Erhellendes Inferno

Bühne Gewagter Abschluss: Mit Jorinde Dröses Inszenierung von Anja Hillings „Schwarzes Tier Traurigkeit“ endet das erste Jahr Khuon-Intendanz am Deutschen Theater Berlin

Mit dem Juni geht an vielen Theatern auch die Spielzeit zu Ende. Am Deutschen Theater in Berlin ist es die erste des Intendanten Ulrich Khuon und seines Teams, die mit vielen Vorschusslorbeeren aus Hamburg kamen und schon nach den ersten Premieren starken Gegenwind spürten. Doch wie so oft verbietet sich hier eine Bilanz, die über zehn Monate Arbeit Hunderter Beschäftigter ein Pauschalurteil fällt.

Dennoch dürfte dem Haus daran gelegen sein, mit einem positiven Abschluss in die Sommerpause zu gehen. Gelegenheit dazu bot die letzte Premiere der Spielzeit, die am vergangenen Sonntag in den Kammerspielen stattfand. Sogar der Premierentag gab sich alle Mühe, zum Gelingen beizutragen: Der erste heiße Tag des Jahres lockte die Menschen ins Freie, doch Blitz und Donner lagen schon in der Luft.

Um dergleichen, nur extrem zugespitzt, geht es auch in dem Stück Schwarzes Tier Traurigkeit von Anja Hilling: Sechs Erwachsene und ein Baby, deren Biografien auf komplizierte Weise miteinander verwoben sind, fahren raus in die Natur, um zu grillen, zu reden, beisammen zu sein. Es ist heiß, seit Wochen hat es nicht geregnet. Plötzlich bricht ein Feuer aus, ein Inferno, das Mutter und Kind das Leben kostet. Danach ist nichts mehr, wie es war.

Die Beschreibung des Textes deutet die Schwierigkeiten an, vor denen eine Inszenierung desselben steht: Das Geschehen ist im Theater schlicht undarstellbar, und die Empfindungen derer, die es durchleiden, sind es letztlich auch. Die Regisseurin Jorinde Dröse antwortet auf dieses Dilemma damit, dass sie weitgehend im Dunkeln und phasenweise gar nicht spielen lässt.

Der Ruß der Katastrophe

Am hellsten ist es zu Beginn, wenn sich die sechs Darsteller durch Stoffbahnen, die vom Schnürboden fallen, an die Rampe vorarbeiten (Bühne: Anne Ehrlich) und mit Grill und Bierbank auch Konflikte auspacken, die unter den Geschwistern, Partnern und Verflossenen gären. Der zweite Teil des Stücks, das Feuer, findet im Dunkeln und ohne die Schauspieler statt, die den Text aus dem Off zu schwarz-weißen Videobildern sprechen, die Gesichter und andere Körperteile in Großaufnahme zeigen. Der dritte Teil spielt im nahezu leeren und fast unbeleuchteten Bühnenraum, auf dessen Boden die Stoffbahnen als schwarze Haufen liegen. Schwarz sind auch die Gesichter der Überlebenden, denen die Katastrophe in Form von Ruß noch anhängt. Nicht anders verhält es sich mit dem Zustand ihrer Seelen, die von Melancholie durchtränkt sind, jener schwarzen Galle, die sich nach antiker Vorstellung ins Blut ergießt und eine Traurigkeit hinterlässt, der sie etwa durch Selbstmord entkommen wollen.

So trostlos, wie es klingt, wird es gezeigt, und auch wenn bei der Premiere noch etwas Sand im Getriebe knirschte, wirkte der Abend in jeder der achtzig Minuten durchdacht. Von ihm auf die gesamte Spielzeit zu schließen verbietet sich zwar ebenfalls, festzuhalten bleibt aber der Mut der neuen Intendanz, mit einer derart sperrigen Inszenierung in die Sommerpause zu gehen. Und allzu forsche Pauschalurteiler sollten wohl das letzte Bild der Inszenierung bedenken: Oskar, als Künstler ein unbeschriebenes Blatt, hat sechs Monate nach dem Unglück eine Ausstellung, die er selbst zwar nicht besucht, der es aber, wie eine projizierte Schrift belegt, gelingt, das Erlebte zu reflektieren: Wenn also etwas im Theater nicht zu sehen ist, so lehrt der Abend, heißt das nicht, dass es dort nicht zur Sprache kommt.

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13:12 10.06.2010

Ausgabe 42/2021

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