Ermittlungen auf Sansibar

Krimi Muhammed Said Abdulla gilt als Vater der modernen Swahili-­Literatur. Sein Detektiv Bwana Msa teilt mit Sherlock Holmes und Nick Knatterton mehr als die Liebe zur Pfeife

Er ist jung, gebildet, an allem interessiert und raucht Pfeife: Bwana Msa, der berühmteste Detektiv Sansibars. Stets begleitet von seinem arabischstämmigen Freund Najum und dem Polizeiinspektor „Spekta“ Seif, setzt er seine analytischen Fähigkeiten ein, um Licht in skurrile Mordfälle, undurchsichtige Erbschaftsverhältnisse, verschachtelte Verwandtschaftswirren und mysteriöse Vorfälle zu bringen. Ganz nebenbei gibt er historische, geografische und philosophische Erläuterungen zum Besten – das alles vor dem Hintergrund der multiethnischen Gesellschaft seiner Heimat: der „Gewürzinsel“ im Indischen Ozean.

Bwana Msa ist Kind seiner Zeit und seines Umfeldes – und auch wieder nicht. Sansibar, dessen Tourismusindustrie mittlerweile wieder mit dem Multikulturalismus seiner Gesellschaft wirbt, hat geschichtliche Verwerfungen hinter sich, die in dieser Multiethnizität mehr erkennen lassen als das Bild bunter Vielfältigkeit. Die Insel hat im Laufe der Zeit nicht nur unter verschiedensten Herrschaften gestanden (einheimische Shirazis, Portugiesen, Omani-Araber, Briten) und unterschiedlichen Interessen gedient (Marinebasis, Handelszentrum für Gewürze, Elfenbein und Sklaven, Finanzmarkt, Tourismus), ihre Bevölkerung selbst legt von den Brüchen der Geschichte und der Brüchigkeit der Gesellschaft Zeugnis ab.

Schlagartig berühmt

Zwar hat der 1918 geborene Autor Muhammed Said Abdulla den letzten Entwicklungsschritt – den Wechsel vom Sozialismus zur marktwirtschaftlichen Erschließung als touristische „Perle des Indischen Ozeans“ – nicht mehr miterlebt, er ist 1991 gestorben. Dennoch schneidet sich die Biografie des Schriftstellers und Schöpfers von Bwana Msa (Msa ist ein Akronym seines Namens) mit der Geschichte seiner Heimat: Abdulla wuchs in einer Vielvölkergemeinschaft auf, bestehend aus einer Mehrheit einheimischer Afro-Shirazis (ursprüngliche Besiedler der Insel sowie Nachfahren ehemaliger Sklaven vom Festland), einfachen Bürgern arabisch-indischer Abstammung, einer reichen Oberschicht aus besitzenden Arabern und Indern sowie einer geringeren Zahl von Europäern. Alles unter der Herrschaft des britischen Gouverneurs und – indirekt – des Sultans.

Schon als Schüler begeisterte er sich dafür, eigene Geschichten zu erfinden. Nach Abschluss seiner Ausbildung arbeitete er zehn Jahre als Inspektor der kolonialen Gesundheitsbehörde, dann wurde er Journalist. 1948 stieg er zum Chefredakteur der Zeitung Zanzibari auf und war Redakteur bei anderen Blättern. Neben seiner journalistischen Tätigkeit veröffentlichte er Kurzgeschichten und Essays. Dann erschuf er die Figur des Detektivs Bwana Msa – und erlangte schlagartig Berühmtheit. Bwana Msas erste Abenteuer, Mzimu wa watu wa kale (Der Geisterwald der Ahnen) entstand 1959 für einen Schreibwettbewerb und wurde im darauf folgenden Jahr erstmals veröffentlicht.

