Erdoğans Kursverfall

Türkei Weitet sich die Wirtschaftskrise aus, könnte es für den Präsidenten eng werden
Erdoğans Kursverfall
Den Fall der Lira kann auch der lächelnde Staatsgründer nicht aufhalten

Foto: Yasser Al-Zayyat/AFP/Getty Images

Die Devisenmärkte sind in Aufruhr. Etliche Gläubiger der Türkei, die meisten davon in den USA, in Spanien und Luxemburg, bekommen kalte Füße. Vieles erinnert an den Asien-Crash Ende der 1990er. Die nächste Weltfinanzkrise könnte in der Türkei beginnen, wofür einiges spricht. Die Lira hat seit dem gescheiterten Putsch im Juli 2016 über 70 Prozent ihres Werts verloren und ging tagelang in den freien Fall über mit Wertverlusten von 18 Prozent. Das Leistungsbilanzdefizit des Landes schlägt durch, und Wachstumsraten sind nicht alles, wenn zu viel Boom auf Pump finanziert ist. Mit gut 200 Milliarden Euro stehen türkische Firmen, Banken und Privathaushalte im Ausland in der Kreide. Bei dem akuten Währungsverfall ist absehbar, dass diese Schuldner ihre in Dollar beziehungsweise Euro denominierten Verbindlichkeiten nicht mehr bedienen können, was externe Gläubiger nervöser, Märkte und Rating-Agenturen unerbittlicher reagieren lässt. Dass Kapital in Richtung USA abfließt, ist der Hauptgrund für den Absturz der Lira. Donald Trumps Entscheidung, allein die Zölle auf Stahl aus der Türkei auf 50 Prozent zu verdoppeln, musste die Kapitalflucht beschleunigen.

Ohnehin haben der US- und der türkische Präsident bisher ihr Bestes getan, um Öl ins Feuer zu gießen. Es gab keinerlei Grund, den Streit um den US-Amerikaner Andrew Brunson, den die Türkei nicht freilässt, und den im US-Exil lebenden Islamgelehrten Fethullah Gülen, den die USA nicht ausliefern wollen, derart zu forcieren. Früher hätte stille Diplomatie gereicht, Kompromisse zu suchen. Heute stehen sich die NATO-Partner nicht nur in Syrien de facto als Gegner gegenüber, sie kollidieren auch bei der Iran-Politik. Trump schwingt wie üblich die große Keule, was Erdoğan gelegen kommt, um seinem Anhang die Legende von einer Verschwörung böser Mächte gegen die Lira und von einem Wirtschaftskrieg des Imperialismus gegen sein Land zu erzählen. So blockiert Propaganda jede halbwegs vernünftige Lösung, die etwa darin bestehen könnte, dass die türkische Zentralbank die Zinsen erhöht, um die Inflation wenigstens einzudämmen. Recep Tayyip Erdoğan hält das für eine Kapitulation. Zu Recht, denn seit er regiert, beruht seine Wirtschafts- und Finanzpolitik auf billigem Geld und reichlich fließenden Krediten. Daher die skurrilen Appelle an den Patriotismus der Türken, der ihnen eingeben möge, Dollar und Euro in türkische Lira einzutauschen. Das Gegenteil passiert: Es wird fleißig der Dollar gekauft, zum Schrecken der Banken.

Absehbar ist, wenn türkische Unternehmen und Geldhäuser ihre Auslandsschulden nicht mehr begleichen, wird es serienweise zu Bankrotten kommen, die Gläubiger nicht unbeschadet lassen. Von den europäischen Finanzinstituten sind vorzugsweise spanische in der Türkei engagiert, doch ließen sich Verluste über Kredite des Stabilitätsmechanismus ESM auffangen. Für die Türkei dagegen wären Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) die Lösung, aber wegen der zu erwartenden Auflagen ein desaströses Politikum für Erdoğan. Der kam im März 2003 als Ministerpräsident an die Macht, als die Türkei in ihrer letzten großen Finanzkrise steckte. Damals musste der konditionierte Beistand des IWF geschluckt werden, freilich gab es bald eine Erholung, die Erdoğan animierte, sich zum Spiritus Rector eines Wirtschaftswunders zu erklären, das die Abhängigkeit vom IWF abstreifen ließ. Kehrt die nun zurück, braucht dieser Präsident mehr als Verschwörungstheorien und religiöse Aufwallungen, um nicht unterzugehen.

06:00 17.08.2018

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