Erster aller Klassen

Kurt Maetzig (1) Einer, der immer der Erste war, wird 100 Jahre alt: Erinnerungen an eine späte Entdeckung des jugendlich gebliebenen Erneuerers – der Filmemacher Kurt Maetzig

Wenn einer 100 wird, möchte man wissen, wie er das Jahrhundert er- und überlebt hat. Bei Kurt Maetzig wird man nicht enttäuscht. Er ist ein ergiebiger Gesprächspartner: intelligent, humorvoll, voller Erinnerungen und mit großem Interesse an seiner Zeit.

„Erwarten Sie bloß keine alten Filmrollen und Plakate, ich bin kein Museumsmensch!“ sagte er, als mein Kollege Markus Tischer und ich ihn vor neun Jahren zum ersten Mal für ein Interview besuchten. Und tatsächlich, trotz seines beeindruckenden Gedächtnisses und seiner Liebe zur Geschichte hatte der 91-Jährige nichts Museales an sich. Er interessierte sich für den Neubau am Potsdamer Platz und für die Attac-Bewegung, hatte gerade Photoshop gelernt, schwärmte von Ebay und verfolgte kritisch die Arbeitsmarktpolitik.

Wir suchten seinerzeit jemanden, der 1927 die Premiere des Stummfilms Berlin – Sinfonie der Großstadt gesehen hatte. „Unmöglich, die sind alle tot“, hatten uns Filmkenner gewarnt. Dann stießen wir auf Kurt Maetzig. Am Telefon konnte er sich nicht nur an die Premiere erinnern. Er lieferte spontan eine druckreife Filmkritik inklusive Goethe-Zitat – der ideale Zeitzeuge.

Wir besuchten den Regisseur in seinem Haus in Mecklenburg. Uns empfing ein charmanter, älterer Herr, der mindestens 20 Jahre jünger wirkte, interessiert an Fragen der Gegenwart war und an uns jungen Journalisten aus dem Westen. Zum Abschluss erzählte er abenteuerliche Anekdoten aus seinem Leben: wie er kurz vor Kriegsende dem Volkssturm entging, indem er sich blind stellte; wie ihm nach einer Notlandung in China drei Tage lang gekochter Hund angeboten wurde, bis er ihn schließlich „aus religiösen Gründen“ dankend ablehnte.

Bambi, Cannes und Teddy

Der alte Herr faszinierte uns. Wir sahen seine Filme, lasen Bücher und beschlossen, eine Dokumentation über ihn zu drehen. Zwei Jahre lang sprachen wir mit seinen Freunden, Kollegen und Weggefährten, hörten widersprüchliche Geschichten und grübelten, was für ein Mensch Kurt Maetzig eigentlich sei.

Die Politik prägte sein Leben. 1911 geboren, hat er fast das ganze 20. Jahrhundert in Berlin erlebt. Als so genannter Halbjude wird er im Nationalsozialismus verfolgt und diskriminiert. Seine Eltern lassen sich wegen der Rassengesetze scheiden, seine Mutter begeht Selbstmord. Bei der Geburt seines Kindes muss Maetzigs Lebensgefährtin einen anderen Vater angeben.

Das Kriegsende ist für Maetzig daher eine echte Befreiung, die Jahre des Wiederaufbaus voller Euphorie und die DDR, der Staat, dem er bis zum Schluss dankbar bleibt. Nach Kriegsende bietet er der sowjetischen Militäradministration an, eine neue Wochenschau zu gründen, die sich von der faschistischen Lügenpropaganda unterscheidet. So entsteht Der Augenzeuge, die erste deutsche Wochenschau – zunächst für das gesamte Berlin. Zusammen mit seiner Frau Marion Keller zieht Maetzig die Kamera auf einem Handwagen durch die zerstörte Stadt, dokumentiert Suppenküchen und vermittelt Kinder von verschollenen Eltern. 1946 ist er eines von fünf Gründungsmitgliedern der DEFA.

Als sich die sowjetische Zensur verschärft, wechselt Maetzig zum Spielfilm und dreht 1947 seinen ersten und vielleicht persönlichsten Film: Ehe im Schatten. Ein Ehepaar begeht im Nationalsozialismus Selbstmord, um der Deportation der jüdischen Frau zu entgehen – die Tragödie seiner Eltern und der einzige Film, der jemals in allen vier Besatzungszonen gleichzeitig Premiere hatte. Der erste deutsche Film über die Judenverfolgung erschüttert die Bewohner im ganzen Land. Neben dem Bambi erhält er die Auszeichnung für den besten deutschen Film.

Kurt Maetzig wird zum Vorzeigeregisseur der DDR. Er kommt als erster ostdeutscher Regisseur nach Cannes und erhält 1954 den Auftrag, einen zweiteiligen Propaganda-Film über Ernst Thälmann zu drehen – ein stalinistisches Epos, das für Generationen von Schülern zum Pflichtprogramm wird. Die Buntkarierten (1949) thematisiert Berliner Geschichte aus Sicht eines Dienstmädchens, Schlösser und Katen (1956) die Landreform in Mecklenburg und Der Rat der Götter (1950) die Verstrickung der Industrie in den Nationalsozialismus. Aber Maetzig probiert auch Neues aus: die Komödie Vergesst mir meine Traudel nicht (1957) mit der jungen Eva-Maria Hagen wird wegen nackter Haut zum Skandal, Der schweigende Stern, die erste deutsche Science-Fiction, kritisiert den Kalten Krieg und die atomare Bedrohung. „Mir ist nie ein wirkliches Meisterwerk gelungen. Eher eine Reihe von Erstlingsfilmen: immer ein neues Genre, eine neue Sicht, ein neues Fenster – das war mein Weg in der Filmkunst“, sagt er später.

