Erst mal reden

Judith Mirschberger hat das Goethe-Institut im Irak aufgebaut und leitet mit 30 nun das in Bangladesch. Wie kann sie in solchen Ländern deutsche Kultur vermitteln?
Erst mal reden
Judith Mirschberger ist im Auftrag des Goethe-Instituts in Krisenregionen unterwegs

Fotos: Evi Lemberger/Nikolai Petrov

Judith Mirschberger lacht oft, aber meist nicht ausgelassen, sondern eher verhalten. Sie wirkt sehr besonnen. Wir sitzen an einem Tisch im Café des Goethe-Instituts in Dhaka, Bangladesch. Mirschberger vertritt in dem muslimischen Land die deutsche Kultur. Die 30-Jährige ist eine der jüngsten Leiterinnen eines Goethe-Instituts. An den Café-Tischen um uns herum sitzen viele junge Leute, die sich angeregt unterhalten. Sie kämen gern in dieses Café, hier dürften die Mädchen rauchen und sich mit Jungs treffen, sagt Mirschberger. Es klingt ein bisschen stolz.

Der Freitag: Frau Mirschberger, Sie haben in Ägypten und im Jemen gearbeitet, außerdem das Verbindungsbüro des Goethe-Instituts im Irak aufgebaut. Angst vor unruhigen Orten kennen Sie offenbar nicht ...

Judith Mirschberger: Als ich 2008 in den Irak ging, haben mich Freunde oft gefragt, ob ich Angst hätte. Ich habe Angst vor Mäusen – aber Terrorismus oder Krieg, das sind abstrakte Begriffe, über die ich mir natürlich Gedanken mache, die aber nicht unmittelbar bei mir Angst hervorrufen. Vielleicht bin ich naiv oder ein Glückskind, aber ich war noch nie in einer Situation, in der ich nicht Herrin der Lage war. Außerdem habe ich mir gesagt: Wenn das Goethe-Institut da jemanden hinschickt, kann es ja nicht so schlimm sein.

Mit 26, einem abgeschlossenen Studium und einigen Praktika haben Sie sich für den Posten einer Referentin des Goethe-Instituts im Irak beworben. War das nicht ein wenig vermessen?

Als ich damals meine Bewerbung abgeschickt hatte, dachte ich mir auch gleich, dass ich mich überschätzt hätte. Dann wurde ich aber zum Interview eingeladen und genommen. Für mich war das ein Sechser im Lotto. Ich hatte mich bereits im Studium auf die Region spezialisiert und konnte Auslandserfahrung vorweisen. Letztlich waren da aber Kollegen, die mir eine Chance geben wollten. Die dachten: Die ist jung, die hat noch nicht so viel Erfahrung, aber wir glauben, dass sie das packen kann.

Was fasziniert Sie an Orten, die viele andere als Arbeitsort eher meiden würden?

Ich habe mich schon während meines Studiums für den Nahen und Mittleren Osten interessiert, wusste also, auf was ich mich einließ. Die Lebensverhältnisse in Ägypten waren teils auch vergleichbar mit meinem alten deutschen Leben. Der Jemen ist da schon etwas härter, aber aufgrund meines sozialen Umfelds war ich gut umsorgt. Ich wohnte in einer einfachen WG mit einer Freundin. Die Wohnung war gerade renoviert worden und hatte sogar eine westliche Toilette. Außerdem habe ich viele moderne Seiten des Jemen kennengelernt.

Zum Beispiel?

In Sanaa, der Hauptstadt, entstanden damals gerade Coffeeshops und westliche Restaurants. Ein Bekannter von mir fuhr Porsche, sogar einen tiefergelegten. Nur war der so tiefgelegt, dass er nur eine Straße auf und ab fahren konnte, weil alle anderen Straßen zu schlecht waren. Etwas archaisch fand ich, dass viele Menschen nachmittags in den Seilen hingen wegen des starken Qat-Konsums. Während meines Praktikums habe ich viele moderne Frauen getroffen. Zugleich gibt es jedoch Unterdrückung. Fährt man übers Land, sieht man kaum Frauen in der Öffentlichkeit. Aber man tut dem Jemen unrecht, wenn man alles über einen Kamm schert.

