Erde an Erde: Ende Erde

Erhitzung Sind in der Klimadebatte heute zu viele Apokalyptiker unterwegs? Aber nein, es müssten noch viel, viel mehr sein

Weltweit und zeitgleich demonstrieren Millionen Menschen gegen eine Drohung, die sie alle existenziell betrifft. Also hat die Apokalypse bereits stattgefunden, möchte man meinen. Zumindest im ursprünglichen Sinne des Wortes: Offenbarung. Die Herausforderung des Klimawandels ist ins globale Bewusstsein gekommen. Einer nie dagewesenen Situation wird mit historisch einmaligen (wenngleich noch symbolischen) Mitteln begegnet. Freilich hört der biblische Bezug damit auf. Denn natürlich geht es jetzt nicht um die Erwartung eines imaginierten Endzeitpunktes, sondern darum, die Konsequenzen eines Prozesses, der bereits eingesetzt hat, möglichst zu verringern.

Allerdings haben die Leugner des Offensichtlichen ihr letztes Wort noch nicht gesprochen. Da die Fakten unstrittig geworden sind, werden jetzt die Reaktionen auf die Fakten moniert. Dabei sind jene, die Angstlust, Klimakitsch und Gretakult verhöhnen, alles andere als kühle Realisten. Sie sind selbst in irrationalen Glaubenssätzen gefangen, die sich am besten unter dem Stichwort „Unendlichkeitsfanatismus“ subsumieren lassen. Unbegrenzt seien die irdischen Ressourcen, die technische Überlistung der Natur, die Selbstheilungskräfte der Märkte, das Wachstum. Jedes Schulkind würde solche Dogmen irre finden, darum brauchte es ein Schulkind, um den Irrsinn offen auszusprechen.

Die Haltung, die auch Michael Angele in Ausgabe 38/19 des Freitag als „apokalyptisch“ abgetan hat, entspricht viel eher der „Heuristik der Furcht“, wie sie vor genau 40 Jahren der Philosoph Hans Jonas empfahl: Behalte stets das Worst-Case-Szenario vor Augen, damit du das zu schätzen und aufzubewahren lernst, was das Leben wirklich lebenswert macht. Es geht darum, schrieb Jonas, „das Positive vom vorgestellten Negativen“ zurückzugewinnen. Ähnlich argumentiert der Schriftsteller Jonathan Franzen in seinem jüngsten Aufsatz „Wie wär’s, wenn wir zu heucheln aufhören würden?“. Die „Klima-Apokalypse“ kommt sowieso, schreibt er, also wären wir gut beraten, uns damit abzufinden und zu beginnen, „über die Hoffnung neu zu denken“. Dafür musste er von Leugnern wie Aktivisten des Klimawandels Prügel einstecken. Zugegebenermaßen fällt sein Fazit etwas defätistisch aus. Doch sind Franzens Argumente nicht von der Hand zu weisen.

Der Mittelweg ist der Tod

So warnt er vor der häufig vorgebrachten Behauptung, es blieben nur noch zehn Jahre oder gar 18 Monate, um die „Klimakurve“ hinzubekommen. Wie werden denn die Menschen reagieren, wenn (wie zu erwarten ist) zu dieser Deadline die vorgegebenen Ziele nicht erreicht sind? Es ist ohnehin gefährlich, zu suggerieren, dass die Einhaltung einer bestimmten Emissionsgrenze ein heterogenes Problembündel mit unvorhersehbaren Rückkopplungen ganz aus der Welt schaffen würde. Zu Recht meint Franzen, die Leugnung der Lage sei nicht nur Konservativen vorbehalten, auch progressive Politiker können das ganz gut. Nicht dass sie unbedingt lügen. Nur lassen sich schrittweise, mühsam erarbeitete Kompromisse mit der Dringlichkeit der Situation schwer vereinbaren. In Gefahr und höchster Not bringt der Mittelweg den Tod. Sich mit Carl Schmitt zu fragen, wer denn sonst über den Ausnahmezustand entscheiden soll, hilft nicht weiter. Wir sind in einem Ausnahmezustand.

Selbst scheinbar radikale Forderungen nach einem „Green New Deal“ und einem kompletten Übergang zur „sauberen Energie“ tragen zur Verharmlosung bei. Es ist die Art von technokratischer Rhetorik, die Günther Anders „Vernüchterung des Entsetzlichen“ nannte. Ja, Wind und Sonne sind unbegrenzt verfügbar. Doch um daraus Energie zu gewinnen, zu speichern und zu verteilen, sind Rohstoffe unerlässlich, die es nicht sind. Basierend auf einem Bericht der World Bank bezifferte letztlich die Zeitschrift Foreign Policy die Metallmengen, die zusätzlich gefördert werden müssten, um bis 2050 den aktuellen weltweiten Verbrauch mit „sauberer“ Energie zu decken. Es sind Abermillionen Tonnen Kupfer, Blei, Zink, Aluminium und Eisen. Silber und Indium für die Solarpanels. Lithium für die Batterien. Neodym, Dysprosium, Kupfer und Kobalt für Elektroautos. Wohlgemerkt: allein, um das aktuelle Konsumniveau beizubehalten.

