Er will es wissen

Im Gespräch Jimmy Wales hat die Enzyklopädie revolutioniert: Das Internetlexikon Wikipedia ist heute wichtiger als Brockhaus & Co, er selbst der Promi unter den Nerds

Der Freitag: Herr Wales, kriegt man als Nerd leichter Frauen rum, wenn man berühmt ist?

Jimmy Wales:

Äh … was?! Nein. Wissen Sie, ich bin sehr langweilig. Das hat sich nicht verändert.


Schwarmintelligenz – Die Wahrheit über Wikipedia


Aber Sie sind der Wikipedia-Vater. Ein Internet-Guru! Ihr Leben muss sich doch verändert haben, seit Sie ein Superpromi sind.

Ich bin wie David Hasselhoff: superbekannt in Deutschland, mittelmäßig bekannt in den USA. Aber klar, mein Leben hat sich verändert. Ich werde gestalked. Leider vor allem von Männern. Verrückten Männern. Da gibt es diesen einen, der mir seit vier Jahren fünf Mal pro Tag von verschiedenen ­E-Mail-Adressen aus schreibt. Es ging so weit, dass ich Personenschutz brauchte. Und was die Frauen betrifft: Mir werden immer wieder Affären angedichtet, zuletzt soll ich angeblich etwas mit Celia von Bismarck gehabt haben.

Sie sind der Gründer eines der ­liberalsten und radikalsten Projekte im Internet. Was ist Ihre konservativste Seite?

Wenn es um Qualität geht, bin ich sehr traditionell. Für die Wikipedia-Einträge gilt: Du brauchst eine eindeutige, anerkannte Quelle, sonst wird der Beitrag gestrichen. Und dann merke ich im Privatleben, dass ich konservativ bin. Jedes zweite Wochenende verbringe ich mit meiner achtjährigen Tochter in Florida, da benehme ich mich wie ein normaler Vater: Wir fahren Fahrrad, wir … wobei, nein, das stimmt nicht, wir lernen natürlich auch Computersprachen. Sie ist ein bisschen nerdig, wie ihr Vater.

Ihre Tochter wird ohne Lexika groß werden. Für sie gibt es nur noch Wikipedia. Finden Sie es wichtig, dass sie auch Dinge auswendig lernt, oder reicht es, zu wissen, wo man Wissen findet?

Das auswendig gelernte Wissen hat heute eine geringere Bedeutung. Wichtiger ist die Medienkompetenz. Ich möchte, dass meine Tochter lernt: Wie finde ich ­etwas und bewerte es richtig?

Was denkt Ihre Tochter, dass ihr Vater beruflich macht?

Sie kennt Wikipedia, weiß, dass ich viel reisen muss. Aber neulich erzählte sie von einem Gerücht an ihrer Schule: Ich sei Milliardär. Das musste ich korrigieren.

Aber Sie haben viel Geld in den Neunzigern an der Börse mit ­Futures gemacht – den Spekula­ionswerkzeugen, aus denen die ­Finanzkrise gemacht ist. Ahnten Sie damals, womit Sie handelten?

Nicht wirklich. Aber ich muss zu meiner Verteidigung sagen: Ich war in einem recht regulierten Markt tätig. Die Probleme entstanden, weil sich die Banken jenseits der Börsen in einem extrem risikoreichen Markt bewegten, den kein Mensch mehr begriff. Obwohl ich durch meine damalige Arbeit einen gewissen Wissensvorsprung habe, muss ich sagen: Ich verstehe überhaupt nicht, was da los ist, und die Vorstellung, dass der Staat Billionen locker machen muss, um Unternehmen zu retten, erschreckt mich.

Beeinflusst die Krise Wikipedia?

Wir sind spendenfinanziert, und ich hatte Sorgen, dass die Krise das Spendenverhalten beeinflussen würde, aber dies war bislang nicht der Fall. Für Nutzer ist das Internet eine ausgesprochen günstige und krisensichere Unterhaltungsform. Niemand denkt: Das kann ich mir nicht leisten.

