Erfurt ist nicht Porto Alegre

Erster Versuch Die Idee des Sozialforums ist angekommen - die Massen sind es noch nicht

Am Samstagnachmittag spürt man ein bisschen südländisches Temperament auf dem Domplatz von Erfurt, da wagt sich plötzlich doch einmal die Sonne hervor, und junge Frauen und Männer in orange farbenen T-Shirts tanzen mit Trommeln, Rasseln und Pfeifen so laut hinter einem attac-Transparent mit der Aufschrift "Die Welt ist keine Ware" einher, dass es keinem der Wochenmarktbesucher und Touristen mehr verborgen bleiben kann: Hier ist eine politische Veranstaltung im Gange.

Als es Abend wird, hellen sich die Mienen im Organisationsbüro merklich auf: Das große Zelt auf dem Domplatz ist nach langsamem Beginn nun doch gefüllt, es gibt ein lebendiges Treffen mit Reden, Musik und Begeisterung. Um 22 Uhr freilich fordert die Stadtverwaltung Ruhe ein. Erfurt ist nicht Porto Alegre.

Aber wie in Porto Alegre, so kann auch in Erfurt niemand der gut 3.000 Besucher all die vielen Hundert Veranstaltungen gleichzeitig besuchen - und wie es "wirklich" war, kann daher auch keiner allein berichten. Natürlich sind die auf September vorgezogenen Bundestagswahlen und die beachtlichen Umfrageergebnisse für die neue Linkspartei überall Gesprächsstoff. Um die 300 Leute drängen sich am Freitagabend in der Aula des Heinrich-Mann-Gymnasiums, um direkt zum Thema zu streiten. Was ist neu an der neuen Linken? Und was links? Geht es um die Restauration alter Sozialstaatsvorstellungen? Gibt es überhaupt noch nationalstaatliche Regulierungsmöglichkeiten? Wie steht die Linkspartei zu den sozialen Bewegungen? Was vermag das Parlamentarische - und was nicht? Selbstverständlich ist das Forum eine Angelegenheit, aus der sich die Parteien herauszuhalten haben, aber den Trubel um die Linkspartei - warum sollte der an einer solchen Veranstaltung vorbei gehen?

Ein erstaunlicher ZDF-Bericht am gleichen Abend bestätigt den Zusammenhang zwischen dem einen und dem anderen. Dort gilt das Interesse einer der kleineren Veranstaltungen des Forums, die in einem Klassenzimmer stattfindet und sich mit der Solidarität im Kampf gegen Hartz IV befasst. Noch im Herbst war das Europäische Sozialforum in London von deutschen Fernsehsendern vollends ignoriert worden.

Besonders hoch schlagen in Erfurt die Wogen während eines Podiums am Domplatz, als ver.di-Chef Frank Bsirske durch den Berliner Professor Peter Grottian heftig attackiert wird. In dessen harziger Polemik fehlt nichts von dem, was den Leuten auf der Seele brennt: Warum haben die Gewerkschaften die Anti-Hartz-IV-Proteste im Stich gelassen? Warum gibt es kein klares Bekenntnis der Gewerkschaften zu den sozialen Bewegungen? Stürmischen Beifall erntet Grottian auch für seinen Vorschlag, auf die Bundestagswahlen mit einer dreistündigen Arbeitsniederlegung zu reagieren, um nachdrücklich zu zeigen: So, wie es jetzt ist, darf es nicht weitergehen.

Der Sternmarsch jedoch, mit dem das Forum seinen Höhepunkt finden soll, bleibt mit nur 1.000 Teilnehmern hinter den Hoffnungen weit zurück. Aber was besagt das? Erfurt war ein Beginn, ein erster Versuch, Porto Alegre nach Deutschland zu holen. Getroffen haben sich jene, die sich mit der Idee des Sozialforums schon seit Längerem identifizieren können. Nicht funktioniert hat die Mobilisierung über diesen Kreis hinaus. Aber ein Königsweg, sind sich alle einig, steht dafür nicht zur Verfügung. Doch sicher ist, so utopisch und selbstverständlich zugleich das auch klingen mag, dies kann nur von unten geschehen.


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00:00 29.07.2005

Ausgabe 38/2020

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