Erschöpfte Verehrung

Post-Sowjet-Trend Musik, Mode, Architektur: Osteuropa ist der Hype des Moments. Nirgends erlebt man ihn intensiver als in Berlin

Je mehr sich Russland auf der politischen Bühne vom Partner hin zum erneuten Feind des „Westens“ entwickelt, desto stärker scheint der Osteuropa-Hype in der Popkultur Einzug zu halten. In den letzten Jahren ist das besonders gut in der Berliner Musikszene zu beobachten – ausverkaufte Konzerte, Clubnächte osteuropäischer Labels, bis hin zum Festival-Special Südosteuropa. Der Trend könnte nicht gegenläufiger zur politischen Wetterlage sein, insbesondere seit 2014. Erst waren die brutalistische Architektur und Sowjet-Ästhetik wieder angesagt, dann füllten harte Gopnik-Streetstyles aus dem Ostblock der 90er die Seiten der Vogue, Laufstege und wenig später die Straßen der Welthauptstädte. Russische Knast-Tattoos kann man sich jetzt bequem am Nachmittag des familienfreundlichen Red Square Festivals in Moabit stechen lassen. Wie so viele Trends lässt sich auch der internationale Hype um alles ehemals Sowjetische und Postsowjetische in der Populärkultur ebenfalls von Berlin aus besonders gut nachvollziehen.

Als Kind der Sowjetunion hat man bei der Musik von Molchat Doma sofort Plattenbauten vor Augen und Zeiten der Umbrüche im Herzen. Schon im Namen des Trios („Häuser schweigen“) klingen Stagnation und Melancholie als Stimmungen der Sowjet-80er an. Die Post-Punk-Band schreibt ihre Songs im belarussischen Minsk, in Berlin spielte sie im Frühjahr in der ausverkauften Berghain-Kantine. Im Juni knackte ihr Streamingvideo zum Album Etazhi (Etagen) nach zehn Monaten eine Million Views und ist damit eines der meistgehörten und -gekauften Post-Punk-Alben des Jahres. Ihr Manager Dzmiter Hlamoff sieht dieses Interesse am Osten als reale Öffnung. Während noch vor einigen Jahren westeuropäische Tourneen nur mit englischsprachigen Bands möglich waren, sei nun das Gegenteil der Fall. „Heute will niemand mehr Westkopien, alle sind auf Authentizität aus.“ Es gehe nicht um Sprache oder Angepasstheit – „das Publikum will fühlen, dass du das lebst, was du spielst“.

Belarus mag ein Sonderfall sein, wenn es um „Ostalgie“ geht. „Wir leben in einem ‚sowjetischen Sanatorium‘“, scherzt Hlamoff. „Täglich sehen wir dasselbe Bild, und natürlich hinterlässt diese Realität ihren Abdruck.“ Dass KünstlerInnen hier nicht annähernd dieselbe Aufmerksamkeit bekommen wie etwa im 200 Kilometer entfernten litauischen Vilnius, erklärt er mit der fehlenden popkulturellen Bildung der breiten Massen: „Das gehört nicht zu den Regeln des ‚Sanatoriums‘.“

Als eine der östlichsten westlichen Hauptstädte gilt Berlin selbst als roh und chaotisch und zieht auch deshalb seit jeher verschiedenste KünstlerInnen an. Christian Morin, heute Musikkurator der Volksbühne und Co-Kurator des Berliner Pop-Kultur-Festivals hat Anfang der 90er bei einem der besetzten Häuser im ehemaligen Ostberlin mitgemischt – dem Eimer. Dort traf er Leute aus dem Umfeld der legendären russischen Punkband Grazhdanskaja Oborona und ihres Frontmanns Jegor Letow. Über diese Kontakte spielten damals im Kellerclub des Eimers auch Bands wie AuktYon, Messer für Frau Müller (heute Messer Chups) und andere osteuropäische Acts. „Alles hing an Einzelpersonen, die kleinere engagierte Strukturen in Form von Labels oder Agenturen aufrechterhielten“, sagt Morin. In den 90ern habe es ein großes Interesse seitens der Berliner gegeben. „Es hatte etwas mit der Maueröffnung zu tun und einer großen Annäherung und Neugier.“ Die 2000er brachten eine Abkühlung. Die traditionell große russischsprachige Expatszene Berlins – nun exponentiell gewachsen durch die Einwanderung der Spätaussiedler – füllte zwar das Tempodrom zu Auftritten von Bands wie Leningrad, aber das Publikum sprach hauptsächlich Russisch.