Haben Sie eine Spendenpolicy oder nehmen Sie von jedem Geld entgegen?

Bislang hatten wir keine fragwürdigen Angebote. Grundsätzlich gilt, wenn die Spendensumme größer ist als 100.000 Dollar, befasst sich der Wikipedia-Vorstand damit. Dann prüfen wir, ob Interessen dahinterstehen, die für uns problematisch sind.

Deutschland ist heute das professionellste Wikipedia-Land. Wie erklären Sie sich das?

Nun, es gibt mehrere Faktoren. Die Wikipedia-Szene ist seit Langem sehr stark in Deutschland …

Liegt es vielleicht an der deutschen, besserwisserischen Mentalität?

Klar, die Deutschen sind sehr organisiert, zuverlässig, strukturiert – wobei die Taiwaner das meiner Meinung noch besser können. Vor allem aber gibt es in Deutschland eine historische Brockhaus-Tradition. Fast jedes Kind ist vertraut mit der Funktion eines Lexikons. Die arabische Welt zum Beispiel kennt diese aufklärerischen Ideen in ihrer Kultur gar nicht.

Die europäische Aufklärung führte in den Kolonialismus. Könnte Ihre digitale Aufklärung in einen digitalen Kolonialismus führen?

Das glaube ich nicht. Natürlich muss man den kulturellen Einfluss von Wikipedia beachten. Aber die Menschen sind doch begeistert davon, Wikipedia in ihrer eigenen Sprache zu führen.

Aber die Art, Wissen zu definieren und darzustellen, ist eine zutiefst westlich-aufklärerische. Es gibt ja kein arabisches Wikipedia, sondern ein englisches Wikipedia auf Arabisch.

Ich denke nicht, dass neutrales Wissen eine Unterdrückung darstellen kann. Alle Menschen wollen doch etwas über die Welt erfahren. Das ist ein universales ­Bestreben. Mich begeistert die ­Vorstellung, dass Menschen aus fernen Ländern, von denen wir nichts wissen, Wikipedias gründen. Das wird einen radikalen Einschnitt geben in unserer Wahrnehmung der Welt.

Sind die Leute heute intelligenter als vor 20 Jahren?

Nein, aber sie sind besser darin, sich zu informieren.

Aber es gibt immer noch Krieg und Hass und Hunger. Wie wichtig ist Wissen?

Ich denke, Wissen wird die Welt verändern und Wikipedia wird das mitunterstützen.

Erinnern Sie sich an das erste Mal, als Sie online waren?

Das war 1989, ich hatte E-Mail, FTP und überhaupt keine Ahnung. Als ich ein Dokument herunterladen wollte, dachte ich plötzlich erschreckt: Oh nein, das ist ein Ferngespräch, das wird wahnsinnig teuer für meine Uni. Dass Entfernung keine Rolle spielt, finde ich bis heute das Faszinierendste am Internet.

Wie kamen Sie auf die Idee, Wikipedia zu gründen?

Ich hatte schon seit Längerem die Gratissoftware-Szene beobachtet, und ich dachte: Na ja, das ist ein Hobby, man kann aber nur ernsthaft arbeiten, wenn man eine Firma hat, die Produkte herstellt und diese verkauft. Das war ein Irrtum. Denn die Motivation der Programmierer war nicht Geld. Sie wollten sich untereinander austauschen, und sie waren interessiert an Free Licensing. Unter diesen Bedingungen arbeiteten sie zusammen, gratis. Ich dachte, eine freie Enzyklopädie, zu der jeder beitragen darf, das ist das geisteswissenschaftliche Äquivalent einer freien Softwareprogrammierung.

Und, sind Sie zufrieden damit?

