Ersatzgottesdienst mit rettender Idee

Berliner Abende An den wenigen Menschen, die eilig auf den Eingang zugehen, erkenne ich, dass ich zu spät bin. Tatsächlich, als ich den Saal betrete, ist ein Redner ...

An den wenigen Menschen, die eilig auf den Eingang zugehen, erkenne ich, dass ich zu spät bin. Tatsächlich, als ich den Saal betrete, ist ein Redner bereits dabei, einführende Worte zu sprechen. Vor seinem Pult sind einige Stuhlreihen aufgebaut, inzwischen alle voll besetzt. Es ist Sonntagvormittag; seit Wochen wird in Berlin nur übers Sparen geredet, was läge da näher, als sich einmal jenes Programmangebot näher zu betrachten, das nichts kostet?
Es muss mit der Abwertung des Sprechens in unserer abendländischen Kultur zu tun haben - Reden ist Silber, Schweigen ist Gold -, dass im Gegensatz zu visuellen Spektakeln Diskussionsrunden in der Regel umsonst sind, egal wie prominent ihre Besetzung. Offensichtlich haben die Veranstalter den allgemeinen Trend zur Sparsamkeit noch nicht erkannt und deshalb das Publikumsinteresse unterschätzt: Hinter den Stuhlreihen hat sich eine Menschentraube angesammelt, die entschlossen scheint, stehend zuzuhören und es mir so ermöglicht, noch unbemerkt hinzuzustoßen.
In der letzten Reihe fällt mir sogleich der angekündigte Hauptredner dieses Vormittags ins Auge. Ganz in künstlerisches Schwarz gekleidet, mit lässig um den Hals geschwungenen weißgepunktetem Schal und trotz der Sonnenbrille, die den Anschein erweckt, er habe gewisse Ausschweifungen des Vorabends zu verbergen, ist er unschwer zu erkennen. Er ist der Einzige im Saal, der dem Einführungsredner demonstrativ den Rücken zukehrt. Das sieht nicht unbedingt wie eine höfliche Geste aus, aber vielleicht ist es ja noch die beste Haltung, um die obligatorische Lobeshymne über sich ergehen zu lassen, mit der er dem Publikum vorgestellt wird. Endlich schreitet er selbst zum Rednerpult, nimmt zu meiner großen Überraschung die Sonnenbrille ab und hebt zu sprechen an mit einer Stimme, die meine These von der Angegriffenheit durch sonnabendliche Exzesse zu bestätigen scheint. Zumal er als nächstes mit eben dieser brüchigen Stimme zu singen anhebt, was nun nicht nur mich überrascht, schließlich war solch sinnlicher Reichtum im Gratispreis nicht angekündigt! Vor so viel Spontaneität weiche ich schnell in den Hintergrund des Saales zurück, wohin die Tonanlage die Stimme des Künstlers nur noch verzerrt, aber in abgeschwächter Form überträgt. Dadurch entgeht mir leider der Witz, mit dem er die Gesangseinlage abschließt und ich drängele mich doch wieder in die vorderen Reihen der Stehenden.
Zwar habe ich keinen Eintritt bezahlt, aber ganz umsonst gekommen sein will ich schließlich auch nicht. Während der Künstler spricht, betrachte ich das Publikum. Wie beim angekündigten Thema - es geht um die Klassik - nicht anders zu vermuten, sind vor allem Bildungsbürger versammelt. Man erkennt sie am eigenen Dresscode: Vorbei sind die Zeiten, als Sonntagskleidung für Festtagskleidung stand; der männliche Bildungsbürger von heute trägt mit Vorliebe sonntags einen Pullover überm Hemd, dazu eine Cordhose. Man gibt sich gern informell authentisch, weshalb es auch viel Joggingschuhwerk zu betrachten gibt. Den Mut, im Trainingsanzug zu erscheinen, hat allerdings nur einer. Die zahlreich vertretenen Bildungsbürgerinnen dagegen, oft in Begleitung einer guten Freundin, verlassen sich ganz auf die schickliche Kleidsamkeit langer Strickwaren-Röcke und dezentes Make-up.
Wie überhaupt die Gesichter an diesem Sonntagmorgen - und das, obwohl es sozusagen kalendarisch richtiger wäre, von Mittag zu sprechen - fast alle von der Störung des Biorhythmus ihrer Träger künden. Unbestimmbar, ob zu viel oder zu wenig Schlaf die eigentliche Ursache, die Wirkung ist ein Ausdruck von allgemeiner Empfindsamkeit, der Veranstaltungen wie dieser erst die richtige Weihe verleiht. Ein bisschen wehrlos erscheint das Publikum, leicht zu rühren und leicht zu beeindrucken, aber auch sehr zufrieden mit der eigenen Leistung, an einem Tag wie diesem den einfachen Vergnügungen der Häuslichkeit und des Konsums entsagt und eine kulturelle Anstrengung unternommen zu haben.
Kein Wunder also, dass die angekündigte Diskussion nach dem Vortrag des Künstlers mit wenigen Fragen abgearbeitet ist. Es ist einfach nicht der Ort und nicht die Zeit für wirkliche Neugier. Gemächlich erheben sich die Zuschauer am Ende und trotten zum Ausgang. Keiner drängelt, und ich sehe niemand, der mit routinierter Geste sein Handy prüft, es könnte jemand angerufen haben. Mehr und mehr beschleicht mich das Gefühl, in einer Art Ersatzgottesdienst gewesen zu sein. Und wenn jetzt jemand hier einen Opferstock hinstellte, wäre vielleicht der Weg gewiesen zur Rettung der Kultur in Berlin.

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00:00 08.03.2002

Ausgabe 39/2020

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