Ernste Scherze

USA Säkulare Kritik mit religiöser Ethik: Hasan Minhaj ist der wichtigste politische Comedian seit den Tagen Jon Stewarts
Ernste Scherze
Er soll sogar noch lustiger sein als Oliver Welke

Foto: Cara Howe/Netflix

Wir wissen, was passiert, wenn man den Markt mit einem Produkt überflutet,“ sagt Hasan Minhaj einmal in seiner Netflix-Serie Patriot Act. Er erzählt von der Streetwear-Marke Supreme, die zu 50 Prozent an die Carlyle Group, eine ziemlich fiese Private-Equity-Gesellschaft, verkauft wurde. Die Pläne der Carlyle Group bestehen offenbar darin, die Produktion von Supreme zu steigern und damit den Markt mit ebenjenen Produkten zu „fluten“, deren Begehrtheit doch gerade auf eine gewisse künstliche Knappheit zurückgeht. Mit Supreme, so Minhaj weiter, sei es ähnlich wie mit Polit-Comedy-Shows; auch da werde der Markt geflutet, mit immer mehr Shows, die sich alle ähneln. Aber: „I’m the brown one, that’s why you have to watch.“

Der Markt war nicht immer so gesättigt mit politischer Comedy. In Deutschland hat die Polit-Satire eine lange Tradition, in den USA steht für ihre Blüte vor allem ein Name: Jon Stewart. Als der bis dahin als Stand-up-Comedian und Schauspieler tätige Stewart 1999 The Daily Show übernahm, galt diese noch als albern und unbedeutend. 2015, im Jahr seines Rücktritts, schauten einer Umfrage des Pew Research Centers zufolge 34 Prozent der Amerikaner mit „consistently liberal views“ die Daily Show – die Quote übertraf die der Leser der New York Times (33 Prozent).

Stewart setzte den Ton für politische Satire. Sein Verfahren, zugleich über und mit einer aus den Nachrichten zusammengeschnittenen Montage zu sprechen, wurde zu einem Standard, der seither von unzähligen anderen übernommen wurde. Vor allem war es aber Stewarts Intellektualität, die bahnbrechend war.

Wie Richard Hofstadter 1963 argumentierte, wurde Intellektualität in den USA immer als antidemokratisch angesehen, als ein Denken, das zu viel Muße und zu viele Privilegien voraussetzte, um mit der Demokratie vereinbar zu sein. Mit dem Ende des Kalten Krieges ging dann noch der letzte weitgehend anerkannte Nutzen der Intellektuellen verloren. Die CIA hörte auf, den Iowa Writer’s Workshop zu fördern. Sie brauchte keine Propaganda gegen die kommunistische Bedrohung mehr. In der Popkultur des Mainstream kamen Intellektuelle nur als Parodien vor – etwa Major Charles Winchester (David Ogden Stiers) in der Serie M*A*S*H*, oder Dr. Frasier Crane (Kelsey Grammer) in Cheers.

Da wird der Scheich bleich

Wenn das Intellektuelle ein Witz ist, erscheint es fast als natürliche Entwicklung, dass Witzemacher zu Intellektuellen werden. Jon Stewarts Geschick bei der Mischung von Humor und Intellektualität ist aber nicht nur mit der strukturellen Notwendigkeit eines intellektuellen Humors zu erklären; Stewart nahm gewissermaßen alte jüdische Traditionen auf, die Humor und Belesenheit ins Zentrum des geistigen Lebens stellen. Seine Komik steht in der Tradition einer Ethik der Erläuterung. Genau wie ein Rabbi, der sich mit der Auslegung einer Auslegung einer Auslegung der Thora beschäftigte, versuchte Stewart zum richtigen Leben zu gelangen, indem er wichtige Texte deutete. Der Humor ist, wie die biblische Exegese, eine Art und Weise, die Leiden der Machtlosen und die Übertretungen der Mächtigen ans Licht zu bringen. Der Erfolg dieser Ethik bestätigt sich dadurch, dass Stewarts Humor unter anderem bei einer ganzen Reihe muslimischer Komiker Anklang fand, die sich mehr oder weniger explizit auf ihn beziehen: Im Irak gab es Ahmed al Basheer und seine Albasheer Show. Die im Exil lebenden Iraner Kambiz Hosseini und Saman Arbabi hatten großen Erfolg mit einer Show namens Parazit; und in Ägypten übernahm die Sendung Al Bernameg die grundlegenden Elemente der Daily Show.

Zu diesen „Nachahmern“ kann man auch Hasan Minhaj zählen. Wie Stewart sein Judentum, stellt Minhaj seinen muslimischen Hintergrund immer wieder ins Zentrum seiner Comedy. In einer Sendung zu Saudi-Arabien und dem Kashoggi-Mord erklärte er, der Haddsch, die Pilgerfahrt nach Mekka, sei so etwas wie das Musikfestival Coachella für Muslime, nur dass man sich nicht ärgern dürfe, wenn jemand neben einem behaupte, eine „religious experience“ zu haben. Die Korruption in Saudi-Arabien anzugreifen, sei für ihn als Moslem schwierig, weil das Land eben heilig sei. Zum Vergleich: Es gebe auch ethische Probleme mit Amazon, aber er bete nicht nach Seattle. Man nahm die Sendung offenbar auch in Saudi-Arabien wahr, denn Mohammed bin Salmans Regierung zwang Netflix, die Folge zu entfernen. Sicherlich hätte Saudi-Arabien die Sendung ebenso zensiert, wenn Minhaj Jude oder Christ wäre. Doch man kann davon ausgehen, dass die Kritik besondere Brisanz hat, weil sie von einem Glaubensgenossen kommt.