Ich bin begeistert. Zwei Dinge gefallen mir besonders: das Wachstum von Wikipedia im nicht englischen Sprachraum und die enorm verbesserte Qualität der Beiträge. Die akademische Welt nimmt ­Wikipedia ernst und hat an ihr teil. Wir werden also nicht zu einem MySpace des Wissens.

Was stört Sie an MySpace?

Es tut mir in den Augen weh. All das Blinken und Leuchten. Wir haben hier einen anderen Auftrag, wir wollen neutrales Wissen vermitteln, dafür braucht man keine Privatfotos.

Wie viele weibliche Wikipedianer kennen Sie?

Einige, wieso?

Sie reden viel von der Demokratisierung des Wissens. 80 Prozent der Wikipedia-Autoren sind aber weiß, männlich, zwischen 25 und 35 Jahre alt und kommen aus der westlichen Welt.

Nun, fast alle technologischen und intellektuellen Bereiche sind von Männern dominiert. Und klar, Wikipedia kommt aus der Technik-Ecke. Wenn Sie über den USB-Standard lesen wollen, gibt es vermutlich keine bessere Quelle als Wikipedia. Wenn Sie über frühkindliche Entwicklung lesen wollen, ist Wikipedia nicht optimal.

Wie wollen Sie das ändern?

Einerseits müssen wir Seminare anbieten, die Wikipedia erklären, andererseits das Edit-Formular verbessern und vereinfachen.

Wie wird man in 100 Jahren auf unser Wikipedia schauen?

Als wir anfingen mit Wikipedia, wollten wir das Britannica-Lexikon von 1911 als Grundstock nehmen, die Lizenzrechte waren abgelaufen und billig zu haben. Wir schauten uns das Lexikon an und merkten: Das Wissen ist völlig überholt. Es war aus einer heute völlig unverständlichen kolonialen Sichtweise geschrieben. Das ist, glaube ich, die Chance von Wikipedia, dass es sich wie Wissen ständig verändert.

Was ärgert Sie an Wikipedia?

Ungenauigkeit und Falschmeldungen. Ein berühmtes Beispiel: Während der Obama-Inauguration waren zwei ältere Senatoren aus dem Bild verschwunden. Auf Wikipedia stand, sie seien gestorben. Das war Unfug. Ich sah die Nachrichten, checkte Wikipedia – und dachte: Das geht nicht! Aber es wurde innerhalb von Minuten korrigiert.

Von Ihnen?

Nein, ich hatte es versucht, aber ein anderer war schneller.

Korrigieren Sie selbst Einträge?

Sehr selten, ich bin eher das Gesicht nach außen, vermittle bei Konflikten.

Wie muss man sich Ihre Rolle als Vermittler vorstellen?

Ach, es gibt bei Open-Source-Projekten viele Meinungen, und wenn man sich nur per Internet verständigt, wird der Ton schnell ernst. Dann trifft man sich, trinkt ein Bier und alles ist halb so schlimm.

Warum haben Blogger so einen aggressiven Ton?

Ich denke, wir lernen gerade erst, dass man den Tonfall online nicht mitbekommt.

Warum arbeiten die Wikipedianer eigentlich gratis für Sie?

Sie arbeiten nicht. Sie machen das freiwillig, weil es ihnen Spaß macht. Ihnen gefällt die große Idee des freien Wissens für alle. Sie treffen andere schlaue Menschen. Sie tauschen sich aus.

Hat es nicht auch etwas mit digitalem Narzissmus zu tun?

Na ja, das sind ja keine Blogger. Blogger wollen ihren eigenen Blog, ihren eigenen Namen, ihre eigene Meinung. Wikipedianer sind viel weniger sichtbar und eitel.

In Ihrem Eintrag steht „Jimmy Wales hat die Rolle von Larry Sangers bei der Gründung von Wikipedia heruntergespielt“. Müssen Sie den Impuls unterdrücken, diesen Eintrag zu ändern?

