Erinnerungen an die Zukunft

Filmkritik Zurück zur alten Faszination: Der neue Star Trek-Film ist ein Musterbeispiel ­erzählerischer Innovation. Ausgerechnet das Kino ­demonstriert die Vorzüge des Fernsehens

Der Mensch verfügt von Natur aus über die beste aller Zeitmaschinen: Es reicht die Fähigkeit zur Erinnerung. Für J. J. Abrams, den Regisseur des neuen Star Trek-Films ist die „Zeitreise“ so etwas wie ein Lebensthema, fast eine Obsession. In der Fernsehserie Lost, die den Produzenten von Serien wie Alias und Fringe zum Exponenten eines neu ausgerufenen „intelligenten Fernsehens“ werden ließ, stranden die Figuren nicht nur auf abgelegenen Inseln, sondern in abgelegenen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. In Star Trek sind Zeitreisen wesentliche Elemente der Handlung, und deren wichtigste ist die, auf die der Film seine Zuschauer schickt: in die eigene Fernsehkindheit.

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Sobald mit dem „spitzohrigen“ Vulkanier Spock und dem Draufgänger James T. Kirk die Hauptcharaktere der Originalserie in neuer Jugendlichkeit auf der Leinwand erscheinen, fühlt sich der Zuschauer einer gewissen Generation gleichsam zurückgebeamt ins elterliche Wohnzimmer, zu jenen Samstagabenden, als mit den Worten „Der Weltraum, unendliche Weiten; wir schreiben das Jahr 2200“ ein Fernseherlebnis begann, dessen Prägung der neue Film auf aufregende Weise bewusst macht.


Wie faszinierend das alles war: Angefangen von dieser eigenartigen Figur des „Mr. Spock“ mit ihren ironisch hochgezogenen Augenbrauen, über dessen Mangel an Gefühlen und Übermaß an Ratio sich die anderen Crew-Mitglieder lustig machten. Statt „Nein“ sagte er „nicht korrekt“ und Dinge „faszinierend“ zu finden, war seine Standardsituation. Als idealer Gegenpol stand ihm „Captain Kirk“ gegenüber, der in manchen Episoden ein modisches Wickel-T-Shirt mit Goldborte trug, aber trotzdem Folge für Folge mit seinen Fäusten belegte, dass er den Mann der Tat repräsentierte. Die Anwesenheit von Figuren wie dem Asiaten „Sulu“ und dem mit heftigem Akzent sprechenden Russen „Chekhov“ wiesen in eine Zukunft, in der der Kalte Krieg überwunden war; an den Schaltpulten im Hintergrund saß „Lt. Uhura“ im eng anliegenden Minikleid und verkündete die dreifache Botschaft von sexueller Liberalisierung, Emanzipation von Frauen und von Schwarzen. Dann gab es diesen Arzt, der origineller Weise „Pille“ genannt wurde, obwohl er seine Medikamente meist in Form von Spritzen verteilte. Um nicht ganz die Bodenhaftung zu irdischen Traditionen zu verlieren, legte „Scotty“, der „Ingenieur“ mit dem Gebaren eines Kfz-Mechanikers, schon mal den Schottenrock an unter der Enterprise-Uniform.

Sie alle tauchen nun wieder auf aus der Versenkung der Kindheitserinnerung. Mit kennerhaftem Genuss lässt J. J. Abrams die Figuren nach und nach in seinem Film auftreten, der handlungstechnisch zu den „Ursprüngen“ des Raumschiff Enterprise zurückkehrt. Er geht dabei anders vor als jene „Prequels“ wie Batman begins oder der neue James Bond, mit denen in letzter Zeit mehrfach versucht wurde, altbackenen Leinwandstoffen neues Leben einzuhauchen. Wo diese sich radikal von schal gewordenen Erzähltraditionen absetzen wollten, verfolgt Abrams die entgegengesetzte Richtung. Die jungen, größtenteils unbekannten Schauspieler in Star Trek betreiben das, was man heutzutage mit dem Modewort „channeln“ umschreibt: Sie machen sich zu Sprachrohren der alten Gestalten im neuen, juvenilisierten Gewand – und lösen damit im Zuschauer jenes wohlige Erinnern an die alte Faszination aus.

Typische Probleme eines Immigranten

Doch mit reiner Nostalgie ist das Vergnügen an diesem Film nicht hinreichend erklärt. Deutlicher als in der Originalserie tritt bei Abrams das Potenzial dieser einzigartigen Figurenkonstellation heraus. Spock und Kirk bilden bei ihm ein Doppelgestirn des typisch amerikanischen Heldentums: Der eine, Kirk, ist der Draufgänger mit schwieriger Kindheit, ein Individualist, der lockere Sprüche reißt, seinen Vorgesetzten trotzt und Befehle missachtet – und genau deshalb immer wieder das „Richtige“ tut, was bedeutet: in lässiger Haltung die Menschheit rettet. Der andere, Spock, tritt dagegen als Mensch aus einer anderen Welt betont beherrscht auf; hochbegabt und anpassungswillig muss er immer wieder registrieren, dass er nie ganz dazugehört – es ist das typische Problem eines Immigranten.

­Erstmals gelingt Abrams im Übrigen das, was in der Übertragung erfolgreicher Serien auf die Kinoleinwand bislang immer schief ging: Der neue Film belegt am lebendigen Beispiel, dass die sechziger Jahre eine große Zeit des innovativen Fernsehens waren. Heute spricht man wieder davon, dass der Bildschirm der Leinwand in puncto Experimentier- und Innovationsfreude den Rang abläuft – und keiner verkörpert diesen Trend so gut wie J. J. Abrams. Sein Star Trek demonstriert also nun kurioserweise im Kino, was die heutige Stärke des Fernsehens ist: das Spiel von Variante und Wiederholung, das sich in den Lebensrhythmus des Zuschauers einfügt. Wo sich das amerikanische Kino oft in Inszenierungsaufwand und Action verliert, kann das serielle Erzählen im Fernsehen mit seinem langen Atem die Charaktere und ihre allmähliche Entwicklung herausstellen.

Star Trek, daran lässt der Film, an dessen Ende der alte „Spock-Darsteller“ Leonard Nimoy jene unvergesslichen Einleitungsworte der Serie spricht, keinen Zweifel, wird nur der erste Teil einer ganzen Serie von Filmen sein.

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19:00 07.05.2009

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