In diese Zeit hinein fällt das Erwachen der Unabhängigkeitsbewegung. Nachdem das nahe gelegene Festland Tanganyikas bereits 1961 entkolonisiert war, fanden auf Sansibar die ersten Wahlen zu einer verfassungsbildenden Versammlung statt. Aus den Wahlen, die 1963 schließlich zur Unabhängigkeit Sansibars führten (zunächst als konstitutionelle Monarchie), ging ein Parteienbündnis als Sieger hervor, das zwar eine knappe Mehrheit der Parlamentssitze erringen konnte, allerdings nicht die Mehrheit der Wählerstimmen; keine sicheres Standbein für die Regierung des Sultans, zumal die Führung der Siegerparteien vorrangig der reichen arabisch-indischen Oberschicht entstammte. Umgekehrt ein Affront für die unterlegene Afro-Shirazi-Partei. Nach nur einem Monat wurde der Sultan am 12. Januar 1964 gestürzt, durch die Hand eines Einzeltäters. Im chaotischen Verlauf dieses Umsturzes kam es zu einem Blutbad vor allem unter der arabischstämmigen Bevölkerungsgruppe. Erst nach einer Woche gelang es, den entfesselten Volkszorn zu bändigen – mehrere tausend Todesopfer waren zu beklagen. Bis heute sind die Umstände dieses Massakers nicht wirklich aufgeklärt noch die Verantwortlichen und der Einzeltäter zur Rechenschaft gezogen worden. Besonders dramatisch an den Ereignissen war, dass die Grenzen zwischen den Parteien nicht eindeutig ethnisch oder religiös definierbar waren, sondern mitten durch Familien und Bekanntschaften liefen. Die in der Historie vorherrschende Interpretation der „Volksrevolution gegen die unterdrückende Schicht“ verdeckt den unangenehmen Teil der Tatsachen. Noch heute können Täter und Opfer im alltäglichen Nebeneinander der Gesellschaft einander begegnen.

Muhammed Said Abdulla war ein Opfer der Folgen des Umsturzes: Obwohl seine Familie keineswegs zu den „Unterdrückern“ gehört haben dürfte, wurden seine Frau und zwei Töchter vom Mob erschlagen. Er selbst entkam, indem er sich tot stellte. Vielleicht genügte es, dass er als Gebildeter einer anderen Schicht zugehörte und für die Kolonialverwaltung tätig war. Vielleicht teilte er sein Unglück „nur“ mit vielen anderen unschuldigen Opfern.

Abdulla arbeitete bis zu seiner Pensionierung 1968 für das Landwirtschaftsmagazin Mkulima. Im selben Jahr erschien der zweite Bwana-Msa-Krimi. Mit Sicherheit stellte sein Schreiben neben erhöhtem Alkohol- und Tabakkonsum eine Fluchtbewegung dar. Dass er in den Bwana-Msa-Krimis die ihn umgebende gesellschaftliche Situation nur als Hintergrund, nicht aber als Ziel von Anklagen und Agitation nutzt, mag in seiner Biografie begründet liegen. Für die Figur des Bwana Msa nahm sich Abdulla Anleihen bei Arthur Conan Doyles Sherlock Holmes: Ähnlich wie dieser sich wissenschaftlicher Methoden bedient, durchbricht auch Bwana Msa die traditionelle Verbrechensaufklärung, die an Aberglauben und übersinnliche Erkenntnisse gekoppelt war – und stellte so für den sansibarischen Kontext etwas Neues dar, zumal zur Zeit seines ersten Erscheinens: einen charismatischen Privatdetektiv, dessen spartanisch geführtes Leben nicht vom Lösen dieser Kriminalfälle abhängt, sondern der es sich schlicht zur Aufgabe gemacht hat, das Böse zu bekämpfen und Frieden zu stiften.

Mit seiner frischen, differenzierten Sprache, der glaubwürdigen Wiedergabe von Reden und Handeln einzelner Charaktere, getreuen Milieuschilderungen, dem feinen Sinn für Humor und der Verwendung von Sprache als Instrument der Modulation, um die unterschiedlichsten Sprechweisen seiner Personen wiederzugeben, leitete Abdulla eine neue Periode in der Swahili-Literatur ein. Er war nicht nur richtungweisend für die Kriminalliteratur Tansanias, sondern wird als Begründer des modernen Swahili-Romans überhaupt angesehen, geschrieben also in der „lingua franca“ Afrikas, die eine ähnliche Verbreitung hat wie das Englische in Westeuropa.