Minhaj kombiniert eine religiöse Ethik mit einer säkularen Kritik – er hat als einer der „Korrespondenten“ in Jon Stewarts Daily Show sein Handwerk gelernt. Wie Stewart nimmt sich auch Minhaj vorwiegend die Mächtigen vor, ist aber versöhnlich mit normalen Menschen. Die Unterschiede zwischen den beiden zeigen sich eher im Umgang mit Fragen der Diskriminierung. So war für Stewart Antisemitismus zwar oft ein Thema; er behandelte es aber wie jedes andere: mit Humor und Intellekt. Als Trump zum Beispiel twitterte, dass Stewart – der als Jonathan Stuart Leibowitz geboren wurde – seinen Namen nicht hätte ändern sollen, kommentierte er: „Ich glaube, der Typ will einfach nur bekannt machen, dass ich Jude bin – und ich dachte, mein Gesicht erledigt das schon.“

Für Minhaj dagegen ist Diskriminierung immer ein sehr emotionales Thema. In Homecoming King, seinem Netflix-Stand-up-Special, berichtet er über entsprechende Erlebnisse aus seiner Kindheit in Davis, Kalifornien. Wenn er zum Beispiel erzählt, wie seine Familie zuerst einen Hassanruf erhielt und dann alle Fenster ihres Autos zertrümmert wurden, geht es ihm erst mal nicht darum, einen Witz zu reißen. Sondern eher darum, seinen Schmerz und seine Menschlichkeit zu zeigen. Wo Stewart Rassisten immer bloßstellen wollte, will Minhaj beweisen, dass Diskriminierung selbst oft ein intellektueller Akt ist. So erklärt er in Homecoming King, dass das Büro von Fox News und das Studio der Daily Show nur wenige Blocks voneinander entfernt sind. Tagtäglich sieht er die Fox-Korrespondenten, die in ihren Sendungen die Gefahren des Islam beschwören, wie sie sich zum Mittag ein Schawarma holen. Im Kopf könne man Rassist sein, so Minhaj, doch der Magen glaubt an Gleichberechtigung.

Vielleicht wirkt Minhajs Emotionalität deshalb aktueller als Stewarts Klugheit. Denn die Antiintellektualität, die so lange ein Grundprinzip des amerikanischen Konservatismus war, scheint sich in Pseudointellektualität verwandelt zu haben. Um Jordan Peterson lächerlich zu machen, braucht es keinen Jon Stewart.

Lachen über Tränengas?

In rechtsradikalen Foren wird heutzutage eine Ideologiekritik praktiziert, der es vielleicht an Stringenz mangelt, die aber alles andere als antiintellektuell ist. Die traditionelle konservative Kritik stellte der Intellektualität die Erfahrungen des „echten“ Lebens gegenüber. Heute liefert die „Alt-Right“ ihre Argumente mit Verweisen auf Soziologie, Statistik und Geschichte. So erfunden die Daten auch sein mögen, wenn sie sich durch bessere Argumente bloßstellen ließen, wäre Donald Trump nicht Präsident.

Auch Minhaj gelingt es nicht, Witze über Trump zu reißen. Man lacht auf, wenn er Amazons Verstöße gegen Arbeiterrechte enthüllt oder an die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko erinnert. Schwieriger wird es beim Thema Einwanderung. Witze über die Tatsache zu machen, dass die USA Kinder in Käfige sperren und Migranten mit Tränengas angreifen, fällt auch ihm schwer.

Aber Humor im Moment der politischen Krise ist wichtig. Wir brauchen, frei nach Goethe, einen ernsten Scherz, der die Absurdität deutlich macht. Doch auch die Leichtigkeit von Oliver Welkes Heute-Show leidet unter der Ernsthaftigkeit des hiesigen Rechtsrucks – wenn Welke über Merz spricht, ist das deutlich lustiger, als wenn er die AfD thematisiert. Doch wenn Welke scheitert, scheitert er in bester Gesellschaft. Wie Stewart und Minhaj besteht er darauf, dass sein Humor auf der richtigen Seite steht. Aber nicht jede politische Satire ist gleich. Es gibt auch einige Komiker, die so viel Angst davor haben, als unlustig empfunden zu werden, dass sie im Bemühen, unterhaltsam zu sein, jegliche Ethik beiseitelegen. Sie vermitteln zwar den Eindruck, progressiv zu sein, aber eigentlich basiert ihr Humor auf Ausgrenzung und darauf, sich dumm zu stellen. Man kann auch damit Leute zum Lachen bringen, aber dieses Lachen rührt hauptsächlich von der Angst, selbst zum Opfer zu werden. Das ist dann weniger Humor, sondern Mobbing.

06:00 06.02.2019

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