1965 gerät Maetzig ins Visier des 11. Plenums des Zentralkomitees der SED – eine Zäsur für viele Kulturschaffenden in der DDR. Der Regisseur hat gerade Das Kaninchen bin ich fertiggestellt, eine Auseinandersetzung mit Recht und Gerechtigkeit in der DDR und zugleich sein mutigster, frechster und formal innovativster Film. Nun wird der Film auf dem Plenum an den Pranger gestellt und verboten. Der Vorzeigeregisseur muss sich öffentlich entschuldigen und von seinem Werk distanzieren. Ein Schock für die DEFA und für Maetzig eine perfide Strafe, die ihn nicht nur sein berufliches Ansehen, sondern auch einige Freundschaften kostet.

Ford Eifel, Horch und BMW

Maetzig bleibt im Land und in der Partei, er bleibt Sozialist und dreht weiter Filme – aber die Begeisterung ist verschwunden und mit ihr die Hoffnung auf einen demokratischen Sozialismus. 1989 flammt diese Hoffnung noch einmal kurz auf. Aber dem 78-Jährigen ist bewusst, dass der Staat, für den er sein Leben lang gearbeitet und Kompromisse geschlossen hat, am Ende ist.

Mit der DDR ist Kurt Maetzig von Anfang bis Ende eng verbunden gewesen, als überzeugter Sozialist hat er ihre Widersprüche erlebt und erlitten, das macht ihn zur Identifikationsfigur für viele. Als unsere Dokumentation über ihn zum ersten Mal im Fernsehen läuft, hören Markus Tischer und ich immer wieder: „Der Film erzählt meine Geschichte, es ist die Geschichte meines Lebens.“ Ausgesprochen vor allem von Männern, die 30, 40 Jahre jünger sind als Maetzig: einer Generation, die sich an einem Staat abarbeiten musste, der für seine Bürger gleichzeitig sorgte und sie unmündig hielt, deren Leben zwischen Loyalität und Kritik schwankt und bestimmt ist von der Suche nach dem richtigen Weg.

Maetzig hat diese Generation geprägt und teilt mit ihr viel. Aber als 100-Jähriger hat er mehr erlebt, war schon zur Zeit der Machtergreifung der Nazis ein erwachsener Mann mit eigenen politischen Anschauungen. Aufgewachsen ist er in einer gutbürgerlichen Familie mit emanzipatorischen Ansichten. Eine Urgroßmutter gründete einen literarischen Salon, seine Mutter gibt ihm Die Frau im Sozialismus zu lesen. Der junge Mann segelt auf dem Wannsee, fährt schicke Autos und studiert in Paris. So kommt es, dass ihn noch in der DDR ein kosmopolitischer Glamour umgibt: Er fährt extravagante Oldtimer (einen Ford Eifel, einen Horch, einen Eisenacher BMW), trägt elegante Kleidung, empfängt französische Regisseure und spricht sechs Sprachen. Und so kommt es wohl auch, dass die DDR ihn nicht brechen kann. Als der Ärger mit der Zensur zu groß wird, konzentriert er sich auf die Nachwuchsförderung. Nach seiner Pensionierung segelt er wieder, reist, hält Vorträge, leitet Festivals.

Pinocchio und Candide

Vielleicht hat die Liebe zum Film geholfen, jung zu bleiben. Schon als Kind begeistert sich Maetzig für das modernste Medium seiner Zeit. Die Großmutter nimmt den Jungen mit in einen Chaplin-Film. Als Jugendlicher hilft er in der Kopieranstalt seines Vaters. Rund um den Film wechselt er selbstbewusst die Rollen, jobbt als Beleuchter und Assistent, studiert Betriebswirtschaft und Chemie, Jura und Psychologie, promoviert über das Rechnungswesen beim Film, arbeitet als Fotochemiker und Filmtechniker und wird schließlich Regisseur und Professor für Regie.

Es ist Neugierde und Souveränität, die ihn kennzeichnet und seinen jugendlichen Charme ausmacht. Vielleicht muss jemand früh im 20. Jahrhundert geboren worden sein, um ein Leben lang überzeugter Moderner zu bleiben. Vielleicht muss jemand vier Staaten überlebt haben, um Utopist zu bleiben. Und vielleicht haben ihm auch die Vorbilder aus der Jugend geholfen, sich seine Neugierde zu bewahren: der kecke Pinocchio und der naive Candide aus Voltaires Schelmenroman.

Wenn jemand 100 wird, dann darf sich seine Umwelt etwas wünschen: dass er so jung bleiben möge. Und dass er uns etwas mitgebe von seinem Optimismus.

Dorothea Schildt hat zehn Jahre als Fernsehjournalistin gearbeitet. 2004 drehte sie mit Markus Tischer das Kurt-Maetzig-Feature Filmen für ein besseres Deutschland, das der RBB am 20. Januar um 22.45 Uhr noch einmal zeigt

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11:30 25.01.2011

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