Erst laut, dann still

Zum 100. Geburtstag Angela Merkel steckte für die Grenzöffnung für Geflüchtete aus Ungarn viel Kritik von der CSU ein. Das wäre ganz im Sinne von Jubilar Franz Josef Strauß gewesen
Jürgen Busche | Ausgabe 37/2015 1

Angela Merkels Coup mit den Flüchtlingen vom Budapester Ostbahnhof fiel zusammen mit den bayrischen Feiern zum 100. Geburtstag von Franz Josef Strauß. Der große Zauderer – man musste ihn 1980 zur Kanzlerkandidatur geradezu mit Gewalt schieben – durfte mal wieder als das bejubelt werden, was er Zeit seines Lebens eben nicht war: ein entschlussfreudiger, kraftvoll tätiger Machtmensch. Die Kanzlerin dagegen traf rasch eine Entscheidung, die sogleich in die Tat umgesetzt wurde. So etwas hatten viele nicht von ihr erwartet.

Erwartet hatte man dagegen die Kritik des derzeitigen bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer. Der tadelte die CDU-Vorsitzende am Grabe seines berühmten Vorgängers und veranlasste seine Leute, auf den Ausreise-Beschluss für Zehntausende zu schimpfen. Wie er es wohl selbst erwartet hatte, ging das im tagelangen Jubel der Münchner unter, die an ihrem Hauptbahnhof die Flüchtlinge herzlich begrüßten. Die Bilder gingen um die Welt und wurden überall bestaunt, die Deutschen freuten sich. Seehofer aber hatte Gelegenheit, über den Vers aus dem Figaro nachzudenken: „Diesmal kam ich ungelegen.“

Dabei hatte Seehofer nur das getan, was Strauß an seiner Stelle auch getan hätte. Zwar ist es richtig, dass etwa zehn Prozent der Bevölkerung in Deutschland den Zuzug von Flüchtlingen ablehnen. Aber auch diese kleine Menge soll nicht die Chance bekommen, politisch zusammenzufinden. Das ist der Sinn von Strauß’ vielzitiertem Satz, es dürfe rechts von der CSU keine demokratisch legitimierte Partei geben. Die Reden dazu waren das eine – mal mehr, mal weniger glücklich –, die Politik war das andere. Aber nach 75 Jahren Freistaat Bayern kann man sagen: Keine nationalistische Partei hatte je eine Chance in Bayern. Und die bayrische Politik gab Leuten von rechts nie Raum, sich auszutoben, weder in der CSU noch außerhalb.

Auf die Entscheidung von Angela Merkel hätte Strauß wahrscheinlich ebenso reagiert wie Horst Seehofer, eher um einige Grade heftiger. Und wahrscheinlich wäre die Reaktion der Öffentlichkeit dieselbe gewesen, sicherlich um einige Grade heftiger. Aus der Koalitionsrunde von vergangenen Sonntag war dann nur wenig von Seehofer zu hören. Das wäre mit dem Koalitionspartner Strauß kaum anders gewesen. Strauß hat sich nach dem Krieg als Landrat in Schongau für die Vertriebenen mächtig ins Zeug gelegt. Und das in einem Land, wo ein Mädchen schon schief angesehen wurde, wenn es nur ins Nachbardorf heiratete. Dieser Strauß war immer der Politiker, den die Bayern liebten und verehrten.

Der Autor und Journalist Jürgen Busche schreibt in seiner Kolumne Unter der Woche regelmäßig über Politik und Gesellschaft

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