Dünner Firnis

Die Figur des Bwana Msa, deren Name im Volksmund bald synonym für seinen Schöpfer gebraucht wurde, bietet eine Matrix für die Emanzipation der Afrikaner. Sechs Bwana-Msa-Krimis sind insgesamt entstanden, in keinem kommt auch nur ein Europäer handelnd vor. Auch die bestehenden Herrschaftsverhältnisse sind kein Thema, was besonders im noch zur Kolonialzeit geschriebenen Erstling erstaunlich ist, der zudem gar von der britischen Protektoratsverwaltung prämiert wurde. Im Geisterwald der Ahnen klärt Bwana Msa das Verschwinden eines wohlhabenden einheimischen Landbesitzers auf, der offensichtlich gegen althergebrachte Sitten verstieß. Dabei müssen er und seine Begleiter, Najum und Spekta Seif, sich mit einem reichen Inder und einem arabischen Ladenbesitzer auseinandersetzen. Bwana Msa gibt den Prototypen eines autonomen, sich seines Verstandes bedienenden Wesens im Sinne Kants, das über die bis dato in der Swahili-Literatur vorkommenden Charaktere hinausreicht.

Herausgetreten aus einem rein afrikanischen Kontext, stellt sich Bwana Msa über die von Tradition geprägte Gesellschaft und zeigt einen Weg in die Zukunft, nicht ohne sich dabei der Transformationen bewusst zu sein, die eben dieser Übergang mit sich bringt – die „westliche“ Bildung erscheint als dünner Firnis, unter dem überlieferte Ansichten und Glaubensmuster liegen und die logisch-analytische Nüchternheit abplatzen zu lassen drohen. Msas Bemühungen in der Aufklärung von Mordfällen sind also stets an die Hoffnung einer Emanzipation im Denken und Handeln der Menschen geknüpft, der Detektiv wird zum Vorkämpfer für das Neue.

Dabei sind solche gesellschaftspolitischen Eigenschaften von Abdullas Bwana Msa nur unterschwellig zu erkennen – nicht selten im Kontrast zu anderen Gestalten der Romane, die der wohlhabenden Oberschicht vor der Revolution angehören und Merkmale von deren Dekadenz aufweisen. Diese anderen verkörpern den inneren Zerfall der bürgerlichen Schicht, sie sind weder sozial engagiert noch am Zeitgeschehen interessiert.

Für den heutigen Leser bestechen Abdullas Werke durch ihre Zeitlosigkeit, gerade weil sie auf eine explizite Kritik von gesellschaftlichen Mißständen verzichten. Das verbindet Bwana Msa mit seinen europäischen Kollegen: Sherlock Holmes wird heute als Kind des viktorianischen Zeitalters und als Vorreiter für wissenschaftliche Methoden der Polizeiarbeit rezipiert, der etwas anders konzipierte deutsche Comicheld Nick Knatterton macht heute mit zarten Spitzen gegen die Adenauer-Ära noch schmunzeln. Darüber hinaus eint die drei Detektive die Liebe zu ihrem wichtigsten Utensil: zur Pfeife.

Guido Korzonnek ist Afrikanist, Reiseleiter und herausgebender Übersetzer von Der Geisterwald der Ahnen im Deutschen (Hörbuch, Spieldauer 193 Minuten, Kalamu 2010, 19,90 , zu beziehen über kalamu.de). Die Rechte dafür hat er persönlich bei einem seiner zahlreichen Aufenthalte in Sansibar erworben. Für dieses Frühjahr ist das Erscheinen des zweiten Bwana-Msa-Krimis ebenfalls als Hörbuch angekündigt: Der Brunnen von Giningi

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10:00 06.03.2011

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