Er war's, er war's ...

A-Z Verschwörung Es gibt viele Schuldige für Karl-Theodor zu Guttenbergs Rücktritt: die linken Medien, Andrea Ypsilanti, die Opposition - oder war er am Ende selbst der Königsmörder?

Akademische Welt


FAZ

Und fast wäre Häberle damit auch noch durchgekommen! Hat ja alles aufgefahren, um den Adelsmann zu blenden: ein halbes Dutzend Ehrendoktortitel, bundesrepublikanischer Verdienstorden, Max-Planck-Forschungspreis. Aber wahrer Adel ist sich nicht zu schade, unter sein Niveau zu gehen, wenn es gilt, höchste Werte zu verteidigen. Guttenberg, der Fuchs, merkt also, in was für eine Falle er geraten ist und liefert einen zusammengeschriebenen Quark ab, dass es eine Art hat. Das musste eines Tages einer merken. Häberle und der ganze Betrieb würden schön blöd dastehen! Und so ist es ja dann auch gekommen; was für eine „Flaschenpost“ (Adorno) in „dürftiger Zeit“ (Hölderlin). Michael Angele

Andrea Ypsilanti

Karl-Theodor zu Guttenberg hatte seine erste, stilbildende Zurückweisung – „abstrus!“ – des Plagiatsvorwurfs kaum formuliert, da hatten die Kollegen von der Mitteldeutschen Zeitung schon herausgefunden, aus welcher Ecke der abstruse Vorwurf kam: Ypsilanti. Der Bremer Staatsrechtler, Professor Fischer-Lescano, der die ersten abgekupferten Stellen in Guttenbergs Doktorarbeit entdeckt hatte, sei eines von über 200 Gründungsmitgliedern des „Instituts Solidarische Moderne“, meldete die Zeitung geradezu atemlos.

Das Institut mit Andrea Ypsilanti im Vorstand arbeitet seit Anfang 2010 an der rot-rot-grünen Idee und wird von deren Gegnern als Ypsilanti-Institut bezeichnet, um die Erinnerung an den Skandal der Hessenwahl 2008 mit Ypsilanti als SPD-Spitzenkandidatin wachzuhalten. Hans-Peter Friedrich reagierte auf das Stichwort sofort. Der zu dem Zeitpunkt noch Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Bundestag und heutige Bundesinnenminister erklärte: Fischer-Lescanos Rezension der Guttenberg-Arbeit sei ein „politisch motivierter Angriff von ganz Linksaußen“, sprich „nichts weiter als eine politische Sauerei“. Ganz linksaußen also, wo überhaupt nur zum Zweck der Kabinetts-Demontage gelesen und rezensiert wird, waren Strippen gezogen worden. Die Masche zog: „Die Ypsilanti hat ihn zur Hetzjagd ausgeschrieben“, lautete die Conclusio auch solcher Bildungsbürger, die keine Bild zur Meinungsbildung brauchen. Ulrike Winkelmann

DDR

Die DDR wurde ja mehrmals beerdigt. Erst politisch, dann wirtschaftlich, am Ende im Film. Doch nervenschwache Anti-Kommunisten blieben misstrauisch, ob sie denn auch wirklich tot sei. In ihren Alpträumen sahen sie Hammer, Zirkel und Ährenkranz über dem Reichstag wehen und wachten schweißnass auf. Das DDR-Gespenst war stets lebendig, nun hat es ein Gesicht: Thomas de Maizière. Im Netz finden sich Stimmen, die in Guttenbergs Nachfolger den späten Sieg der Volksarmee über die Bundeswehr sehen. Der neue Verteidigungsminister ist zwar ein gebürtiger Bonner, aber auch ein Cousin von Lothar de Maizière, dem letzten Ministerpräsidenten der DDR. Der spielt zwar nur noch den ganzen Tag Bratsche, aber schielt dabei bestimmt insgeheim Richtung Kanzleramt. Mark Stöhr

Familie

Als Karl-Theodor zu Guttenberg zu den Plagiatsvorwürfen Stellung nahm sagte er: „Meine von mir verfasste Dissertation ist kein Plagiat, und den Vorwurf weise ich mit allem Nachdruck von mir. Sie ist über etwa sieben Jahre neben meiner Berufs- und Abgeordnetentätigkeit als junger Familienvater in mühevoller Kleinstarbeit entstanden und sie enthält fraglos Fehler.“ Die Familie trägt also eine Mitschuld an seinem Sturz. Oder war es die Familienministerin? Klaus Raab

Medien

Einer meiner Facebook-Freunde, ein Journalist – denn Journalisten kennen ja meist nur Journalisten, daher auch der Tunnelblick – bedankte sich dieser Tage via Status-Update für 500 E-Mails, die ihn binnen weniger Minuten erreicht hätten. Darin wurde er in Kenntnis gesetzt, dass Guttenberg von einer Medienkampagne zu Fall gebracht worden sei. Den Wortlaut kann man auf der Facebook-Seite „Wir wollen Guttenberg zurück“ nachlesen, deren Mitgliederzahl sechsstellig ist: „Gegen die linke Mediendiktatur in Deutschland!“