Und im Irak? Wie funktioniert der Aufbau einer Vertretung für deutsche Kultur in einem Land, das im Krieg steckt?

Ein grundsätzlicher Irrtum ist, dass der Irak nur aus Kriegszonen besteht. Wir bauten ein Verbindungsbüro für den gesamten Irak im Norden, in Kurdistan auf. Dort herrschte kein Krieg. Stattdessen ist Kurdistan ein irrer Mix. Auf der einen Seite werden jede Woche neue Shopping Malls eröffnet. In Erbil haben sie eine der längsten Flugzeug-Landebahnen der Welt und Bowlinghallen en masse. Es gibt Glaspaläste und auf den Straßen sieht man die schicksten Autos. Gleichzeitig ist die Gesellschaft sehr konservativ, viele Schulen sind veraltet und die Idee, in Erziehung Geld zu investieren, war den meisten nicht bekannt.

Wo haben Sie da angesetzt?

Als ich meine Stelle als Irak-Referentin bekommen habe, war ich erst in Jordanien am Institut und bin von dort aus regelmäßig nach Erbil geflogen. Zuerst wurde in der lokalen MAN-Niederlassung eine kleine deutsche Bibliothek eröffnet. So hatten wir schon mal eine erste Struktur. Dann bezogen wir Büroräume im gleichen Gebäude. Und das ist peu à peu gewachsen. Zuerst bin ich immer nur für ein paar Tage dort geblieben, dann immer länger und schließlich bin ich mit einem MAN-Vertreter losgegangen und habe ein Auto gekauft. Da das Bankensystem im Irak sehr schlecht ist, mussten wir das Geld anfänglich immer in einer Wechselstube im Basar in schwarzen Tüten abholen und dann in den Tresor legen.

Klingt abenteuerlich ...

Letztlich ist aber alles glatt gegangen. Die Menschen waren dankbar für unsere Arbeit. Endlich gab es einen Austausch, Sprachkurse, Kulturveranstaltungen. Öfter kam es zu amüsanten, aber auch nachdenklich stimmenden Momenten. Für die ersten Kulturtage mit Musik und Film gestalteten wir ein Poster. Ein Teil unseres Corporate Designs war grün. Unser irakischer Designer wies uns darauf hin, dass dann unbedingt noch was Gelbes aufs Poster müsse. Grün steht in Kurdistan für eine der zwei großen, einst verfeindeten Parteien. Deswegen gelb, die Farbe der anderen Partei. Das Goethe-Logo, das eigentlich grün ist, haben wir nachher immer in Schwarz oder Grau verwendet. Man will ja nicht missverstanden werden.

Beim Goethe-Institut wird immer rotiert. Wie schwer fiel Ihnen nach der Aufbauarbeit im Irak der Umzug nach Dhaka?

Ich fühle mich sehr wohl in Dhaka. Ich bin hier seit einem Jahr. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich hier ankam. Im Januar 2011 war ich zum ersten Mal auf Wohnungssuche. Es war mein erster Bangladesch-Aufenthalt überhaupt. Ich kam sechs Stunden zu spät an. Der Fahrer und eine Praktikantin haben die ganze Zeit gewartet und mich dann mit einem Orchideenbouquet und einer selbstgemachten Karte begrüßt. Darauf stand: „Welcome to the family“. Das fand ich so nett – die Karte hängt nun bei mir im Büro.

Wie funktioniert deutsche Kulturarbeit in Bangladesch?

Man hört, was die lokale Szene hier will und versucht, möglichst offen zu sein. Ich bekomme viele Projektvorschläge. Vieles ist noch sehr unkonkret, aber es kommt auch Konkretes. Und es gibt Vorschläge von der Zentrale und dem Regionalinstitut in Delhi. Vor Kurzem meinte jemand, in der Region, also auch in Bangladesch, sollte etwas in Richtung Tanz gemacht werden. Muslimische Welt und Tanz? Wir haben gesagt: Das wird schwierig. Aber dann haben wir recherchiert und merkten: Es gibt eine Tanzszene.

