Erschwermetall

Chile Das Lithium könnte dem Land Wohlstand bringen. Vor allem aber fördert es Korruption, Wasserknappheit und Umweltzerstörung

Ohne Lithium gäbe es diesen Text nicht. Das Alkalimetall von Platz drei im Periodensystem steckt in jedem Smartphone, jedem Laptop und wahrscheinlich bald auch in den allermeisten Elektroautos: als Lithium-Ionen-Akku. Gut möglich, dass auch das Lithium in der Batterie Ihres Handys aus Chile stammt, dem weltweit zweitgrößten Lithiumproduzenten nach Australien.

Domingo Ruiz müsste demnach ein wichtiger Mann sein, jedenfalls ein Mann der Zukunft. Der promovierte Chemiker an der Universidad de Santiago leitet eines der drei Laboratorien für Lithiumbatterien in Chile. Doch sein Laboratorium hat nur drei Mitarbeiter.

„Wir gehören zu den wichtigsten Exporteuren von Lithiumkarbonat weltweit, Lithium ist deshalb ein strategisches Metall für Chile“, sagt Ruiz. Aber die Regierung konzentriere sich lediglich auf die Steigerung der Produktion: „Es gibt nur sehr wenige Laboratorien, die Batterien entwickeln. In dieser Hinsicht sind wir immer noch ein Dritte-Welt-Land.“

Um der steigenden globalen Lithiumnachfrage gerecht zu werden, hat die chilenische Behörde zur Wirtschaftsförderung CORFO Anfang des Jahres ein Abkommen mit dem Chemiekonzern Sociedad Química y Minera (SQM) über den Lithiumabbau bis 2030 abgeschlossen. Das Abkommen der chilenischen Regierung mit SQM enthält eine internationale Ausschreibung, die sich an Investoren richtet, die das Lithiumkarbonat innerhalb Chiles zu Kathodenmaterialien weiterverarbeiten sollen. Ausgewählt wurden ein chinesisches, ein südkoreanisches und ein chilenisches Unternehmen. 25 Prozent der Lithiumproduktion von SQM sollen diesen Unternehmen zur Weiterverarbeitung zur Verfügung gestellt werden.

Doch Ruiz kritisiert: „Diese Firmen verarbeiten zwar das Material weiter, tragen aber nichts zur Entwicklung unseres Landes bei.“ Es brauche eine aktive staatliche Industriepolitik, die Innovationen aus der Forschung mit Investitionen privater Unternehmen zusammenführe. Genau das aber geschehe in Chile nicht.

SQM ist einer der weltweit größten Chemiekonzerne und war einst ein staatliches Unternehmen unter dem Namen Soquimich. Während der Militärdiktatur unter Augusto Pinochet wurde es in den 1980er Jahren privatisiert. Seitdem befindet es sich im Besitz der Familie des Diktators: Pinochets ehemaliger Schwiegersohn Julio Ponce Lerou, einer der reichsten Chilenen, konnte sich laut Schätzungen des Forbes-Magazins ein knappes Drittel des Bergbaukonzerns SQM sichern, als der Staatskonzern privatisiert wurde. Die Geschäftsführung soll er mit dem neuen Abkommen zwar abgeben, aber er bleibt trotzdem Hauptaktionär.

SQM ist heute einer der weltgrößten Lithiumproduzenten. In den vergangenen Jahren wurde mehrfach wegen Geldwäsche, Steuerhinterziehung und illegaler Wahlkampf-Finanzierung gegen das Unternehmen ermittelt. Politiker hatten hohe Geldbeträge für ihre Wahlkampfkassen erhalten, damit sie Industriewünsche in Gesetzesvorhaben einfließen ließen und im Parlament entsprechend abstimmten. Aktuell läuft ein Gerichtsprozess gegen den ehemaligen Wirtschaftsminister Pablo Longueira, der illegale Zahlungen von SQM dafür erhalten haben soll, Wasserregulierungen zu modifizieren und die Lithium-Industrie zu unterstützen.

