Erdgaskrise: Sanieren ist besser als subventionieren

Transformation Deutschland hat die Wahl: Entweder auf Jahre teures Erdgas staatlich zu subventionieren oder schon jetzt die Transformation angehen. Das bedeutet konkret: Heizungen und Wohnungen umrüsten und sanieren

Von sozialem Sprengstoff sprach Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Sommer. Gemeint war der enorme Anstieg der Heizkosten, ausgelöst durch den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und das Wegfallen der russischen Erdgaslieferungen. Im September erreichte der durchschnittliche Konsumentenpreis für Erdgas das Dreifache des Vorjahres. Entschärft werden soll die explosive Situation durch eine gewaltige Subventionierung des Gaspreises. Knapp 100 Milliarden Euro gibt Finanzminister Christian Lindner dafür bis März 2024 an Krediten frei. Doch eine nachhaltige Entschärfung bringt diese Maßnahme nicht.

Der Think-Tank E3G zeigt in einer Studie, dass Deutschland bis 2030 mit hohen Gaspreisen rechnen muss. Der Ersatz russischer Lieferungen durch Flüssigerdgas (LNG) und verstärkte Importe aus Norwegen könnte Deutschland bis dahin jährlich 15 bis 25 Milliarden Euro zusätzlich kosten. Die Mehrkosten könnten so bis 2030 bei insgesamt 200 Milliarden Euro liegen. Haushalte und Unternehmen würden jahrelang hohe Belastungen erleben. Für eine durchschnittliche Familie würde die jährliche Gasrechnung um 1.300 Euro steigen.

Eine dauerhafte Subventionierung der hohen Gaspreise wäre nicht nur finanziell, sondern auch ökologisch ruinös. Wirklich entschärft wird die Krise erst, wenn es gelingt, den Erdgasverbrauch dauerhaft zu reduzieren. Dann würden die enormen Kosten vermieden, anstatt sie nachträglich zu subventionieren, und Deutschland wird dem Ziel der Treibhausgasneutralität einen großen Schritt näher gebracht.

Viele versuchen schon jetzt, Gas zu sparen. Kurzfristig sind diese Einsparungen beim Duschen und Heizen wichtig, um uns vor hohen Kosten oder gar einem Gasmangel zu schützen. Mittelfristig aber sollte es darum gehen, dass Wohnungen und Gewerbe auch mit weniger Gas warm werden.

Unsere Studie zeigt, dass der Erdgasverbrauch für Raumwärme und Warmwasser bis 2030 auf ein Drittel gesenkt werden kann, und zwar ohne Zurückdrehen der Temperaturen. Nötig sind dafür ein massiver Einbau von Wärmepumpen und deutlich mehr energetische Sanierungen von Wohnungen. Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit, Energie-Unabhängigkeit – alles spricht dafür, die ohnehin notwendige Transformation vorzuziehen und dieses Einsparpotenzial schnellstmöglich zu nutzen. Deutschland kann damit sogar mehr Erdgas einsparen, als über die geplanten LNG-Terminals importiert werden soll. Das ebenso große Einsparpotenzial in der Industrie ist da noch gar nicht mitgerechnet.

Um zu den nötigen Investitionen anzureizen, braucht es unseren Berechnungen zufolge 20 Milliarden Euro an staatlicher Förderung pro Jahr. Das ist keine geringe Summe. Doch wer über 100 Milliarden Euro für Symptombekämpfung lockermacht, um dann bei der Problembehandlung zu knausern, handelt kurzsichtig.

Wärmepumpe für alle

Die positiven Effekte einer beschleunigten Energiewende im Gebäudebereich aber wirken langfristig: Ab 2030 würden Haushalte und Unternehmen jährlich zehn Milliarden Euro an Heizkosten sparen. Wenn wirtschaftlich Schwächere bei Sanierungen priorisiert werden, ist das zugleich eine nachhaltige sozialpolitische Maßnahme.

Neben der finanziellen Förderung braucht es ein breites Instrumentarium, um die nötigen Fachkräfte und Materialien zu organisieren. Wer als politisches Hauptziel die Begrenzung des Handlungsspielraums durch fiskalische Grenzen verfolgt, wird hier auf den Problemen insistieren. Wer langfristig Wohlstand, sozialen Ausgleich und Deutschlands Ansehen als Vorreiter beim Klimaschutz bewahren will, der sollte an die politische Gestaltungsfähigkeit glauben, diese Hürden zu überwinden.

Im Grunde stehen wir vor der Wahl: Deutschland kann entweder Milliarden an die großen Erdgas-Exporteure zahlen. Oder es investiert Milliarden in Wärmepumpen, Renovierungen und andere Energieeffizienzmaßnahmen. Wir sind in der beneidenswerten Situation, aus finanzieller Stärke heraus die richtige Entscheidung in dieser Situation treffen zu können. Dafür erforderlich sind politischer Mut und Gestaltungswille. Sonst zahlt Deutschland am Ende nicht nur die teuren Importkosten für Erdgas, sondern auch die horrenden Kosten der sich verschärfenden Klimakrise.

Mathias Koch ist Referent für deutsche Energiepolitik bei der Denkfabrik E3G

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