Erinnerung ohne Augen

Lyrik Gedichte über Demenz sind selten. Roberta Dapunt schrieb ein ganzes Buch

Zum Thema Demenz sind in den vergangenen Jahren vermehrt Romane erschienen, etwa David Wagners Der vergessliche Riese oder der äußerst lesenswerte queere Roman Haus voller Wolken von Jan Stressenreuter. Umso erstaunlicher ist, dass es bisher kaum einen eigenständigen Lyrikband gab, der sich mit Demenz-Erkrankungen auseinandersetzte.

Das ändert sich nun mit dem zweisprachigen Band die krankheit wunder | le beatitudini della malattia der Südtiroler Dichterin Roberta Dapunt, der gerade auf der ORF-Bestenliste für Dezember steht. Das Wiener Übersetzungskollektiv Versatorium um Peter Waterhouse steuert die Übertragung aus dem Italienischen ins Deutsche bei.

Dapunt dichtet auch in ihrer Erstsprache Ladinisch, die von circa 40.000 Menschen, vorwiegend in den Tälern um die Dolomiten, gesprochen wird. So ist etwa Nauz (Folio 2012) auf Ladinisch verfasst und handelt im Gros vom Schweineschlachten. Das bäuerliche Umfeld ist in Dapunts Dichtung stets präsent. Denn sie betreibt gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten, dem Bildhauer Lois Anvidalfarei, einen Bergbauernhof im Gadertal. Auch in ihrem neuen Band spiegelt sich die Erfahrung als Landwirtin wider.

Er ist in zwei unterschiedlich lange, gleich betitelte litaneien der erinnerungen aufgeteilt. In ihnen geht es allem voran um die demenzkranke Mutter, auf Ladinisch Uma genannt. Es sind Litaneien der Beobachtungen der Tochter und des lyrischen Ichs über die Mutter – samt Reflexionen, gemeinsamen Erinnerungen und Mühen. Etwa wie im Eingangsgedicht der tisch: „Wir saßen darum gewölbt beim essen zu vielt, die tafel ein geviert das kaum ausreichte und man zählte nicht die teller.“ Oder im Gedicht die waschung: „Es bergen sich bei den dämpfen im innigen wasser / die haut, dein hals, die eingeflochtenen haare.“ So auch in die labung: „Verlangsamt geht der mittag, kein klangkörper mehr, / kaum zu hören unsere labung. / Wir verweilen beisammen im lauschen unserer stille.“

Die Ausschnitte zeigen, dass Dapunt präzise Körperteile, Interieurs und Naturbestandteile schildert, wie auch alltägliche, teils stumme Rituale, die für Demenzkranke besonders wichtig sind. Doch das bedeutet auch eine enorme Verantwortung des Ichs, wie in bittere satzgefüge: „Ich bin die order jeder deiner bewegungen, / deines sauberen gesichts, des schneuztuchs im ärmel“, woraufhin im letzten Vers bitter festgestellt wird: „Das reich in dessen grenzen deine existenz verläuft.“

„Betrachten ist schmerzforschung“, schreibt Thomas Kling in seinem Gedicht Mailand. Ambrosianische Litanei 2. Das trifft auch auf Dapunt zu. Ihre Betrachtungen in freien Versen sind zwar nüchtern, doch ergreifen sie, tun weh. Das lyrische Ich überkommt zuzeiten auch der Schmerz, etwa bei der Arbeit im Stall. Verzweiflung und Wut über die vermaledeite Krankheit vermengen sich. Und dennoch liegt in der Demenz-Erkrankung der Mutter auch etwas Tröstendes, das Metaphysische: „Dass mir erlaubt sei zu sagen: die krankheit wunder, / denn im geist hast du erreicht den vollkommenen zustand / der erinnerungen die keine augen mehr haben und nicht zurückschauen.“

Schade allerdings, dass Dapunt nicht die von ihr vielbeschworene Realität der Sprachen ihres Tals in ihrer Lyrik abbildet: „Uma“ ist das einzige ladinische Wort. Zudem bedauerlich, dass die Übertragung zu stark am Metrum im Original und teils verbissen an Wort- und Silbenanzahl festhält. Es wirkt mitunter antiquiert. Denn Dapunt bedient sich im Original einer modernen, aktuellen Sprache: Traduttori, traditori! Trotzdem: Die zu Recht mehrfach ausgezeichnete Roberta Dapunt hat einen berührenden, da leisen Lyrikband über Demenz-Erkrankung vorgelegt.

Info

die krankheit wunder | le beatitudini della malattia Roberta Dapunt Aus dem Italienischen von Versatorium, Folio 2020, 163 S., 20 €

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