Mit „grünem Wachstum“ würde sich die Übernutzung noch beschleunigen. Nur Pech für den globalen Süden, wo sich all diese Vorkommen befinden. Dort müssten gigantische Bergwerke entstehen, dafür Wälder gerodet und Anbauflächen geopfert werden. Toxische Abfallhalden und vergiftetes Grundwasser würden die Ökosystemen verstärkt zerstören. Mit einem Wort: Kapitalismus 2.0. würde genau die Bedingungen reproduzieren, die zur jetzigen Lage geführt haben, Kolonialismus und Massenflucht eingeschlossen.

Foreign Policy, beileibe keine linksgrüne Postille, schlussfolgert: „Keine Energie ist unschuldig.“ Demnach könnte die einzige Wende in einer drastischen Reduzierung des Energieverbrauchs bestehen, und zwar in den reichen Ländern, die es sich leisten können. Dafür seien Maßnahmen unumgänglich wie: gesetzlich verordnete Verlängerung der Produktlebensdauer, Übergang von Privatwagen zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Minimierung von „sozial unnötigen Industrien und übermäßigen Luxuswaren“. Freilich ließe sich die Liste mit weiteren Klimaschädlingen erweitern: industrielle Landwirtschaft und Tierhaltung, Kreuzfahrtschiffe, Luftverkehr, Internet-Streaming. Und hier treffen wir wieder auf Franzens Vorbehalt. Solche Maßnahmen, schreibt er, sind theoretisch möglich. In der Praxis müsste die Politik willig und fähig sein, sie durchzusetzen, und zwar weltweit. Das hieße, sich mit Wirtschaftslobbys anzulegen, für die eine Abnahme der Kapitalrendite oder staatliche Lenkungen schlimmere Albträume sind als die Extinktion des irdischen Lebens.

Für die meisten Treibhausgas-Emissionen sind um die 100 Großkonzerne verantwortlich. Natürlich schieben sie den schwarzen Peter den Konsumenten zu, die sie ja beliefern. „Klimasünder“ sei jeder Einzelne. Und jeder versucht mehr oder minder auch, zwischen ethischem Gewissen, Gewohnheiten und Notlage irgendwie zu balancieren, wohl wissend dennoch, dass individuelle Entscheidungen die Welt nicht retten werden. Konsumenten sind jedoch gefügige Tiere. Ganz brav haben sie ihre Vinylplatten und VHS-Kassetten entsorgt, als es die Industrie befahl. Sie werden auch nicht rebellieren, wenn keine SUVs und Wintererdbeeren mehr im Angebot sind. Die einzigen Lösungen liegen an der Quelle der Emissionsproduktion. Doch wie gesagt, ist die Frage nicht, ob, sondern wie solche Lösungen implementiert werden können. Diesbezüglich scheint die Klimabewegung übermäßige Erwartungen an die Handlungsspielräume der Regierungen zu haben. Entsprechende Enttäuschungen sind vorprogrammiert. Vielleicht fehlt es ihnen noch an Apokalyptik.

Angst in den Ministerien

Derzeit hören wir, dass sich in Ministerien wie auf Konzern-Etagen nackte Angst vor einer deutschen Gelbwesten-Bewegung verbreitet. Von der Ablehnung einer Benzinsteuer ausgehend sind die Gelbwesten dazu gekommen, Klimapolitik mit der Forderung nach institutioneller Demokratisierung und sozialer Gerechtigkeit zu verbinden. Freilich konnten sie bislang nicht genug Druck ausüben, um substanzielle Veränderungen zu bewirken. Und über die Chancen, dass eine globale Bewegung erforderliche Maßnahmen erzwingen könnte, sind Zweifel durchaus berechtigt. Aber wie meinte Jean-Pierre Dupuy, Theoretiker des „aufgeklärten Katastrophismus“? Nur noch ein Wunder kann uns retten, vorausgesetzt, dass wir es nicht erwarten.

Info

Von Guillaume Paoli erscheint demnächst bei Matthes & Seitz das Buch Soziale Gelbsucht

Dieser Beitrag ist eine Entgegnung auf den Beitrag „Eine Menschheitsaufgabe“ von Michael Angele

06:00 15.10.2019
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