Erregt den Nerv

Video Für den Technik-Nerd Klaus vom Bruch ist Kunst immer noch dazu da, die Leute zu ärgern

Bei Kaffee und Guglhupf erzählt Klaus vom Bruch, er lese das ein wenig verschnarchte „Käseblatt“, den Tagesspiegel, immer noch gerne. Es beruhige seine Nerven. Den Kölner Stadtanzeiger hat er geliebt. „Wenn wir was machten, brauchten wir nur anzurufen, dann machten die ’ne halbe Seite.“ Köln in den 80ern? Ein Dorf. Mit dem Kulturdezernenten hat er im Roxy gesoffen. Der 1952 geborene Medienkünstler gehört in eine spezielle Familie von Künstlern aus dem rheinischen Raum, die Stichworte: Kölner Dom, Katholizismus, Düsseldorfer Kunstakademie, Klüngel, Karneval. Polke, Bernhard und Anna Blume und Kippenberger gehören dazu, um nur ein paar zu nennen. Bekannt wurde Klaus vom Bruch in den 1970ern mit seinem Tape Das Schleyerband. „Das war am ersten Tag der Entführung, da habe ich sofort den Polizeifunk mitgeschnitten. Ich machte damals Fotos für die Emma, da arbeitete die Schwester der Gudrun Ensslin. Die Arbeit sollte meine Nerven beruhigen. Ich habe alles mitgeschnitten, Talkshows, Pressekonferenzen, die abends längst zensiert worden waren, wo es peinliche Versprecher gab (...). Ich wollte nicht zur RAF, die Frage ist aber damals überall im rheinischen Raum gestanden.“

Zurück zum Karneval. Bei vom Bruch fällt auf, wie sehr Themen der Bildbetrachtung, Interesse und Blick den Arbeiten Harun Farockis ähneln. Sowohl Farocki als auch vom Bruch dekonstruieren Dinge und setzen sie neu zusammen. Während Farocki an der Grammatik oder besser Syntax der Phänomene arbeitete, sie gewissermaßen nackt machte, arbeitet(e) vom Bruch sich an der Semantik, an der Psychologie der Bilder ab. Fast wie eine Methode kommt bei ihm der Karneval dazu. Farockis Filme und später die Installationen waren trocken, beinahe vollständig frei von Ironie, bei vom Bruch gibt es hingegen nicht eine einzige Arbeit, die sich nicht einer ironischen Verschiebung bedient. Seit seinem ersten Schnittrekorder, den er fünf Jahre lang abbezahlte, ist die Montage seine Leidenschaft. „Ich wollte altes, vorgefundenes Vintagematerial in einen neuen, psychologisch-intellektuellen Zusammenhang stellen“.

Platzanweiser, Direktor

Sein Vater war Bäcker, sie verdienten damit gutes Geld, waren Neureiche der 1960er, waren die Ersten, die sich einen Fernseher leisten konnten. „Abends kamen die Nachbarn zum Gucken. Ich war mit sechs oder sieben so etwas wie der Theaterdirektor bei uns im Wohnzimmer. Es gab Kuchen und Fernsehen. Die reine Verführung war das.“ Später, die „Technicolor-Liebe“. Eine in der Ausstellung gezeigte Arbeit, Time without End, in der er eine Geste Gene Tierneys aus einem Hollywoodfilm der 1940er in einen Loop umbaut, erzählt davon. Mit zehn oder zwölf schneidet er mit einem Grundig-Tonband heimlich im Kino Filme mit, Don Camillo und Peppone, freilich nur den Audioteil, Video gab es noch nicht, „mit dem Mikrofon vorm Lautsprecher, und wenn ich das abspielte, war das wie der Film“.

War er so ein Technik-Nerd? Das Kind Klaus hatte alle „Kosmos“-Experimentierkästen. Das Kinderzimmer flog oft in die Luft. Einmal wegen des Hubschraubers mit zu großen Flügeln. Dann gab es da noch den Namen des Erfinders des Pal-Farbfernsehsystems, Walter Bruch, der für die Nazis schon daran arbeitete und später dann bei Telefunken. Rheinischer Humor. Die Namensähnlichkeit fand Klaus vom Bruch lustig. „Schon die letzten Bomben der Nazis sind mit Videotechnik ferngelenkt worden, die die intelligenten Bomben, Raketen und Drohnen von heute vorausahnten.“ Noch später beeindruckte ihn die Lektüre des französischen Kulturtheoretikers Paul Virilio, der den Beobachtenden mit dem Kämpfenden identifiziert und das fotografierte Subjekt mit dem Opfer. Schon Étienne-Jules Marey hatte ein umgebautes Gewehr für seine frühen Fotoserien von Bewegungsabläufen, und noch heute heißt es, dass man ein Foto „schießt“.