In Osteuropa sind unterdessen neue Strukturen gewachsen. Schlüsselpersonen sind aus Nischen aufgerückt und organisieren unter anderem Showcase-Festivals in Städten wie Tallinn, Moskau oder Ljubljana. Es ist eine vielschichtige Umkehrung der Blicke. In den 90er Jahren waren in den Staaten der zerfallenen Sowjetunion alle vom Westen und dessen Produkten besessen und verfolgten sie bald schon auch akribisch im Internet. Doch nun wächst erneut das Selbstbewusstsein und mit der sogenannten New Russian Wave sogar ein neuer Klang – authentisch für den eigenen Hintergrund und zugänglich für den Rest der Welt. Er stößt mit seiner Andersartigkeit auf Neugier und entfernt sich doch nicht zu weit von den Hörgewohnheiten – hat also keinen totalen Exotenstatus. Die Künstler sind beeinflusst von ihren Idolen aus den Zeiten der Perestroika, von Bands wie Zentr, Alliance oder Kino. Der Sound liegt oft zwischen Synthpop und Post-Punk, so vielfältig wie die Landschaft und das Klima dieser unterschiedlichen Regionen ist auch das Angebot der Musik. Die neuen Bands spiegeln die kulturelle Vielfalt der Länder (zunehmend auch außerhalb der Hauptstädte), die sie umgebende Architektur, reichhaltige Natur (zum Teil auch die langen Winter) oder den regionalen melancholischen Einschlag und thematisieren vermehrt auch jüngste gesellschaftliche Entwicklungen.

Theorien um westliche Sanktionen, die russischsprachige Musikszenen beflügelten, mal dahingestellt – was sich in letzter Zeit im gesamten Osten gravierend ändert, ist die Abwendung von englischen Songtexten. Die Acts singen auf Russisch, Ukrainisch, Serbisch, Estnisch, Belarussisch, Bulgarisch – oder auch mal gar nicht. Die Verehrung des Westens hat sich scheinbar erschöpft. Und mit dem neuen Selbstbewusstsein wächst das westliche Interesse. Die okzidentale Popkultur, von sich selbst übersättigt, richtet ihre Blicke nun in alle Richtungen der Netzkultur. Dazu gehört auch, dass man etwas hört, ohne ein Wort davon zu verstehen.

Fischchen, viral

Nicht nur das Line-up der Berghain-Kantine überrascht mit neuen Namen aus dem Osten. Das Festival Pop-Kultur wird Ende August mehr KünstlerInnen aus Ost- und Südosteuropa in die Hauptstadt bringen als je zuvor. Neben Molchat Doma und der ukrainischen Rapperin Alyona Alyona, die mit ihrem Video Rybki („Fischchen“) eher zufällig einen viralen Internethit landete, werden unter anderen Rosemary Loves A Blackberry aus Russland, BNNT aus Polen oder Repetitor aus Serbien spielen. Laut der Promoterin und Bookerin Natasha Padabed ist das keinesfalls die Regel. Sie ist eine derjenigen, durch die es in Zentraleuropa wieder vermehrt osteuropäische MusikerInnen zu hören gibt. Auch auf der diesjährigen Fusion spielte dank ihr Alyona Alyona. „Die meisten Festivals haben Berührungsängste, da sie sich mit der Szene nicht auskennen, nicht wissen, wie sie es verkaufen.“ In letzter Zeit hat sich da etwas getan, aber auch nur mit kommerziell erfolgreichen KünstlerInnen. Das Argument „Es könnten eben nicht alle berücksichtigt werden“ entschuldigt für Padabed nicht die Ignoranz: „Ost- und Südosteuropa sind nicht nur beeindruckend große und vielfältige Regionen auf der Weltkarte, sie sind unmittelbare Nachbarn.“

