„Erkennt den Feind“

Interview Jean Ziegler hofft, dass die Jugend den Kapitalismus durchschaut – und zum Einsturz bringt
„Erkennt den Feind“
Sein Buch soll eine Waffe in der Hand der kämpfenden Jugend sein, sagt Jean Ziegler

Foto: Roland Geisheimer/attenzione/Agentur Focus

Eine Brasserie in Genf – exakt gegenüber der Sitz der globalen Großbank Credit Suisse. Die Demo Schweizer Jugendlicher im Klimastreik machte hier jüngst Halt. Zu Recht, so Globalisierungskritiker Jean Ziegler – das Agieren der Credit Suisse sei eine der größten Gefahren für das Klima.

der Freitag: Herr Ziegler, in Ihrem neuen Werk „Was ist so schlimm am Kapitalismus?“ geben Sie Antworten auf Fragen Ihrer Enkelin Zohra. Ist das eine Art Vermächtnis an die junge Generation?

Jean Ziegler: Um Gottes willen, nein. Vermächtnis, das klingt ja wie eine Grabrede! Mein Buch möchte vielmehr eine Waffe in der Hand der Jungen sein, die aufstehen und gegen diese kannibalistische Weltordnung ankämpfen, die der Kapitalismus hervorgebracht hat. Wie die vielen Jugendlichen, die jetzt an den Demonstrationen der Fridays for Future teilnehmen. Sie sind unsere Hoffnung.

Diese Jungen kämpfen aber für das Klima, nicht so sehr gegen den Kapitalismus.

Klar sind das nicht alles Revolutionäre. Aber sie erkennen, dass hinter der ökologischen Krise ein System steckt, und dieses System ist nur auf Profit aus. Bei einer großen Klimademonstration im März in Genf machte der Protestzug vor dem Gebäude der Credit Suisse Halt. Eine junge Frau hielt eine flammende Rede, rief unter tosendem Applaus in ihr Megafon: „Noyez les banquiers, pas la banquise!“ – „Ersäuft die Banker, nicht das Polareis!“ Tatsächlich gehört die Credit Suisse mit der UBS zu den schlimmsten Banken, die die Ölförderung finanzieren – die größte Gefahr für das Klima.

Die Demonstranten gehen auch mit der Politik hart ins Gericht.

Wie recht sie haben. Die Staaten machen bloß leere Versprechungen, und das durchschauen diese jungen Menschen. Nehmen wir das Pariser Klimaabkommen von 2015, das 195 Staaten unterschrieben haben. Nach dem Abkommen müsste die Erdölproduktion bis 2030 um die Hälfte reduziert werden, 35 Prozent des Reingewinns der größten Konzerne, die mit Erdöl ihre Profite machen, sollten in die Gewinnung erneuerbarer Energien fließen, um die Ziele zu erreichen. Was ist passiert seitdem? Nichts, schlimmer noch: Die Erdölproduktion steigt weiter an. Und vom Reingewinn dieser Konzerne, letztes Jahr 81 Milliarden US-Dollar, gingen nicht einmal fünf Prozent in erneuerbare Energien.

In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie machtlos die Staaten gegenüber den Machenschaften dieser multinationalen Konzerne sind.

Wir leben in einer Welt, die von Finanzoligarchen dominiert wird. Die 85 reichsten Milliardäre besitzen einen so großen Anteil an allen pro Jahr weltweit produzierten Reichtümern wie die 4,5 Milliarden ärmsten Menschen. Das muss man sich mal vorstellen. Diese Oligarchen haben eine Macht, wie kein König, kein Kaiser und kein Papst sie je hatte. Deshalb braucht es einen Aufstand des Gewissens, der von der Zivilgesellschaft kommt.

Uns interessiert, wie dieser Aufstand aussehen soll. Doch reden wir zuerst noch über Ihren Lieblingsfeind, den „schlimmen“ Kapitalismus.