Ich weiß, was Sie meinen, und ich finde: Man darf seinen eigenen Eintrag nicht ändern. Es ist etwas sehr Merkwürdiges, plötzlich eine öffentliche Person zu sein – es gibt Informationen über dich, die nicht deckungsgleich sind mit deinen eigenen. In meinem Eintrag stand auch: Interessiert sich für Waffen. Das ist falsch. Aber wie kommt der Eintrag da rein? Nun, die Autoren haben mich gegoogelt und fanden irgendwann heraus, dass ich auf einer Mailing-List stand, die sich mit Waffenverboten beschäftigte. Andererseits bin ich auch ein großer Segelfan. Aber weil darüber nichts im Internet steht, findet sich nichts in meinem Eintrag.

Das Wissen auf Wikipedia ist also ungenau. Das wirft Ihnen Larry Sanger auch vor.

In manchen Punkten hat er recht. Aber Wikipedia ist eher guter Journalismus als gute Forschung. Wir wollen Dinge genau und verständlich erklären. Unsere Erfahrung zeigt, je mehr Leute an dem Eintrag arbeiten, desto besser wird er.

Welche technologische Entwicklung finden Sie überflüssig?

Ich frage mich manchmal, ob es eine gute Idee war, E-Mails auf Telefonen zu empfangen. Die Leute sind abhängig geworden von ihren Blackberrys. Meine Job-E-Mails empfange ich nicht mehr auf meinem Handy. Es war zu nervig.

Das Interview führten Steffen Kraft und Mikael Krogerus

Hier stellt Jimmy Wales sein neues Projekt vor: "Wiki Search" - die Google-Konkurrenz

So funktioniert Wikipedia

Wikipedia

Das Internetportal versucht, eine Enzyklopädie des Wissens aufzubauen, die sich aus freien Inhalten in allen Sprachen der Welt zusammensetzt. Grundsatz ist das demokratische Prinzip. Jeder kann mit seinem Wissen dazu beitragen. Die einzelnen Artikel oder Einträgekönnen theoretisch unendlich angereichert werden. Seit Mai 2001 sind so bis Redaktionsschluss 895.266 Artikel in deutscher Sprache entstanden. Aber: Gute Autorinnen und Autoren sind stets willkommen, wie es auf der Homepage heißt. Und die benötigt das Projekt, um einen gewissen Qualitäts- und Wahrheitsanspruch zu erfüllen. Dabei setzt Wikipedia auf die selbst korrigierende Kraft seiner Onlinegemeinde. Falls eine falsche Behauptung in einem Eintrag auftaucht, können andere Autoren diesen berichtigen und tun es hoffentlich auch.

Die besten Einträge auf Deutsch

Wikipedia selbst bietet seinen Autoren und Nutzern die Möglichkeit, in einem Diskussionsforum Einträge zu bewerten und besonders gute Einträge als exzellent zu klassifizieren. In diese Auswahl sind zurzeit 1.538 Artikel aufgenommen. Die meisten exzellenten Einträge finden sich in den Themenbereichen Wissenschaft, Philosophie, Geschichte sowie Kunst und Kultur. Besonders fundiert und ausführlich gestaltet sind in deutschen Einträgen Artikel zu regionaler und städtischer Geschichte. In einer Auswahl-Unterkategorie können Nutzer und Mitwirkende Einträge als lesenswert ausweisen. Wie sich Wikipedia allerdings für ganz andere Zwecke als nützlich erweisen kann, zeigt etwa der Eintrag zu Bruno Schirra, einem deutschen Investigativ-Journalisten: Im Protokoll der Artikel-Entstehungsgeschichte sind immer noch Einträge zu lesen, in denen behauptet wird, Schirra verletzte seine Unterhaltspflicht gegenüber seiner Tochter. Auch gegen üble Nachrede kann nur das Kollektiv korrektiv eingreifen.

11:00 29.04.2009

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