Man könnte die These von der linken Mediendiktatur bezweifeln, fand sich doch in den Printmedien eine eher uneindeutige Meinungslage von „Gut! Guttenberg bleibt“ bis „Guttenberg kann Amt abschreiben“ – wäre sie nicht wissenschaftlich belegt. Die linke Mediendiktatur hatte schon in den achtziger Jahren etwa die Mainzer Publizistik-Professorin und Gründerin des Allensbach-Instituts, Dr. Elisabeth Noelle-Neumann, im Visier, die den Unionsparteien gerne auf Anfrage oder auch ohne Anfrage mitteilte, dass sie gerade von den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten um Wahlchancen gebracht würden: Journalisten stünden nämlich mehrheitlich links vom Mainstream.

Ob sie recht hatten mit ihrer kruden Theorie, die jedem Student den Glauben an die Wissenschaft austreiben könnte, gäbe es nicht noch ein paar andere Kommunikationswissenschaftler? Man weiß es nicht, man müsste es vielleicht mal erforschen. Als Ausgangspunkt der Recherche könnte vielleicht ein Fakt aus der linken Wikipedia dienen: Noelle-Neumann war 27 Jahre lang mit einem CDU-Politiker verheiratet. raa

Merkel

Die Kanzlerin ist nicht gerade bekannt für ihren zimperlichen Umgang mit der Konkurrenz im eigenen Haus. Bekanntlich gab sie 1999 mit einem Gastbeitrag in der FAZ CDU-Übervater Kohl zum Abschuss frei. Es folgten der Bierdeckel-Steuerexperte Friedrich Merz, der Landesvater Günther Oettinger, Christian Wulff wurde ins Bundespräsidialamt abgeschoben – und jetzt der Freiherr. Der strahlende Bayer wähnte kurz vor seinem Rücktritt laut Bild 87 Prozent der Republik hinter sich. Spätestens 2013 hätte es für Merkel da eng werden können. Kam das Messer im Rücken aus den eigenen Reihen? Die Kanzlerin machte in der Causa Guttenberg maximal mit halbherzigen Lippenbekenntnissen auf sich aufmerksam, während hinter der Kulisse bereits nach einem Nachfolger gesucht wurde. Den Erhalt von KTGs Rücktritts-SMS soll Merkel mit einem süffisanten Lächeln quittiert haben, wird kolportiert. Kurz nach KTGS Abgang teilte Volker Kauder mit, dass Merkel auch 2013 wieder Unions-Spitzenkandidatin werde. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt. Nico Schmidt

Neid

Neid, war nicht nur in zahlreichen Kommentaren von Guttenberg-Anhängern aus dem so genannten Volk zu lesen, hat der Freiherr aus Franken wie kein zweiter hervorgerufen. „Selbstbewusst, unabhängig durch Wohlstand, kultiviert und gebildet durch Herkunft, relativ jung“ – das sind die Attribute, die Guttenberg in jene seltsame Position versetzt haben, Teil eines politischen Betriebs zu sein, als dessen Opponent er zugleich galt. Wenn auch an der Sache mit dem Neid etwas dran sein mag, so ist das Argument dennoch differenziert zu betrachten. Neid gilt in Deutschland mentalitätsgeschichtlich als stark verbreitet und dient nicht nur deshalb als letztes Wort in allen Diskussionen, die gesellschaftliche Schieflagen beklagen oder Ungerechtigkeiten aufwerfen.

Dabei wird allerdings unterschlagen, dass Neid etwas ist, was nur unter Gleichgestellten vorkommt. Wer als Normalverdiener Bankerboni kritisiert, ist nicht neidisch: Das Leben, das sich mit Bankerboni führen lässt, liegt für den Normalverdiener so weit außerhalb seiner Vorstellungskraft, dass der Versuch, diese Distanz mit billigem Neid zu überbrücken, zwangsläufig scheitern muss. Neidisch ist man zum Beispiel auf den Kollegen, der für die gleiche Arbeit – gefühlt natürlich immer: für weniger Arbeit – mehr Gehalt bekommt, neidisch ist man auf den Nachbarn, vor dessen Doppelhaushälfte das dickere Auto steht.