Wie bemisst sich der Erfolg Ihrer Arbeit?

Es gibt schon Programme, die schlechter besucht sind, als man es erwartet hat. Aber man muss sich immer auch fragen, ob allein die Anzahl der Besucher wichtig ist. Ich denke, es geht vor allem darum, dass die Besucher und wir was lernen. Wir haben oft-mals den Vorteil, über geschützte, zensurfreie Räume zu verfügen, in denen wir mehr wagen können als mancher Partner aus der lokalen Kulturszene es allein könnte. Aber es ist auch wichtig zu wissen, dass das Goethe-Institut Grenzen hat. Da sollten wir uns auch hier in Bangladesch nichts vormachen.

Wie meinen Sie das?

Die jungen Leute kommen nicht nur zu uns, weil die Kulturarbeit des Goethe-Instituts so toll ist, sondern auch, weil hier Mädchen etwa mehr Freiräume haben.

Wo setzen Sie denn den Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Als Leiterin des Goethe-Instituts habe ich einen Auftrag. Und dabei steht die Mittelschicht im Mittelpunkt. Ich glaube, dass die Mittelschicht unglaubliches Potential hat. Stärkt man sie, kann sie vieles umwälzen – wie man in Ägypten sehen kann.

Welche Rolle spielt es im Berufsalltag, dass Sie eine junge Frau sind?

Es spielt eine Rolle. Sicherlich hier in Dhaka, oder auch im Irak. Die meisten meiner Partner waren männlich und über 50. Da wird man schon manchmal belächelt. Obwohl ich das meistens gar nicht so mitbekommen habe, weil es ja nicht öffentlich gezeigt wird. Ich habe nur die anfängliche Über-raschung bemerkt. Ich denke mir dann einfach oft: Wenn sie was von einem wollen, müssen sie sich an mich gewöhnen. Und sie merken dann meistens bald, dass ich – obwohl jung und weiblich – nicht dumm bin. Da verschafft man sich schon Respekt. Ich finde das nicht schlimm, sondern eher motivierend.

Sehen Sie sich als Vorreiterin?

Nein. Bis zu einem gewissen Grad trage ich eine Botschaft mit mir, aber ob ich die Welt der Frauen verändern werde? Ich bezweifle, dass Partner von uns gleich mehr Frauen einstellen wollen, nur weil sie mich kennengelernt haben. Vielleicht erinnert sich der eine oder andere später zumindest positiv an meine Arbeit.

Aber ist es als emanzipierte Frau nicht schwierig, in Ländern zu arbeiten, in denen Frauen in ihren Freiheiten oft stark eingeschränkt werden?

Es gibt schon ein Rollenverständnis, das ich nicht mit der orientalischen Kultur teile, aber die Frauen, die ich kennenlerne, sehen zumindest nicht unglücklich aus. Viele meiner Freundinnen tragen ein Kopftuch aus freien Stücken. Diese Entscheidung sollte man respektieren. Ich glaube auch, dass es nicht der Islam allein ist, sondern eine ganze Kultur, die dazu beiträgt, wie eine Frau lebt. Und so wie es in Deutschland Frauen gibt, die unterdrückt werden, gibt es dort aber auch Frauen, die sagen, dass es ihnen gut geht und sie Hausfrau aus freien Stücken sind. Unser westlicher Weg ist auch nicht unbedingt der einzige. Die arabische Welt hält der westlichen zum Beispiel oft vor, dass eine so hohe Zahl an Leuten im Westen zum Therapeuten geht.

Als Expertin für Umzüge und Neuanfänge eine andere Frage: Wie überwindet man eigentlich die Furcht vor der Fremde?

Genauso wie man Abschiednehmen lernt, entwickelt man eine Routine, die Fremde zur Heimat werden zu lassen. Umziehen, Eingewöhnen, monatelang Kontakte schließen, testen, wer nett auf lange und nicht nur auf kurze Sicht ist – all das wird zum Alltag. Wichtig ist, dass alles gut organisiert ist und man ein Dach über dem Kopf hat. Und dass man Arbeit hat. Dann hat man etwas, mit dem man sich durch den Tag bringen kann. Bei meiner Arbeit gibt es immer Konstanten: Computersysteme, Organisation und Administration ändern sich nicht, egal, in welchem Land man sich befindet.

