Ergo-Therapie

Medientagebuch Traditionelle Werte, neuer Name: Die Versicherungsgruppe ERGO und der ehemalige SWR-Intendant Peter Voß wissen, wie man von der Medienkrise profitiert

Peter Voß ist ein Mann mit markantem Kinnbart, der einst das heute journal moderiert hat und danach SWR-Intendant geworden ist. Nebenher verleiht er der Sendung Bühler Begegnungen noch immer sein Gepräge (16. August, 22.25 Uhr auf 3sat). Außerdem hat er sich als Lyriker hervorgetan (Zwischen den Kratern, 2000).

Seit 2007 ist Voß als SWR-Intendant pensioniert, was für den „Freigeist mit Lust zum Widerspruch“ (Fritz Pleitgen) nur als Aufforderung zum so genannten Unruhestand begriffen werden konnte. Also amtiert er seit 2009 als Präsident der Quadriga Hochschule in Berlin, die hinter ihrem stolzen Namen zu verbergen versucht, dass es sich um eine Einrichtung zur Ausbildung von PR-Menschen und künftigen Lobbyisten handelt. Gegründet hat sie der vormalige Animateur Rudolf Hetzel, dessen „Helios Media Publishing House“ neben einer Philosophie („an der Schnittstelle von Politik, Wirtschaft und Medien ist es essenziell, Infor­mationen zu gewinnen, zu organisieren und nutzbar zu machen“) zahlreiche Publikationen für Berufsgruppen an Schnittstellen vertreibt (politik kommunikation, pressesprecher, Communication Director).

Wer sich jetzt fragt, ob die Karriere des Peter Voß derart nicht etwas widersprüchlich daherkommt (SWR-Journalismus vs. Lobbyisten-Pampern), der irrt: „Im Übrigen ist ja jeder Intendant auch der oberste Lobbyist und PR-Mann seines Senders“, enthüllte Voß unlängst der Berliner Zeitung. Wer so denkt, muss sich nicht fragen lassen, ob er den Quadriga-Posten nur aus Geldgier, Prestigegeilheit oder beidem angenommen hat: „Mich überzeugt das Konzept. Die Arbeitsbedingungen für junge Journalisten werden eher schlechter. Die Hochschule eröffnet ihnen neue Möglichkeiten.“

„Mich überzeugt das Konzept“

Auf der Ebene eines Auskommens ist das zweifelsohne richtig. Aber Voß will auch vom Ethos nicht lassen, das seinen vormaligen Berufsstand begleitet – und erkennt in der PR-Branche die Retterin des notleidenden Journalismus (Medienkrise!): Wenn Journalisten nicht mehr die Zeit haben, eine ordentliche vierte Gewalt abzugeben, dann muss die PR ihnen entgegenkommen, indem sie endlich begreift, „dass letztlich nur Transparenz und Offenheit für Glaubwürdigkeit sorgen.“

Ein schönes Beispiel für Voßens höchste Ansprüche liefert die „Anzeigensonderveröffentlichung der ERGO Versicherungsgruppe“, die kürzlich einer Sonntagszeitung beilag. Das Heft sieht aus wie eine Zeitung bis hin zu den Anzeigen, die natürlich alle für Ergo werben und schnell vergessen lassen, dass das gesamte Blatt das ja tut.

Das Gebot der Transparenz erfüllt es dort am besten, wo die eigene Kampagne erklärt wird, zu der auch ein Fernsehspot gehört: „Eine Versicherung, die sich konsequent die Kundenbrille aufsetzt und sich mit den Bedürfnissen der Menschen in Deutschland solidarisiert – ein absolutes Novum in der Branche.“ Bei der „Kundenbrille“ würden wir stilistisch etwas mäkeln, aber sonst gibt es journalistisch nichts zu beanstanden – was schon daran liegt, dass der „Werbebericht“, also das Referieren von wolkigen Versprechungen, eine eher junge journalistische Gattung ist. Das Interview mit Torsten Oletzky, dem strahlenden Ergo-Chef, hält neben Service-Fragen („Wie wollen Sie sich von der Konkurrenz abheben?“) auch solche bereit, die den Finger in die Wunde legen: „Traditionelle Werte, neuer Name – wie wollen Sie es schaffen, das eine mit dem anderen zu verbinden?“ Dass der Oletzky dann alles schön redet, dafür kann keiner was.

Ergo: Peter Voß sollte das Blatt auf die Lektüreliste setzen. Und für die erste Diplomverleihung Horst Schlämmer („immer knallhart nachgefragt“) als Ehrengast einladen.

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15:45 04.08.2010

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