Insofern kann man sogar Zweifel haben, ob Jürgen Trittin oder Dr. Dietmar Bartsch tatsächlich die größten Neider von Guttenbergs Beliebtheit sind – oder ob diese nicht sogar viel eher am Kabinettstisch oder in der eigenen Partei, der CSU, zu suchen wären. Matthias Dell

Professor Fischer-Lescano

Ist Enthüllungsprof Fischer-Lescano die Speerspitze einer Offensive von Linksaußen? Er ist schließlich Vertrauensdozent der Friedrich-Ebert-Stiftung und beteiligte sich an Andrea Ypsilantis „Institut Solidarische Moderne“. Hat man es daher mit einer „gezielten Schmutzkampagne“ zu tun? Fischer-Lescano, der angab, bereits 1992 aus der SPD ausgetreten zu sein, verhielt sich verdächtig still. Nach dem er den Plagiatsskandal angestoßen hatte, lehnte er Talkshow-Auftritte bei Anne Will und Co. ab. Womöglich weiß der Jurist mehr, als er ohnehin nicht sagt... nic

Politiker der Opposition

Immerhin einmal ist sich die Regierungskoalition einig: Die Opposition ist schuld! Sigmar Gabriel, Gregor Gysi und Jürgen Trittin haben im kollektiven ➝Neid KTG in den Rücktritt getrieben; missgünstig und niederträchtig nannten Sekundanten aus der dritten Oppositionsreihe den Erzengel der Aufrichtigkeit einen Lügner. Weil sie dem obersten Deutschlandverteidiger nicht am Karren flicken konnten, zogen sie eine Prüfungsleistung an den Haaren herbei.Doch Wahltag ist Zahltag, da weiß Kanzlerin ➝Merkel die Facebook-Scharen hinter sich.

In nichtöffentlichen Foren geht man noch einem anderen Verdacht nach: Karl Lauterbach soll KTG eine selbstgebraute Variante von Liquid-Ex ins Weizenbier gekippt haben, weshalb sich dieser in Dr. G und Mr. Hide spaltete. Tobias Prüwer

Personalisierung

Wie viele Menschen des öffentlichen Interesses empfindet KTG eine Hassliebe gegenüber den Medien. Zumindest stellt er es so dar und machte diese Ambivalenz auch in seiner Rücktrittsrede zum Hauptthema. Die Klage über die Wucht der medialen Betrachtung der selbstgeschaffenen Medienfigur erscheint wehleidig aus dem Mund eines Mannes, der das mächtigste deutsche Schmierblatt hinter sich weiß.

Die Eingeständnisse, dazu selbst viel beigetragen und sich bewusst dafür entschieden zu haben („Wer sich für die Politik entscheidet, darf kein Mitleid erwarten“), haben etwas Kokettes – weiß KTG doch, dass Norbert Lammert, egal wie groß die Eigenleistung, nie so viel Aufmerksamkeit bekäme. Sophia Hoffmann

Sozialverbände

Wer tritt demnächst zum Fahnenappell an, wenn er nicht mehr muss? Guttenberg war noch im Amt, als Befürchtungen laut wurden, das mit der Freiwilligenarmee könne möglicherweise eine recht einsame Angelegenheit werden. Dass er nun auf Schloss Guttenberg den Krokussen beim Wachsen zusieht, hat er wohl einflussreichen Saboteuren der Bundeswehrreform zu verdanken. Die kommen aber, folgt man den auf Facebook diskutierten Theorien, nicht aus Militärkreisen, sondern von der Gegenseite: den Sozialverbänden. Die haben Angst, dass den von ihnen vertretenen Einrichtungen – Kindergärten, Altenheimen oder Krankenhäusern – das billige Personal ausgeht. Im Schnitt 400 Euro monatlich verdient ein Zivildienstleistender bei seinem Vollzeiteinsatz und unterbietet locker alle Mindestlohn-Sätze. Damit die derzeit rund 40.000 Zivis bleiben dürfen, musste Guttenberg gehen. So einfach ist die Welt für manche. MS

Zu Guttenberg

Abstrus, klar, aber auch diese kursierende These soll nicht verschwiegen werden: Karl-Theodor zu Guttenberg ist selbst schuld. Einerseits, weil er wissenschaftliche Standards nicht eingehalten hat und sich in seiner Doktorarbeit zahlreicher, nicht ausgewiesener Quellen bediente (= plagiierte). Andererseits, weil er in dem Zeitraum zwischen ersten Enthüllungen und seinem finalen Rücktritt zwar jene bekannt gewordenen Fehler letztendlich eingestand, diese aber, unter dem Pathos-Deckmäntelchen der Verantwortungen und der Aufgaben seines Amtes, permanent auf arrogante Weise banalisierte und so als Lappalien abtat. Damit schaffte er es spielend, Gegner verschiedenster Lager zu mobilisieren, weil dieses Verhalten suggeriert: Ist doch egal, wie ich zu meinem akademischen Titel gekommen bin, wichtig ist doch nur, dass ich meinen Job mache und Durchhaltevermögen beweise!

Wenn Politik so einfach wäre, käme niemand darauf, die Frage zu stellen: Wenn er in diesem Fall nicht wusste, was er tut, weiß er es denn in anderen Fällen? (Dies ist übrigens ein Zitat: von Oliver Lepsius, Staatsrechtsprofessor in Bayreuth) SH

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17:15 10.03.2011

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