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Erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, dann steht die Krise vor der Tür

Alltag Der Weihnachtseinkauf beruhigt das Gemüt. Besonders in diesem Jahr. Und wenn er unter dem Stern von Frau Schinkel steht

Mit Weihnachtsmütze und gespreizten Beinen beugt sie sich hinab und singt auffordernd: "Spiel mit Ihm!" "Mit wem denn?", fragt mein achtjähriger Sohn. "Ist egal", zerre ich ihn weiter, "komm". Die schöne Riesin im Dessous auf dem Plakat hält einen Joystick in der Hand und wirbt für luftige Unterwäsche, wir flitzen schwer atmend weiter durch die Stadt.

Als wir Karstadt erreichen, geraten wir in das Labyrinth eines Schlemmerparadieses. "Ich möchte einen Ritter", sagt mein Sohn. "Sieh mal, so hat man bei den Rittern gegessen", sage ich, "weil die keine Kartoffeln kannten, fing ein Menü mit Nachtigallzungen an, dann gab es Hirse und am Ende knusprige Hahnenkämme in Honig und Safran zum Dessert." "Wie Weihnachten", sagt mein Sohn.

In der Nähe der Rolltreppe werden wir in einen Menschenwirbel hineingesogen und fahren aufwärts. Lederwaren. Wohlige Kaufhauswärme, man schwitzt ein bisschen. Zum ersten Mal, seit ich in Deutschland lebe, habe ich das Gefühl, ein feierlicher Ernst liege über all der vorweihnachtlichen Völlerei und der Jagd nach den Dingen. Wir beleben gemeinsam das Weihnachtsgeschäft, und solange das Weihnachtsgeschäft läuft, ist die Krise noch nicht da, hält eine gute Macht - vielleicht im Dessous? Mit einer Weihnachtsmütze angetan? - ihre schützende Hand über uns. Und wir sind Teil der guten Macht, die nach Kaufhauswärme riecht, indem wir kaufen.

Vor einer Krippe voller Portemonnaies hat sich eine Menschentraube gebildet, wir mengen uns hinein, mein Sohn kämpft sich ganz nach vorn und äugt über den weißen Kasten. Dann wendet er sich abrupt zu mir und sagt etwas. Ich beuge mich herab und verstehe: "Guck, Mama. Da ist unsere doofe Hausmeisterin." Tatsächlich. Direkt uns gegenüber steht Frau Schinkel, wie aufgeblasen unter ihrem leicht geöffneten Mantel. Ihr totes, von der ewigen Dauerwelle verätztes Haar schwebt über ihrem Kopf wie ein Heiligenschein. Sie ist in das Befühlen der Brieftaschen vertieft und hat uns noch nicht wahrgenommen. Plötzlich sieht sie auf. Ich muss sie zu lange angestarrt haben. Den Moment der Peinlichkeit, wenn zwei Menschen sich begegnen, die sich nicht sympathisch sind, überwindet sie wie im Schlaf, indem sie versöhnlich lächelnd erst mir zunickt, dann das Leder der Brieftasche zu 6,99 streichelt; ich greife unwillkürlich nach der gleichen Brieftasche, und dann befühlen wir beide dasselbe weiche Material eines kleinen freundlichen Gegenstandes und reihen uns in die Schlange ein, die sich vor der Kasse gebildet hat. Jeder in unserer vorübergehenden Schicksalsgemeinschaft hält zwei Portemonnaies vor sich, aus dem einen wird gleich das andere bezahlt.

Mit dem Strom treiben wir zurück auf die fahrende eiserne Diagonale, die die Archipele der Kaufhauswelt zusammenhält, Schulter an Schulter mit Frau Schinkel. Natürlich ist es nicht dasselbe - Frau Schinkels Weihnachtseinkauf und unserer. Die Hausmeisterin hält schon drei fast platzende Tüten in der Hand und sicherlich kauft sie, ohne Sinn und Verstand, alles, was sie lockt. "Schauen Sie", fördert sie aus einer ihrer Tüten ein silbernes Kettchen mit Hufeisenanhänger zu Tage. Ich nicke gnädig, die vielen kleinen Feindseligkeiten, die unser Verhältnis belastet haben, scheinen wie aufgelöst. Offenbar hat sie vergessen, dass wir unsere Fahrräder stets an den falschen Orten abstellen und die Tür zum Innenhof nicht abschließen. Als wir in der dritten Etage an Land gespült werden, schiebt uns die Vorsehung einen geräderten Kasten voller flauschiger Socken zu. "Niedlich!", strahlt Frau Schinkel und wählt ein rosa Paar mit einem Herz aus falschen Diamanten. Wir machen mit und finden zwei Paar Herrensocken in Grau und Beige. "Mama, was ist mit meinem Ritter?", meldet sich mein Sohn. Natürlich, der Ritter. Wir verlieren Frau Schinkel, lassen uns vom elektronischen Gepiepse "Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Fraun" zur Spielzeugabteilung leiten, kaufen Ritter und Drachen und finden den Ausgang.