Was bleibt noch gleich?

Was sich auch nicht ändert, ist man selber. Man kommt den Leuten nahe, aber man bleibt immer auch die Fremde. Das ist aber okay. Ich glaube, man kommt nie allen Menschen nahe, egal, wo man lebt.

Verlieren Sie manchmal den Mut?

Ich denke, so leicht kann mich nichts mehr aus der Fassung bringen. Am Anfang unserer Zeit im Irak wären wir gern schneller gewesen, als wir es waren, aber es mussten einige Genehmigungen eingeholt werden, und das kann schon dauern. Dazwischen gab es immer wieder Kritik. Nicht vom Haus, aber von außerhalb. Warum ich nicht sofort im Irak lebte? Warum die Stelle nicht größer sei? Ich wäre zu jung und würde das nicht schaffen, sagten viele. Das fand ich schon schade, vor allem weil wir sechs Tage die Woche das Beste gaben und es trotzdem nicht genug war. Viele haben damals nicht gesehen, dass alles seine Zeit braucht. Der Druck war schwierig, aber ich denke, ich habe gerade dadurch viel gelernt.

Geht Ihnen die Abenteuerlust irgendwann einmal aus?

Ich bin 30, in meinem Umkreis bekommen nun viele Kinder. Ich mag auch Kinder, denke aber, dass die Uhr bei mir noch nicht tickt. Im Moment fühlt es sich so richtig an. Was in zehn Jahren ist, muss man sehen. Ich weiß aber: Ab einem gewissen Alter gibt es kein Zurück mehr. Jetzt könnte ich noch aussteigen, aber ich kenne Leute mit 45, vor allem aus der Entwicklungshilfe, die pendeln nur zwischen Darfur, Irak und Haiti. Die können nicht mehr zurück.

Evi Lemberger schrieb im Freitag zuletzt über Liebespaare in Bangladesch

Erst in Ägypten, dann im Irak, heute in Bangladesch

Der Auftrag des Goethe-Instituts ist es, die Kenntnisse der deutschen Sprache im Ausland zu fördern und die internationale Kultur-Zusammenarbeit zu fördern. Außerdem soll es laut Selbstauskunft ein „umfassendes Deutschlandbild“ im Ausland vermitteln. Dafür unterhält es 150 Institute und 11 Verbindungsbüros in 92 Ländern.

Judith Mirschberger, 30, leitet seit März 2011 das Institut in Bangladesch. Sie stammt aus Erlangen und studierte Geographie, Islamwissenschaft und Politik mit Schwerpunkt Vorderer Orient. Mit 22 bewarb sie sich für ein Auslandsstudium in Ägypten. Nachdem sie die Universität in Alexandria besucht hatte, machte sie ein Praktikum beim Goethe-Institut in Kairo und kam für zwei weitere Projekte für je sieben Monate wieder zurück. So trat sie in die spezielle Welt der deutschen Kulturarbeit und des Goethe-Instituts ein. Eine kurze Auszeit und ein weiterer Aufenthalt beim Goethe-Institut im Jemen folgten. Nach ihrem Studium bewarb sie sich für den Posten der Irak-Referentin, rechnete aber nicht wirklich damit, genommen zu werden. Dass man sie mit 26 das Verbindungs-büro im Irak aufbauen ließ, überraschte sie selbst.

Zweieinhalb Jahre lang war Mirschberger verantwortlich für die Gründung und Etablierung des Instituts in Erbil, Kurdistan. Zur Arbeit im Goethe-Institut gehört aber auch das Rotationsprinzip, nach einer gewissen Zeit – im Schnitt nach fünf Jahren – wechseln Instituts-Leiter ihren Arbeitsort und ihr Aufenthaltsland. Mirschberger zog nach Dhaka, um in Bangladesch deutsche Sprache und Kultur zu vermitteln. Wohin es danach geht? Auf Mirschbergers Wunschliste stehen noch einige Länder: Afghanistan, Vietnam, Malaysia, Libanon und Thailand.

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14:00 06.07.2012

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