke: ... hat als Autor gearbeitet, schreibend in der besten Bedeutung von Be-schreiben. Brecht schlägt die operative Haltung gegenüber der Gesellschaft vor, und diese Haltung führt aus der Beschreibung des Bestehenden hinaus in die Veränderbarkeit, ich hänge an dieser alten Idee.

Herzberg: Aber Veränderungen sind auch brachial. Wie bei Castorf. Er kombinierte das Stück Die drei Schwestern mit der Erzählung Die Bauern. Es ging nicht nur um die Welt der Generalstöchter, es ging auch um diejenigen, die denen ein gutes Leben bereiteten. Die selbst an Veränderung überhaupt nicht interessiert waren. Castorf hat die Zukunftsvisionen völlig infrage gestellt. Mit der Ikone in der Hand schimpfte die Bäuerin, die während des ganzen Stückes ihren Platz auf dem Ofen verteidigte, auf die Revolutionäre und Anarchisten, die alles umkrempeln wollen. Am Ende verjagt Natascha, die angeheiratete Kleinbürgerin, die alte Bäuerin und die Generalstöchter aus ihren angestammten Plätzen. Ab jetzt wird eine radikale Vernichtung des Alten, ein Umbau der Gesellschaft, stattfinden. Kirschgarten und Drei Schwestern enden damit, dass die neuen Besitzer als Zeichen ihrer Macht, als Zeichen ihres errungenen Besitzes die nutzlos gewordenen alten Bäume umhacken. Diese Besitzer werden das Land radikal verändern und Kapital daraus ziehen. Darunter hat Tschechow gelitten, er hatte es vorausgesehen. Das war modern, es war visionär. Die letzte Inszenierung der Drei Schwestern am Deutschen Theater 2018 gerät da geradezu folgerichtig. Die Figuren bei Tschechow, sonst tief verzweifelte, sich nach Selbstbestimmtheit sehnende Frauen, werden in dieser Inszenierung von Männern gespielt. Von den Männern werden auch die männlichen Figuren in Doppelrollen dargestellt, ihr jämmerlicher Zustand in Frauenkleidung ist irritierend. Männer als Opfer – Henkel fordert den Zuschauer heraus, in andere Schubladen zu schauen. Natascha zum Beispiel ist eine kalte, egoistische Provinzgattin, eine ungewohnt ungelenke Person auf der Bühne. Bei Tschechow sind immer schon alle Menschen gekettet an ihre Herkunft, warum nicht in vertauschten Rollen. Es geht ja für alle um die alte Frage, wie man das Leben aushalten soll.

06:00 26.12.2018

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