Erich Kuby

Kolumne Der Zeitungsleser

Berlin und Brandenburg zu einem Land der Bundesrepublik vereinigen - warum nicht? Dieses Gebilde nach einem Vorschlag des brandenburgischen Sozialministers Ziel Preußen zu nennen, ist eine ganz andere Sache, die deutsch-nationalen Urschlamm aufgerührt hat. Über einer Seite der Woche vom 22. 2. ist zu lesen: "Morgen Preußen, übermorgen das Reich" - statt Bundesrepublik? Hm...
Am 25. Februar 1947 hatte der Alliierte Kontrollrat - eine Ersatzregierung für das Nach-NS-Deutschland - Preußen sozusagen beerdigt. Demzufolge gab es bis jetzt kein Problem "Preußen", weder in der BRD noch in der DDR. Ich hätte schreiben können: erst recht nicht in der DDR.
Jetzt wurde "Preußen" wieder aufgeweckt, weil ein Landesminister - Gott weiß warum - vorgeschlagen hat, die anstehende Vereinigung von Berlin und Brandenburg Preußen zu taufen. Das sei, schrieb die Woche (22. 02.) "weder historisch noch politisch durchdacht". Richtig!
Erstaunlich genug, dass der doch gewiss konservative Kohl während seiner langen Kanzlerschaft nie auf die Idee gekommen war, mit "Preußen" auf Stimmenfang zu gehen. Da hatte er allerdings das "Mädchen" Merkel neben sich, die in ihrem Herkunftsland DDR das Wort Preußen allenfalls in einem historischen Seminar hätte hören können. Während es in seinem übrigen Führungspersonal gewiss ein paar Preußen-Erwecker gegeben hätte.

In der Februar-Ausgabe von Le Monde diplomatique, eine der zuverlässigsten Informationsquellen, ist der Leitartikel überschrieben: "Aus Berlusconien". Das trifft im derzeitigen Italien, in dem die Linke in Tiefschlaf gefallen zu sein scheint, den politischen Nagel auf den Kopf. Nur "dank einer Art televisuellen Hypnose" habe der Milliardär Berlusconi Regierungschef werden können. Nun verfügt er außer über drei TV-Sender, die ihm schon gehören, auch noch über die staatlichen, RAI I, II, III - und damit hört Italien nicht formal, aber real auf, eine Demokratie zu sein.
Erstaunlich, mit welcher an Teilnahmslosigkeit grenzenden Gleichgültigkeit Europa diesem Prozess zuschaut, der bedeutet, dass Italien, sich nur noch vergeblich in die EU integriert. Deutschland, mit den USA von Bush liiert, schaut Berlusconi wie ein hypnotisiertes Huhn zu und erinnert an den Ausspruch einer Berlinerin: Lass dem Kind die Boulette, es will damit nur spielen.
Berlusconi liegt nichts ferner. Die Boulette ist in seinem Besitz, und er ernährt sich davon. Sofern die Linken nicht wieder in die politische Entwicklung energisch eingreifen, hat er nichts zu befürchten.

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00:00 01.03.2002

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