Erniedrigung auf der Hinterbühne

Theater Dörr, Langhoff, Petras: Öffentlich müssen Intendanten heute als Sündenböcke herhalten. Hier begehrt einer auf

Hinter der Kritik an alten weißen Männern und Frauen (Klaus Dörr, Armin Petras, Peter Spuhler, Shermin Langhoff und Catherine Miville) an den Theatern in Berlin, Stuttgart oder Gießen verstecken sich ministerielle Kulturbeamt*innen und Bürgermeister*innen der Republik. Sie sitzen über Jahrzehnte auf ihren Stühlen und machen Personalpolitik, entscheiden, wer in Theatern, Museen und Hochschulen die Leitung innehat. Sie verschanzen sich hinter ihren Kommissionen, darin vertreten sind immer die gleichen Akteure, aber der Sachverstand schwindet und die Netzwerke sind entscheidend.

Die Parlamentarier schweigen. Auch jüngere Publikationen über Macht und Herrschaft im Theater blenden die politischen Strukturen und Entscheidungsträger aus, schieben alle Schuld den Intendanten zu. Wie leicht, aber die Strukturen verlaufen anders.

Sparkonzept vorlegen!

Der für Theater zuständige Ministerialrat ließ mir den Vortritt. Langsam surrte der Aufzug ins Erdgeschoss. Wir standen uns nahe, überraschend sagte er: „Ich kann keine Intendanten machen, aber ich kann verhindern, dass Menschen Intendanten werden, und dazu gehören Sie.“ Mir fiel nichts mehr ein. Am Portal des Ministeriums nickte ich mit dem Kopf. Als ich Ende des vergangenen Jahrhunderts, gegen seinen Willen, Staatstheaterintendant wurde, würde er mir zeigen, wer die Macht im Staate hatte. Ich wurde einbestellt. Im Konferenzsaal saßen zwei Ministerialdirigenten und ein Regierungsrat. Ob ich das Sparkonzept vorlegen könne, fragten die Herren. Ich wusste von nichts. Sie behaupteten, das Amt hätte mir einen Brief geschrieben. Ich bat darum, meine Sekretärin anzurufen, um von der Poststelle des Theaters einen Report zu bekommen. Ich durfte zum Schreibtisch des Ministerialdirigenten. Auf dem Tisch lag ein Blatt Papier, die Überschrift: „Prüfung außerordentliche Kündigung des Intendanten N.“

Ich rang nach Luft. Ein Trick? Sollte ich Angst bekommen? Ich sprach weiter mit meiner Sekretärin und überflog den Schlusssatz: Die Argumente reichen nicht aus. Gerettet verließ ich sofort die Sitzung, fuhr zu einer Tankstelle, wo ich Wasser trank.

Ich überlebte meine Intendanz in Kassel, in einem Boulevardblatt behauptete man, ich hätte einen Tänzer geschlagen, später zog der Generalmusikdirektor nach, ich hätte ihn aus antisemitischen Gründen bekämpft. Wahnsinn. Das Blatt musste widerrufen, der Dirigent nahm alles zurück, aber meinen Kindern in der Schule haben sie hinterhergerufen, ich sei ein Schläger.

Als ich 1993 ein Dreispartenhaus in Thüringen übernahm, habe ich von 248 Mitarbeiter*innen bei sechs Personen die Verträge nicht verlängert, aber 14 neue Stellen geschaffen. Das führte dazu, dass in der Stadt die Parole gesprüht wurde: „Nix wie weg.“ Dazu die Fratze eines Clowns gemalt. Ich fand das kreativ. An den Türgriff des Wohnheims, wo ich wohnte, hatte jemand Kot geschmiert. Meine Eröffnungsrede vor der Belegschaft wurde auf Anweisung des CDU-Vorsitzenden abgehört und als schriftliches Protokoll in der Fraktion verteilt, um zu zeigen, dass ich linke Inhalte vertrete, das Theater ruiniere. Meine Strafanzeige wurde eingestellt. Einige Wochen später sollte ich die Oper meines schwulen Oberspielleiters absetzen, weil es männerliebende Szenen gab.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Ich traf im Theater auf Menschen, die seit 25 Jahren an diesen Häusern unkündbar waren, und blieb der Fremde. Die Kraft, die man brauchte, schöpften wir aus den künstlerischen Ideen, gelungenen Inszenierungen, Neuentdeckungen: Ästhetik des Widerstands. Aber wie viel Kritikfähigkeit herrschte untereinander auf der Ebene der Spartenleiter? Wollten wir nicht ein anderes Theater: Armin Petras, Sebastian Baumgarten, Antje Kaiser, Wolfram Mehring, ich? Was wirft man uns vor und wer steht hinter dem Rauch?

Irgendwie, denke ich, geht es um Verneinung und Verleugnung im Sinne der Psychoanalyse. Slavoj Žižek meinte einmal, dass die „fetischhafte Verleugnung“ darin besteht, Einzelne zu dämonisieren, aber von den großen Konfliktlinien abzuweichen. Wurde nicht in den 1990er Jahren, seit der „Wiedervereinigung“, ein gewaltiger ökonomischer Druck auf die Theater und ihre Ensembles ausgeübt und führte zu Entlassungen ganzer Orchester, Auflösung von Ensembles, reduzierten Haustarifen und aberwitzigen Fusionen? Waren es nicht die Träger, also die Ministerialen, die mehr Zuschauer forderten und manche Theaterintendanten, die ihnen willig folgten mit immer mehr Produktionen? Wo bleibt heute die Kritik am System, das doch das Politische nicht ausschließen darf? In den Niederungen des Theaters, wie aller menschlichen Organisation, ist der Mangel an Humanismus nicht größer ist als in Stahlwerken und Schlächtereien. Das macht den Alltag nicht besser, aber die Dämonisierung der Intendanten darf doch die Systemkritik nicht lahmlegen. Natürlich lohnt es, neue Leitungsmodelle zu entwickeln und darüber nachzudenken, dass Kunst und Kunstmarkt, Theater und Konzert längst den Verwertungsbedingungen des Kapitals unterliegen. Es ist doch nicht so, dass Mediation und Betriebswirtschaft, kollektive Leitung und grüne Minister*innen ein wirklich demokratisches Theater wollen.

Ein Blick auf das Theater in Basel mag hilfreich sein. Peter Palitzsch und Karlheinz Braun waren 1970 schon viel weiter mit der Demokratie, als das, was heute diskutiert wird, auch wenn sie junge weiße Männer waren, die bald alt sein würden. Aber sichtbar werden sollten doch die Gesichter derer, die sich in Ministerien und Wirtschaftsstiftungen um Kunst kümmern und ihre Politik machen. Es braucht Humor und Mediation, es braucht Offenheit und Kapitalismuskritik – damit die Erniedrigungen auf der Hinterbühne aufhören.

Christoph Nix war zwischen 1993 und 2020 Theaterintendant in Thüringen, Hessen und Baden-Württemberg. Er lehrt als Professor an der Universität Bremen. 2017 erschien seine Studie Theater_Macht_Politik

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06:00 18.08.2021

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