Erdrosselt von eigener Geschichte

Haiti Folgt der Präsidentschaft Aristides ein rücksichtsloser Beutezug seiner Gegner?

Unabhängig vom Schicksal des Präsidenten Jean-Bertrand Aristide droht Haiti im Chaos zu versinken. Das Einzige, worin die Bewohner des Landes jetzt noch übereinstimmen, ist der Stolz auf Toussaint L´Ouverture, der einst die Sklavenrebellion in Haiti anführte und die erste schwarze Republik der Welt gründete. "Die Transformation der Sklaven, die zu Hunderten vor einem einzigen weißen Mann zitterten, in ein Volk, das sich selbst organisieren und die mächtigsten europäischen Nationen jener Tage besiegen konnte, gehört zu den größten Erzählungen des revolutionären Kampfes", schrieb CLR James, ein Intellektueller aus Trinidad, in seinem Buch Die schwarzen Jakobiner. Dieser großartige Erfolg hat sich längst in eine von Aids und Armut getriebene Orgie politischer Gewalt verwandelt.

Zu ihrem 200. Geburtstag in diesem Jahr schaut die Nation zurück auf 13 Staatsstreiche und 19 Jahre der US-Besatzung. Erneut geht es nun um Blutvergießen und Instabilität, weil weder die politische Klasse des Landes noch die westlichen Mächte, insbesondere Frankreich und die Vereinigten Staaten, ihrer Verantwortung gerecht werden. Den Niedergang, die Anarchie und den Bandenkrieg wenigstens aufzuhalten, wäre im Moment das Wichtigste. Die Integrationsfiguren, die das leisten könnten, fehlen allerdings auf allen Seiten.

In den Jahren seit der Amtsübernahme durch Jean-Bertrand Aristide gab es kaum ökonomische Verbesserungen, dafür aber umso mehr Verletzungen von Menschenrechten. Weil das Land über keine Armee verfügt und auch nur einige tausend ausgebildete Polizeikräfte bereit stehen, stützte sich Aristide auf bewaffnete Gangs. Vor vier Jahren hat er die Parlamentswahlen zu Gunsten seiner eigenen Partei manipuliert und damit den Zorn einer mittlerweile weit gefächerten Opposition heraufbeschworen. Während diese Opposition in die Breite ging, hat sie gleichzeitig an Kontur und Strategie verloren.

Mit einer Agenda, die außer dem Rücktritt von Aristide eigentlich nichts enthält, wird sie ein noch größeres Chaos anrichten. Ihre Unfähigkeit, einen Kompromiss auszuhandeln, wird von bewaffneten Banden genutzt, die sich vor allem aus den Schlächtern früherer Diktaturen rekrutieren. Bis zu den Zähnen bewaffnet, sind diese Männer in den vergangenen Wochen aus der benachbarten Dominikanischen Republik nach Haiti eingedrungen, haben Polizeistationen überfallen und Städte erobert.

Mittlerweile sind die Unterschiede zwischen einer maroden Opposition und den marodierenden Banden kaum noch zu erkennen. Obwohl sich jene, die immer noch politisch argumentieren, von den Methoden der Banden distanzieren, ist diese Kritik in der Praxis längst irrelevant geworden. Denn die bewaffneten Rebellen lassen sich davon wenig beeindrucken und geben jeden Tag zu erkennen, dass für sie menschliches Leben kaum zählt. Niemand sollte ernsthaft daran glauben, dass sie die Demokratie wieder einführen.

Verantwortlich für diese schreckliche Entwicklung sind aber auch die früheren Kolonialmächte, die von Anfang an wussten, dass ein Erfolg der Demokratie in Haiti für sie nicht nützlich sein würde. Schon Napoleon Bonaparte hatte erklärt: "Die Freiheit der Neger in Haiti ... wäre für alle Zeiten ein Signal an die Freiheitskämpfer in der Neuen Welt". Und so sandte er 22.000 Soldaten, damals die zweitgrößte Streitmacht, die bis dahin jemals über den Atlantik geschickt worden war, um die "Perle der Antillen" zurückzuerobern.

Später wurde die Republik Haiti von Frankreich - mit tatkräftiger Hilfe der Vereinigten Staaten - gezwungen, 150 Millionen Goldfrancs als Reparation zu zahlen. So bekamen die früheren Plantagen- und Sklavenbesitzer ihre Entschädigung und Frankreich eine Erstattung der Kriegskosten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts musste das Land stolze 80 Prozent seines Staatshaushalts aufwenden, um die Forderungen der Franzosen zu bedienen.

Und bis heute ist Haiti eine Schuldnernation geblieben. Mit dieser ökonomischen Last war es nahezu unmöglich, die Armut zu bekämpfen und eine Kultur politischer Stabilität zu begründen. Hinzu kam die lang anhaltende Isolierung des Landes. Während der ersten 58 Jahre der Republik weigerten sich die Vereinigten Staaten, die Souveränität des Landes anzuerkennen. Von 1915 bis 1934 hielten sie die kleine Antillenrepublik besetzt. Den Jahrzehnten der Besatzung folgte die grausame Diktatur von "Papa Doc" Duvalier und später seines Sohnes "Baby Doc" (Jean-Claude Duvalier). Beide konnten sich des unerschrockenen Beistandes der USA und Frankreichs sicher sein.

Im Jahre 1990 erschien dann Aristide als großer Hoffnungsträger, um den Zyklus von Diktatur und Gewalt zu durchbrechen. Auf der Woge eines demokratischen Aufbruchs kam der asketische Priester und Befreiungstheologe an die Macht. Zwischenzeitlich durch einen Putsch aus dem Amt getrieben, kehrte er 1994 mit amerikanischer Militärhilfe zurück. Als Gegenleistung für seinen politischen Aufstieg wurde Aristide allerdings gezwungen, eine Art wirtschaftliche Versklavung zu akzeptieren, die vom Internationalen Währungsfonds und von der Weltbank verordnet wurde.

Statt militärischer Aggressionen erlebte das Land nun die brutalen Kräfte der Globalisierung. So fielen beispielsweise die Einfuhrzölle auf Reis, so dass Haiti von subventionierten Importen aus den Vereinigten Staaten überflutet wurde. Als die Behörden einmal US-Reishändler wegen eines Vergehens gegen Zollgesetze mit einer Strafe von 1,4 Millionen Dollar belegten, antworteten die USA mit dem Einbehalt von 30 Millionen Dollar Entwicklungshilfe.

Diesen historischen Kontext muss man kennen, wenn man verstehen will, weshalb das Land in eine offenbar so ausweglose Lage geraten ist. All das rechtfertigt allerdings nicht die Vergehen Aristides und erst recht nicht den absehbaren Beutezug seiner Gegner. Ohne Zweifel hat der Präsident die Chancen für eine politische Wiedergeburt Haitis nicht genutzt, aber angesichts der Brutalität der Rebellen wird man vielleicht schon bald sagen: Aristide war das kleinere Übel.


00:00 27.02.2004

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