Das Abkommen zwischen der chilenischen Regierung und SQM löste deshalb Widerstand bei den Gewerkschaften aus. Ein Protestmarsch in Santiago stand unter der Parole „Lithium für Chile, nicht für Soquimich“. „Für uns ist der Vertrag illegal“, sagt Miguel Soto, Vorsitzender der Bewegung „Litio para Chile“ (Lithium für Chile), die zu dem Protestmarsch aufgerufen hatte. Er ist Mitglied der Industriegewerkschaft Constramet, die zur Globalen Gewerkschaftsföderation IndustriALL Global Union gehört. „Der Staat kann keine Verträge mit einem Unternehmen abschließen, das die Arbeiterrechte missachtet“, sagt Soto. Der Vertrag widerspreche außerdem dem Übereinkommen der Vereinten Nationen gegen Korruption, das Chile unterschrieben hat. „SQM ist das korrupteste Unternehmen des Landes“, findet Soto. „Wir wollen, dass SQM verstaatlicht wird. Das heißt nicht, dass keine privaten Unternehmen am Lithiumabbau teilnehmen dürfen. Aber der Staat muss die Kontrolle haben.“

Indigene Gegenwehr

Die weltweit größten Lithium-Vorkommen befinden sich im sogenannten Lithium-Dreieck zwischen Bolivien, Argentinien und Chile. In Chile schlummern sie im Salar de Atacama, einem Salzsee inmitten der Atacama-Wüste, an einem der trockensten und einsamsten Orte der Welt, etwa 1.500 Kilometer nördlich von Chiles Hauptstadt Santiago. Das Alkalimetall Lithium wird in einem Verdunstungsprozess gewonnen, wofür das mineralhaltige Grundwasser in riesige Becken gepumpt wird. Unter der heißen Wüstensonne verdunstet es, unterschiedliche Salze setzen sich nach und nach im Becken ab. Diese Salzlösung wird dann in einem chemischen Prozess in Lithiumkarbonat verwandelt.

Doch durch den Verdunstungsprozess wird extrem viel Wasser verbraucht, was dazu führt, dass der Grundwasserspiegel rund um das Abbaugebiet sinkt, Flussläufe und Feuchtgebiete austrocknen. In den Gemeinden um den Salar de Atacama kommt es zu Wasserknappheit, Bodenkontaminierung und verseuchtem Trinkwasser, da das Abwasser aus dem Abbauprozess oft ungeklärt abgeleitet wird. Das ist ein Problem nicht nur für die Umwelt, sondern auch für die zum Großteil indigene Bevölkerung, die in der Nähe des Abbaugebiets lebt.

Die indigenen Bewohner der Atacama-Wüste, die Likan Antai, wehren sich gegen den Vertrag zur Förderung der Lithiumproduktion mit SQM. Manuel Salvatierra, der Präsident des Consejo de Pueblos Atacameños, des Rats der indigenen Völker der Region, ist im Juni mit weiteren Anführern der indigenen Gemeinden nach Santiago gereist. Sie haben einen Schutzantrag beim Obersten Gerichtshof gestellt. „Der Vertrag wurde hinter verschlossenen Türen geschlossen. Die Gemeinden, die am Salar de Atacama leben, wurden nicht konsultiert“, sagt er. Überhaupt bedrohe der Lithiumabbau die Wasserversorgung, und damit die Lebensgrundlage der indigenen Gemeinden. Chile ist das einzige Land der Welt, in dem Wasserressourcen und Wassermanagement zu fast 100 Prozent privatisiert sind. Und die Wasserrechte in der Region um den Salar de Atacama gehören niemand anderem als SQM.

Der chilenische Staat ist durch das Übereinkommen ILO 169 mit der Internationalen Arbeitsorganisation dazu verpflichtet, indigene Völker zu konsultieren, wenn durch Großprojekte in ihr Umfeld eingegriffen wird. Das ist die Grundlage für den Schutzantrag der Likan Antai. Ziel der Anwälte der indigenen Gemeinschaften ist es, dass das Abkommen zwischen SQM und CORFO für ungültig erklärt wird. Das Urteil wird vermutlich in den nächsten Monaten fallen.

06:00 26.09.2018

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