Draußen gibt uns die gute Macht nicht frei, die aus Wärme und Licht gewebt ist und der kollektiven Bereitschaft, sich verführen zu lassen, als könnten wir uns all das für immer leisten. Das Weihnachtsparadies fließt aus dem Einkaufszentrum, erobert Straßen und Plätze und erleuchtet die nasse Dezemberdämmerung. Auf glühenden Kohlen platzen Esskastanien, Glühwein dampft, unter riesigen qualmenden Pfannen schimmert Feuer, in den Himmel steigt der Geruch von angebranntem Fleisch wie der aromatische Weihrauch für die gnädigen Götter. Es ist voll und laut, es wird obsessiv gegessen, wie auf einem Volksfest aus Till Eulenspiegels Zeiten, mit Quarkbällchen, Schmalzstullen, Schokoladenäpfeln und meterlangen Würsten.

Gerade schieben wir uns heiße Pfannkuchen in die Münder, als wir Frau Schinkel erspähen, die ihren Blick über gigantische Lebkuchen schweifen lässt und sich schließlich für ein tellergroßes rosa-grün-blau bemaltes Herz entscheidet, auf dem in Zucker "Ich hab dich lieb" geschrieben steht. "Ich möchte gern Mandeln", zerrt mein Sohn an mir. "Du bist doch schon satt", sage ich. "Im alten Rom", sagt er, "durften die Männer zwischen den Tafelgängen ihren Magen leeren, wenn sie weiter essen wollten. Wir brauchen das nicht. Wir können die leckeren Sachen in unsere Tüten packen."

Als wir uns nach Hause schleppen, wälzen sich Halbmeterwürste in unseren Mägen und wir tragen vier fast platzende Einkaufstüten, deren Griffe in unsere Handflächen schneiden. Als wir auspacken und unsere Beutestücke ausbreiten, sehen sie im Licht der Küchenlampe eigenartig sinnlos aus. Unsere Kerzen, Mandeln, Nüsse, Socken, Filzeierwärmer, Milchschäumer, Kerzenlöscher, Ritter, Drachen und Portemonnaies, scheinen nur solange etwas zu bedeuten, wie man gemeinsam durch erleuchtete Kaufwelten taumelt. "Eine Menge Blödsinn habt ihr eingekauft", spottet mein Mann ungnädig. "Kein Wunder, wenn euer wegweisender Stern Frau Schinkel war."

"Aber es hätte schlimmer kommen können", setzt er später am Abend nach. Aus New York erreicht uns im Fernsehen die Adventsbotschaft von einem Mall-Verkäufer, der zu Tode getrampelt wurde. Von Schnäppchenjägern im Weihnachtsgeschäft. Überrannt vom Wunsch einer Nation, zu shoppen was das Zeug hält, bevor das Unvorstellbare sie einholt, das schon angekündigt ist und so sicher kommt wie Weihnachten nach dem ersten, zweiten und dritten Advent. In Los Angeles zanken sich zwei Frauen um ein Spielzeug, ihre Männer ziehen Pistolen und richten sich gegenseitig hin - nach einem wilden Lauf durch die Mall. Schlägereien in weiteren amerikanischen Billigmärkten am Vorweihnachtswochenende. In einem Kommentar sagt ein Sprecher, die Amerikaner hätten noch diese Bilder vor Augen - von Schlangen vor den Suppenküchen während der letzten Weltwirtschaftskrise. Da lägen die Nerven blank, wenn der Weihnachtsschmaus noch einmal in Reichweite liegt. Mein Sohn hält seinen neuen Ritter in der Hand. Wir schweigen betreten.

Gegenüber schimmert es friedvoll aus den Fenstern von Frau Schinkels Wohnung. Hinter den Scheiben verspricht eine Weihnachtsmännerarmee mit roten Wangen ihren Betrachtern Gesundheit und Wohlergehen. Winzige elektrische Kerzen, auf einem Dreieck aufgereiht, spenden Freude in den trüben Advent.

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00:00 11.12.2008

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