Sehen Sie, der Kapitalismus hat wunderbare Errungenschaften in Wissenschaft und Technik hervorgebracht, die dem Menschen zugutekommen und sein Leben erleichtern könnten. Zugleich hat er eine kannibalische Ordnung geschaffen: Überfluss für eine kleine Minderheit und mörderisches Elend für die große Mehrheit. So verhungert alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren. Zwei Milliarden Menschen haben keinen regelmäßigen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Alle vier Minuten verliert jemand das Augenlicht wegen eines Mangels an Vitamin A. Epidemien, die von der Medizin längst überwunden worden sind, töten Millionen Menschen in der südlichen Hemisphäre. Der Kapitalismus muss zerstört werden, bevor er uns zerstört.

Manche glauben, er lasse sich zum Wohle der Menschen reformieren.

Ein Kapitalismus mit freundlichem Antlitz? Das ist Unfug! Es ist wie bei der Abschaffung der Sklaverei. Lange Zeit war sie eine Utopie, verspottet von den Sklavenhaltern, -händlern und Bankiers, die sie finanzierten. Und doch wurde sie durchgesetzt. Aber nicht, indem man die Sklaverei schrittweise reformierte oder zum Wohle der Sklaven „verbesserte“, sondern indem man sie abschaffte. Das Gleiche gilt für alle Unterdrückungssysteme der Geschichte wie den Kolonialismus und den Feudalismus. Keines war zu reformieren. So ist es auch beim Kapitalismus, er lässt sich nicht zähmen, er gehört abgeschafft. Und die junge Generation wird ihn zum Einstürzen bringen.

Wie sollen die Jugendlichen das tun? Bloß durch Demonstrieren?

Nein, aber das ist ein erster und wichtiger Schritt. Es geht darum, das Bewusstsein zu schärfen und Widerstand zu organisieren, an allen Fronten. Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre schreibt: „Connaître l’ennemi! Combattre l’ennemi!“ Zuerst müssen wir den Feind erkennen, wir müssen begreifen, wie die kannibalische Weltordnung funktioniert – um sie dann zu bekämpfen. Wenn der Chef des Bayer-Konzerns, Werner Baumann, gegen wissenschaftliche Belege behauptet, es gäbe keine Beweise dafür, dass das Pestizid Glyphosat Krebs erregt, dann muss man ihm seine Lügenmaske runterreißen und sich klarmachen, dass er nur eines im Sinn hat: die Profitmaximierung seines Unternehmens. Die Jungen merken das, sie lassen sich nicht mehr hinters Licht führen. Sie erheben radikale Forderungen, denn sie wissen: Wenn nichts geschieht, ist unser Planet schon bald unbewohnbar. Es geht um Überleben oder Tod.

Gut: zuerst den Feind erkennen. Aber wie bekämpft man ihn?

Ich bin überzeugt: In einer Demokratie gibt es keine Ohnmacht. Wir haben Meinungsfreiheit und Bürgerrechte, die es uns erlauben, alle Unterdrückungsstrukturen zu durchbrechen, wir können Kundgebungen abhalten und haben Zugang zu allen Informationen. Wir können nicht behaupten, wir wüssten nichts über die Massaker im Südsudan oder im Jemen – oder darüber, wie gefährlich die Klima-Erwärmung ist.

Wenn der Kapitalismus so mächtig ist, wie Sie sagen: Schluckt er dann nicht auch den Protest der Zivilgesellschaft?

Das ist eine große Gefahr. Die Gesellschaftsform, die unser kollektives Leben dominiert und die durch und durch kapitalistisch ist, ist die Konsumgesellschaft. Sie pflanzt uns immer neue Wünsche ins Hirn, nach Kleidern, Handys, nach allem Möglichen. Solange die Kapitalisten die Welt regieren, wird es schwierig sein, der Konsumgesellschaft zu entgehen. Die neoliberale Wahnidee will uns eintrichtern, dass sich der Markt selbst reguliert, dass er Naturkräften folgt und der Mensch nichts anderes tun kann, als sich diesen Marktkräften zu unterwerfen. Dadurch werden wir unserer Individualität beraubt, wir werden entfremdet. Wir verhalten uns nur noch so, wie uns das die Oligarchie diktiert, und werden auf unsere Funktion als fremdbestimmte Konsumenten reduziert.

