Ergreifende Psychodramen

Medientagebuch Furcht und Mitleid: Konfliktberatung um "Zwei bei Kallwass"

Eine schleichende Programmreform ist derzeit am Nachmittag vor allem bei Sat.1 zu beobachten. Der Familiensender verabschiedet sich von den nassforschen Berufsjugendlichen, die ihre Studiogäste wie einst Jahrmarktsbudenbetreiber ihre Bären, Affen und siamesische Zwillinge einem zahlenden Publikum als Freaks vorführen, die von ihm wahlweise beschimpft oder bejohlt werden dürfen. Stattdessen mehren sich nun wieder mediale Seiteneinsteiger aus der Alterskohorte 40plus auf dem Schirm.

Nicht das Alter der Salesch, Kallwass und Hold ist jedoch so erstaunlich - vielmehr verblüfft, dass die Lebensjahre nicht mehr unsichtbar gemacht werden, sondern gemeinsam mit der außerhalb des Mediums erworbenen beruflichen Kompetenz zur Profilierung der Formate beitragen. Nach den Juristen Salesch und Hold (sowie Neumann im ZDF und Herz auf RTL) führt nun die ausgebildete Psychologin Angelika Kallwass eine neue Berufsgruppe ins Fernsehen ein. Wer auf den Vorspann verzichtet und nur mitten hinein in Zwei bei Kallwass (Mo-Fr, 14.00, Sat.1) zappt, ist zunächst von der Fragetechnik der Moderatorin angetan. Die dunkelhaarige Frau lässt nämlich ausreden. Sie hilft mit Worten aus, hakt nach, wenn eine Auskunft zu glatt von den Lippen ging. Durch geschickt gewählte Umwege entlockt sie ihren Gästen Informationen, die diese zwar im Herzen tragen, aber nicht über die Zunge bringen wollen (oder können). Dabei bewahrt sie immer die Integrität der Befragten. Sie verbreitet eine Atmosphäre der gegenseitigen Achtung, wie sie im Medium allenfalls Prominenten bei Sandra Maischberger oder Günter Gaus widerfährt, jedoch das gewöhnliche Schlachtvieh der Fernsehunterhaltung schon lange nicht mehr kennt. Selbst eine Figur wie der verhärmte 39-Jährige, der seine 17-jährige Freundin schlägt, wird bei ihr nicht einem Tribunal von Häme und Verachtung zugeführt. Vielmehr erkundigt sich die in warmes Ocker gekleidete Psychologin danach, was ihn denn zum Rasen bringe. Sich ungerecht behandelt Fühlen führe dazu, erklärt er. Kallwass äußert Verständnis. Und erzählt die Geschichte vom Jungen, der eine ihrer beiden Töchter (heute 11 und 15 Jahre alt) schlug. Der wurde vom Mädchen provoziert. Das ist nicht schön. Aber große Jungs, die kleine Mädchen schlagen, seien Arschlöcher. Wolle er denn ein Arschloch sein? Der Schulbub stammelte nur ein Nein. Dem 39-Jährigen treten Tränen in die Augen. Er will das offensichtlich auch nicht.

Es ist nahe am Kitsch, gewiss, doch die Situation berührt. Der Mann erkennt Schuld, Versagen, eigenes Elend. Auch das der Freundin, die ihn, deutet man den gemeinsamen Auftritt richtig, tatsächlich liebt. Lessing hat das mal Erzeugung von Furcht und Mitleid genannt, bei den Griechen hieß es Katharsis. Eine Sendung später treten zwei Geschwister auf. Der 21-Jährige fühlt sich von der Familie verstoßen und intrigant behandelt. Die 19-Jährige will ihn zurück. Man glaubt, Polyneikes und Antigone stünden Pate für den Konflikt. Ein Kampf setzt ein um zugefügte und empfangene Hiebe, um die Solidarität mit je einem der in Trennung lebenden Elternteile. Und vor allem darum, ob Benjamin, der vom Großteil der Familie alle vermeintlichen und wirklichen Fehler des Vaters auf sich projiziert sieht, sich Bettina noch einmal öffnen kann.

In den Konflikten, jeweils zwei in der 45-minütigen Sendung, ermuntert Kallwass stets die Zurückhaltenderen und weniger Wortgewandten. Sie ergreift jedoch niemals Partei. Auch das Publikum ist aus der Debatte ausgeschlossen. Im Halbdunkel verfolgt es das Geschehen und ist lediglich am Schluss zu Kurzkommentaren aufgefordert.

Die Motivationstechniken der Psychologin sind vielfältig. Mal dreht sie die Introvertierten vom Pult weg. Sie sollen sich ihrem Gegenüber frontal zuwenden und ihm mitteilen, was sie von ihm erwarten. Bei besonders Schüchternen muss der Partner den Rücken zukehren. Zuweilen bietet sich Kallwass als Adressatin an. Oder sie formuliert die Forderungen der Betroffenen, die sich im Verlaufe des Gesprächs offenbart haben. Sie müssen sie dann nachsprechen. Während des Prozesses des Aussprechens wächst das Zutrauen. Das, vor dem man zurückschreckte, gewinnt auf einmal Konturen und erscheint sogar lösbar.

Die Gäste werden ermuntert, ihre Seelenlage zu offenbaren. Das ist ergreifend. Leider nur wird der schützende Teppich, den die Psychologin so einfühlsam ausbreitet, nach abgelaufener Sendezeit verlassen. Intimes ist in der Welt, Freunde, Bekannte, die Nachbarschaft wissen darum. Die Folgen sind nicht absehbar. Studiogäste sind nicht so geschützt wie professionelle Schauspieler; die haben es gelernt, Distanz zum seelischen Ballast ihrer Rollen zu halten und daher nicht als Personen angreifbar zu sein. Keineswegs ist das ein Plädoyer für den Einsatz von Schauspielern. Die Qualität von Zwei bei Kallwass besteht gerade in dem sehr behutsamen Ausmessen realer zwischenmenschlicher Konflikte. Mit Schauspielern würde diese Intensität vermutlich nicht erreicht werden. Ein unaufhebbarer Widerspuch also.

Unnötigerweise erliegt die Sendung den Reflexen des Fernsehens. Eine Problemlösungskompetenz wird suggeriert, ein Happy End komponiert. Im Vorspann läuft Frau Kallwass im roten Mantel eine in herbstliche Stimmung getauchte Allee entlang und verspricht wie der Finanzberater: "Gemeinsam finden wir einen Weg." Sie entlässt ihre Gäste mit guten Ratschlägen. Doch ob der 39-Jährige seine Freundin nicht mehr schlagen wird, bleibt Spekulation. Soziale Praxis ist wirkungsmächtiger als ein 20-minütiges öffentliches Beratungsgespräch. Das dürfte die Psychologin Kallwass am besten wissen. Mit dem Griff in die Service- und Beratungskiste verschenken die Programmverantwortlichen die eigentlichen Stärken der Sendung. Mehr Vertrauen zum Produkt bitte.

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00:00 30.11.2001

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