Der Osten gilt noch oft als Neuland, mit vielen Chancen, etwas neu zu erfinden oder Pionier zu werden. Die Experimente stoßen in manchen Ländern jedoch schnell an Grenzen. Clubs, Konzerte und ganze Festivals werden In Russland, Belarus, ja selbst Georgien in den letzten Jahren regelmäßig von den Behörden in die Mangel genommen, manchmal von der Polizei gestürmt, der Armee geräumt und in letzter Sekunde abgesagt. So erging es auch dem Technoclub ARMA17, der jahrelang Beamten und Polizei trotzte und 2017 schloss. Gelegen auf einer Industriebrache, glich er am ehesten seinen Berliner Pendants und wirkte im durchgestylten Moskau roh und profan. Seitdem operiert das gleichnamige Label über den Globus verteilt. Dasha Redkina managt es von Berlin aus und ist dort auch als Künstlerin vertreten. Sie legt auf, macht elektronische Live-Performances und ist „mit ARMA groß geworden“. Berlin ist für Dasha zwar nicht Zentrum des Geschehens, „aber hier ist es internationaler, bequem und man fühlt eine sehr lange Kulturgeschichte. In Russland herrscht eine ganz andere Energie, die Menschen scheinen mir begeisterungsfähiger – diese Energie transportieren wir auch in unserem Schaffen.“ Neben ARMA fallen in der Berliner Technoszene immer öfter Namen von Kollektiven wie Cxema, Bassiani, resonance und ZVUK, die von Ukraine bis Kasachstan aktiv sind und regelmäßig auch die hiesigen Clubs füllen.

Im Aufnahme- und Proberaum Castalian Spring stehen MusikerInnen um eine Behringer Soundkarte herum und begutachten das kompakte Gerät in Koffergröße. Damit hat heute jeder die Möglichkeit, professionell Musik aufzunehmen, ohne teures High-End-Studio. Die elektronischen Synthpop-Musikerinnen Chikiss (Galina Ozeran) und Mustelide (Natalia Kunitskaya) schauen sich Proberäume an, von denen sie gehört haben. Ihr Künstlerkollege und Landsmann aus Belarus, Maksim Kulsha von der Post-Punk-Band Super Besse, hat sie im letzten Jahr in Berlin-Mitte eröffnet. „Alle, denen es zum Beispiel in London oder New York zu teuer geworden ist oder zu langweilig, sind hier“, sagt er. Wie alle anderen können die drei zwar einen Osttrend fühlen, aber schlecht in Worte fassen. Mustelide hat eine Erklärung dafür: „Wir stecken einfach noch mittendrin in dieser Bewegung, da wir gerade noch damit beschäftigt sind, uns selbst zu finden und zu positionieren.“ In Berlin gebe es noch keine konkret zu benennende Szene, sondern eher Grüppchen. Einig sind sie sich über die Pioniere: „Den internationalen Durchbruch der russischsprachigen Post-Punk-Szene machte Motorama“, sagt Kunitskaya. „Auch der russische weibliche Techno ist sehr gefragt – angefangen hat das mit Namen wie Nina Kraviz und Dasha Rush“, ergänzt Ozeran.

Für Chikiss, die sich statt für lethargische Sowjet-Assoziationen eher für einen hellen und humorvollen Sound begeistern kann, bedeutete der Umzug von Petersburg nach Berlin auch eine wachsende Nachfrage in Russland und Belarus. „Vorher war ich eine Nischenmusikerin in Petersburg, heute kommt der größere Teil meiner Einnahmen aus dem Osten.“ Nach fünf Jahren Berlin ist Chikiss wieder mehr denn je beruflich im Osten unterwegs: „Dort passiert so viel, was mich sehr inspiriert. In Berlin lebt es sich dafür angenehmer.“

Als später die restlichen Proberäume in Augenschein genommen werden, die Namen tragen wie Unholy, Comfy oder Obscure Room, liegt ein junger Mann auf dem Teppich des Weird Room und erholt sich sichtlich von seiner Probe. Arseniy Kovarskij ist neu in Berlin, er ist Schlagzeuger und über eine jüdische Gemeinde eingewandert. Er kommt aus Kasan und spielte unter anderem in der Band Makulatura. „Mein Traum ist es, mich hier als professioneller Musiker zu etablieren.“ Er sieht das ganze Unterfangen noch als Experiment: „Es ist eine Art Formationsprozess im Ausland. Ich würde hier gern studieren. Zu meiner Heimat habe ich keine negative Beziehung und könnte jederzeit zurück.“

Die neuen Stimmen Osteuropas in Berlin sind dabei, sich zu formieren. Es trifft sich, dass Chikiss, die bisher nur mit elektronischen Drum-Maschinen gearbeitet hat, gerade überlegt, mit einem Schlagzeuger zu arbeiten. Kontakte werden ausgetauscht.

Julia Boxler ist in Kasachstan geboren und aufgewachsen, seit den 90ern lebt sie in Berlin. Sie arbeitet als Filmemacherin, Kulturmanagerin, Übersetzerin und Journalistin

06:00 19.08.2019
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