Kritiker sagen, die Jugendlichen würden zwar gegen Ungerechtigkeit und fürs Klima demonstrieren, zugleich aber möchten sie nicht auf ihre Handys verzichten, hinter denen Kinderarbeit steckt, sie fliegen, sie essen Fleisch.

Wir – oder jedenfalls die meisten von uns Westeuropäern – sind tatsächlich sehr privilegiert. Was uns von den Opfern trennt, ist ja bloß der Zufall der Geburt. Dieses Privileg verpflichtet uns, Verantwortung zu übernehmen. Jeder soll tun, was ihm möglich ist. Unser Fleischkonsum ist einer der schlimmsten Klimakiller. Noch vor ein paar Jahren wurden Leute, die sich vegetarisch oder vegan ernährten, belächelt. Heute ist das Gegenteil der Fall, die Wichtigkeit dieser Ernährungsform wird anerkannt.

Sie sind also optimistisch, dass die jüngere Generation das Steuer noch herumreißen wird?

Absolut. Wir alle erleben ständig eine doppelte Geschichte. Die eine ist die effektiv gelebte Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit ist, denkt man an Krieg, Hunger, Entfremdung, tatsächlich in Gefahr. Aber es gibt noch eine andere Gerechtigkeit, die unser Bewusstsein einfordert, und zwar in Gestalt der Hoffnung. Und dieses Bewusstsein schreitet stetig voran. Niemand kann es aufhalten. Der Revolutionär Che Guevara sagt: „Die stärksten Mauern fallen durch Risse.“ Die Freitagsdemonstrationen unserer Enkel sind ein Vorbote davon.

Und wann wird der Zeitpunkt für die Revolte gekommen sein, die den Kapitalismus zum Einstürzen bringt?

Genau dies ist das Mysterium der Inkarnation: Unter welchen historischen Bedingungen wird eine Idee zur sozialen Kraft, zur politischen Realität? Nun, wir wissen es nicht. Was wir aber wissen, ist: Es gibt diese rätselhafte Bruderschaft der Nacht, die schon jetzt am Werk ist, ich meine damit die planetarische Zivilgesellschaft, also unzählige soziale Bewegungen, Gewerkschaften, NGOs und Einzelkämpfer, die an ganz verschiedenen Fronten gegen die kannibalische Weltordnung ankämpfen und eine unbändige, kreative Kraft besitzen. Ihr Bewusstsein ist das Bewusstsein der Identität und der Solidarität: Ich bin der andere, und der andere ist ich. Immanuel Kant sagt: „Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.“ Von einem bin ich fest überzeugt, und das fasst der französische Schriftsteller Georges Bernanos so zusammen: „Gott hat keine anderen Hände als die unseren.“ Entweder ändern wir diese Welt, oder niemand tut es.

Info

Was ist so schlimm am Kapitalismus? Antworten auf die Fragen meiner Enkelin Jean Ziegler Hainer Kober (Übers.), Bertelsmann 2019, 128 S., 15 € Jean Ziegler , geboren 1934 in Thun in der Schweiz, Freund Jean-Paul Sartres und Simone de Beauvoirs, lehrte Soziologie in Genf und an der Sorbonne in Paris. Er war von 2000 bis 2008 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung

Klaus Petrus ist Fotojournalist und Reporter. Mit Andrea Jeska gewann er 2018 das „Kartographen“-Recherche-Stipendium des Fördervereins Fleiß und Mut für eine Reportage über Grenzorte an den Rändern Europas

06:00 10.07.2019

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