Vom Bruchs erste Tapes beschäftigten sich folgerichtig mit Krieg, bevorzugt dem aus der Luft. Man könnte seine Methode als frühes digitales „Sampling“ beschreiben. Das Alliiertenband (1982) kollagiert Originalmaterial der Invasion von US-Soldaten im Rheinland, in Softiband (1980) hat er sich selbst als Pilot eingeschnitten. Vom Bruch zeigte: „Die Technologie macht auch die Schwachen zu großen Kämpfern.“

Besonders im Rheinland etablierte sich die Videokunst, schaffte es 1977 in die von Wulf Herzogenrath kuratierte Sektion auf die documenta 6. Die Ausstellung zeigt als Sammlung Herzogenrath Videokunst, an der auch Klaus vom Bruch mit mehreren Arbeiten beteiligt ist. „Herzogenrath war ein großer Förderer für uns in Deutschland“, sagt vom Bruch, lange wurde er dafür angefeindet. Niemand sonst zu der Zeit wollte das Attribut „Videokurator“ haben, aus Angst, keinen „anständigen Job“ mehr zu kriegen. Es gäbe keinen wirklichen Markt für Videokunst. Es sammelten entweder die staatliche Institutionen – fast alle Museen der Welt haben inzwischen umfangreiche Sammlungen – oder eben ein paar wenige reiche Privatleute. Der Markt interessiere sich für Verkäufliches wie zur Not Malerei von Baselitz oder Neo Rauch. Bei Video müsse man schon „ein ziemlich perverses Naturell“ haben. Klaus Honnef, ursprünglich Sportreporter und dann selbst ernannter Experte für Fotografie, sagte damals: „Video? Da kucke ich lieber Fußball, da ist schon die Zeitlupe interessanter.“

Dass Videokunst so heruntergemacht wurde, hatte aber am Ende damit zu tun, dass sie so schlecht für die Spekulation am Kunstmarkt zu gebrauchen ist. Es müssten schon Einzelstücke sein. „Ich wüsste aber nicht, dass es ein Videoband gibt, das es nur einmal gibt. Warum auch? Um mit dem Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich zu sprechen: Es ist nicht gut, wenn du nicht Teil der Siegerkunst-Aristokratie bist.“

Die Leute gehen ins Museum, meint vom Bruch, so verblödet sei die Sache inzwischen, weil dort dieses teure Bild hängt. Seinen Studenten, in ihrem Orientierungsnotstand hinsichtlich der zukünftigen Karriere, habe vom Bruch, der lange Jahre in Karlsruhe und München lehrte, immer geraten: „Ihr braucht nur dahin zu gehen, wo ein Zeichen für den Audioguide ist.“ Aber das sei natürlich nichts anderes als Populismus, den freien Blick fördere das nicht. Vom Bruch hat aus Begeisterung für das Medium und seine gesellschaftliche Wirkung angefangen. Dass man für den Kunstbetrieb etwas mache, was der nicht wolle, sei für ihn ein Teil des Erregungszustandes gewesen, in den ihn das Arbeiten versetzte. „Für mich ist Kunst immer noch dazu da, die Leute zu ärgern, ist doch klar.“

Videokunst bleibt aber doch eher ein Ladenhüter, glaubt vom Bruch. „Auch meine neue Arbeit, das McLuhan-Tape, „wird erst einmal niemanden interessieren, aber dann wird es als Dokument von etwas entdeckt, dieser Zeit im Internet. Bis dahin wird sich auch das Internet verändert haben, es wird vermutlich auch da eine Klassengesellschaft geben, diese Art der unregulierten Verprollung, wie wir sie heute haben, wird es so nicht mehr geben.“

Ein wenig abgelenkt wird man durch die sehr komischen, mit eher komischen als keuschen Balken versehenen pornografischen Clips, mit denen vom Bruch auf der visuellen Ebene das Radiointerview mit Marshall McLuhan unterlegt. Bruch lacht, das sei ja die Absicht, Irrung und Lenkung des Blicks. Die Pornoclips seien alle sehr abstrus, man wisse ja gar nicht, in welchem Maße das inszeniert sei. Ein paar dieser Sachen hätten auch vom amerikanischen Künstler Mike Kelley sein können, der mit großer Lust mit trivialen und pornografischen Elementen spielte. Es gebe eine Nachbarschaft, was aber nicht heiße, dass nun ein alter Sack Pornofilme drehe. Vom Bruch sagt, es brauche ein möglichst starkes Gegenüber, das sei nun mal auch Pornografie, und auch weil man bei der Betrachtung so einsam sei.

Das McLuhan-Projekt soll mit dem Tabubruch spielen, der die Geschichte der technischen Reproduzierbarkeit begleitet hat. Durch virtuelle Interaktionen mit anderen und die von Algorithmen kontrollierte Beobachtung anderer seien wir Mitglieder einer globalen Meute geworden, die Formen totalitärer Gesellschaften angenommen habe. Ziemlich dystopisch also, da sei die Ausstellung fast schon anrührend altmodisch. Wahre Magie erfordere aber heute eine etwas härtere Gangart.

Info

Magic Media – Media Magic, Videokunst seit den 1970er Jahren aus dem Archiv Wulf Herzogenrath Akademie der Künste, bis 13. 10.

Ludger Blanke hatte für das Treffen mit Klaus vom Bruch extra einen Guglhupf aus der Pâtisserie „Du Bonheur“ besorgt

Beilage

Dieser Beitrag ist Teil des Berlin Art Week Spezials – einer Kooperation des Freitag mit der Berlin Art Week

06:00 14.09.2019
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