Erfolgreich unauffällig

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Es gibt Dinge im Leben, denen ich nie entkommen konnte. Meine chronische Bronchitis und die Grützwurst in der Schulspeisung gehören dazu. Und der FC Hansa Rostock.

Dabei bin ich gar kein Fan. Genaugenommen halte ich von Fußball ganz allgemein nicht sonderlich viel. Vor 1989 war das alles nicht weiter schlimm, der FC Hansa war eine eher unauffällige Mannschaft der DDR-Oberliga, ohne Titel, ohne großartige Traditionen und Superstars wie Dresdens Dixie Dörner oder Berlins Erich Mielke. Ich kannte zwar Leute, die regelmäßig ins Stadion gingen, aber meistens hielten diese sich mit überschwenglichen Berichten schamvoll zurück.

Das sollte sich ändern, als Hansa überraschend letzter Meister der Oberliga Nord ost wurde und somit die Eintrittskarte zum erstklassigen gesamtdeutschen Fußball noch vor Dynamo Dresden gelöst hatte. Von nun an war kein Halten mehr. In der ersten Bundesligasaison führte der FC Hansa wochenlang die Tabelle an und schlug legendäre Rekordmeister am laufenden Band. Eine wahre Hysterie brach aus, auf einmal war die Hälfte meiner Bekannten und FreundInnen mit Spielern der Mannschaft zur Schule gegangen, hatten mit ihnen auf dem Hinterhof gebolzt oder waren mal in einen mittelschweren Auffahrunfall mit einem Stürmerstar verwickelt. Es war unglaublich. Der FC Hansa arbeitete derweil an einem Underdogimage. Hoffnungsvolle Jungspieler wurden zu günstigen Preisen käuflich erworben, und die Tatsache, dass sie alle aus den fünf neuen Ländern kamen, ließ den BewohnerInnen Rostocks und besagter neuer Länder stolz die lokalpatriotische Brust schwellen.

Währenddessen schlossen die Werften, die wenigen sonstigen Industriebetriebe, und auf einmal kämpfte auch der FC Hansa gegen den Abstieg, vergeblich. Rostock trauerte, nur ein guter Freund, Wohnungseigentümer in der Nähe des Stadions, gab ein rauschendes Fest, um den zu erwartenden Wertanstieg seines Besitzes gebührend zu feiern. Das hätte das Ende des Vereins sein können. Die Plätze im Rostocker Ostseestadion waren nicht übermäßig begehrt, und das schamvolle Schweigen nach den Spieltagen kehrte wieder zurück. Das Management handelte. Es wurden kostenlose Karten für die Heimspiele an Arbeitslose verteilt. Eine Weile lang war mit dem Leistungsbescheid des Arbeitsamtes prinzipiell freier Eintritt möglich. Verlierer halten zusammen. Oder was auch immer sich das Management dabei gedacht haben mag.

Dann hörte ich eine Weile nichts vom FC Hansa. Hin und wieder landete ich beim Fernsehen auf einem privaten Sportsender, der sich nur die Übertragungsrechte der 2. Bundesliga leisten kann. Dort konnte ich beobachten, dass nicht nur der Trainer gewechselt hatte. Offensichtlich war die Regel, nur ostdeutschen Nachwuchs zu engagieren, kein Dogma mehr. Ich freute mich sogar ein wenig, in den Aufstellungen mal einen slawischen Namen oder ein afrikanisches Gesicht zu entdecken. Aber, wie gesagt, insgesamt war es eher ruhig um Hansa geblieben. Bis ich zur Verteidigung meines Vaterlandes gerufen wurde. Das Jahr des Wiederaufstiegs. Ich verbrachte die gesamte Bundesligasaison 1994/95 in einer Kaserne kurz unter der dänischen Grenze. Etwa die Hälfte meiner Mitinsassen kam aus der Gegend von Rostock (Leipzig bis Arkona). Alle fieberten um den Aufstieg. Und ich fieberte mit. Gab ja sonst nichts zu tun.

So habe ich alle Spiele der Saison gesehen, und es hat sogar Spaß gemacht. Nur ins Stadion habe ich es nicht geschafft, bis heute nicht. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sich das wirklich lohnen würde, immerhin kämpft Hansa seit dem Aufstieg permanent gegen den Abstieg. "Doch die Fans wissen, bei Hansa fallen immer viele Tore.", sagt Trainer Zachhuber zum Trost, nachdem seine Mannschaft zu Hause mal wieder 2:4 verloren hat. Das scheint ein überzeugendes Argument zu sein. An Heimspieltagen ist die Rostocker Innenstadt geradezu übervölkert. Die Nummernschilder an den, mit Vereinsfahnen geschmückten Autos lesen sich wie eine Landkarte der DDR. Aus Neubrandenburg, Berlin, ja sogar Dresden und Chemnitz reisen die Fans an, um die vielen Tore zu sehen. Ich weiß, wovon ich rede, seit einigen Monaten wohne ich genau gegenüber dem Ostseestadion. Die Mieten sind seit dem Aufstieg kontinuierlich gesunken. Wenn nachmittags gespielt wird, sind spätestens ab 8.00 Uhr morgens auch die letzten sorgsam gepflegten Vorgärten zugeparkt. Dann musizieren die Hansa-Fans auf überdimensionalen Trommeln zur Erbauung aller Einheimischer in Stadionlautstärke. Dabei geht es überaus friedlich zu, alle wissen, dass Ulm, Bremen, München die besseren Chancen haben und geben sich damit auch zufrieden.

Solange am Ende nur die anderen Abstiegskandidaten mehr Spiele verlieren und Hansa damit, wie in der vergangenen Saison, retten, ist die Welt in Ordnung.

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00:00 14.01.2000

Ausgabe 41/2021

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