„WTF. Hast du gemerkt, wie unberechenbar die Alte geworden ist?“

Erbstreit Corinna Harfouch ist „Queen Lear“ am Maxim Gorki Theater. So heutig wie die Sprache sind die verhandelten Diskurse

Die Queen dankt ab. Genug geherrscht. 500 gute Jahre waren es. Jetzt gilt es, das Reich den Kindern zu überlassen. Vom epischen Machtübergang kündet der Prolog zu Queen Lear, nach Shakespeare und mit Corinna Harfouch in der Hauptrolle. Live animiert wird der handgemachte Vorspann: große Leinwand auf der Gorki-Bühne und der Hofnarr (mit grünem Haar und Riesenohren: Oscar Olivo) hält eine schwarze Tafel in die Kamera, bewegt sie vorsichtig nach oben. Weiße Lettern laufen ins Unendliche, künden von Ereignissen in einer fernen Galaxie, in der eine lange Regentschaft endet.

Star Wars stand visuell Pate für Christian Weises Inszenierung. Nicht nur das ikonische Film-Intro: Im Raumschiff geht es weiter, zwischen bemalten Kulissen. Fürs Publikum uneinsehbar, aber auf der Leinwand groß wie im Kino, befragt die Queen ihre drei Sprösslinge, was diese ihr an Liebe bieten, um je ein Drittel ihres Landes zu erringen. Steif steht das Trio neben der Mutter, die im schwarzen Darth-Vader-Outfit aus Steppjacken (Kostüm: Paula Wellmann) auf ihrem Pilotensessel thront und starr in die Kamera blickt. Zwei schmeicheln ihr, Regan und Goneril. Lieblingstochter Cordelia verweigert die Übertreibung – und wird enterbt. Das Reich stürzt ins Chaos, am Schluss sind alle tot. Die Königin hat falsch entschieden, blind vor Macht.

Shakespeares Szenenfolge bleibt das Autor:innenkollektiv Soeren Voima in seiner Neufassung treu. Beherzt greift es in die Figurenkonstellation ein: Die Machthaber sind Frauen, neben Queen Lear auch Bossy Gloster (Catherine Stoyan), in deren Sippe es ähnliche Nachfolgekämpfe gibt wie bei den Lears. Lears ältere Töchter Goneril und Regan werden zu Söhnen – weil, so teilt es Weise im Gorki-Spielzeitheft mit, sie durchweg bösartige Charaktere seien und Shakespeares Stück in diesem Belang frauenfeindlich. Problematische Aspekte: gecancelt, wie Proud Boy Edmund, unehelicher Spross der Gloster-Sippe, schreien würde. Oder: mit Augenmaß aktualisiert.

Heutig ist die Sprache – „WTF. Hast du gemerkt, wie unberechenbar die Alte geworden ist?“, fragt Prince Goneril. Heutig sind auch die Diskurse, wie am Gorki zu erwarten, dem Hauptstadttheater für die swingende Zeitgenossenschaft. Edmund, der gegen seine Schwester Eddy intrigiert, verteufelt Gender„wahn“ und politische Korrektheit: „Seit über zehntausend Jahren regieren die Männer. Wie ungerecht. In der Tat. Aber warum regieren sie denn? Weil sie stärker sind, entschlossener, schlagfertiger“, zischt Aram Tafreshian mit stolz erhobenem Kinn und abfällig gesenkten Mundwinkeln in die vor seinem Gesicht aufgepflanzte Kamera. „Meine Muskeln sind straff. Mein Wille kolossal. Ich fürchte nichts“, bekennt er sich zur toxischen Männlichkeit. Tafreshian und seine Kolleg:innen haben sichtlich Spaß an der artifiziellen Spielweise.

Eine Dimension tiefer Mutterliebe

Auf keine einheitliche Spielhaltung festgelegt scheint Corinna Harfouch. Da ist die harte Autorität des Beginns. Wenn sie aber als vor Schmerz verrückt gewordene Queen über die nebelige Bühne stolpert oder gar im Gorki-Garten nasse Blätter sammelt und Zweige liebkost, erinnert die Zartheit ihrer Figur an Hamlets Ophelia. Ihr Abschied von der toten Cordelia, die sie in einer Schubkarre auf die Bühne schiebt, fügt dem Lear eine Dimension tiefer Mutterliebe hinzu. Überrollen lässt sich Harfouch willig von Svenja Liesau und deren Talent für Komik als Sister Eddy. Die ist vor dem Mordkomplott ihres Bruders geflohen, als „Arm Tom“ haust sie in der Heide, in welcher auch Lear dem Sturm trotzt. Und quatscht sie an, endlos berlinernd wie ein Kiezgewächs. An einer Stelle muss Harfouch lachen – vielleicht geskriptet, aber es ist ein schönes Zeichen für das Zurücktreten einer Virtuosin, die einer neuen Generation die Bühne überlässt.

Die Generationenfrage ist deutlich herausgearbeitet. Queen Lear setzt auf Autorität und Verantwortung, die Jüngeren auf Hedonismus und Identität. Gonerils Lakai Cutie Oswald (Mazen Aljubbeh) verbittet sich maulig jegliche Diskriminierung, und Fabian Hagen ruft das AGG auf, wenn er sich als „Clerk Kent“, als persönliche Referent:in bewirbt: „Ich arbeite auf selbstständiger Basis, bin keiner Gewerkschaft anhängig, austherapiert, offen für alles.“ Die hyperflexiblen Prekären lassen grüßen.

Enormen Witz zieht die Inszenierung anfangs aus der Überlagerung von König Lear und dem Krieg der Sterne. Das Stilmittel nutzt sich ab, die drei Stunden Spielzeit ziehen sich. Das Ende ist dann noch einmal ein Fanal: Edmund, der sich nach einem Lichtschwert-Duell von Goneril und Regan als Sieger der Geschichte wähnt und über die Schwachheit der „moralisch Reinen“ monologisiert, wird von seiner Schwester eindrücklich zum Verstummen gebracht. Eddy schneidet ihm die Kehle durch, mit den trockenen Worten: „Realismus ist immer die brutalste Art der Illusion.“ Die Deutungshoheit liegt bei einer neuen Generation. Deren Konfliktlinien hier offenliegen. Die Queen hat abgedankt.

Info

Queen Lear Regie: Christian Weise Maxim Gorki Theater, Berlin

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