Ertappt! Die Fratze der Diktatur

Keine Mutprobe Die freie Presse enttarnt China

Kurz vor Eröffnung der Olympischen Spiele haben die öffentlich-rechtlichen Kanäle bei ihrer China-Berichterstattung noch einmal die Muskeln spielen lassen. Schwer zu sagen, wer den Palmarès verdiente. Mit Sicherheit darf sich ein Beitrag der ARD-Panorama-Redaktion Hoffnung machen.

Auf der Suche nach der chinesischen Diktatur baute Reporter Jochen Graebert seine Kamera auf dem Platz des Himmlischen Friedens auf. Dabei wurde er ganz offen von einer Reihe junger Chinesen fotografiert. Für den großen Chinakenner Graebert, der selbstredend kein Wort chinesisch spricht, ist der Fall klar: Aufpasser! Belege? Ach, wo! Können Demokraten irren? Andererseits denkt man, wenn das die chinesische Form der Überwachung ist, könnte man fast von einem Gelobten Land sprechen. Im Schäuble-Staat sähe das gewiss anders aus. Irgendwie scheinen Graebert und seine Kollegen alle gerade auf demokratischer Inspektion im Rest der Welt gewesen zu sein, als in Deutschland ein gewaltiger Militär- und Geheimdienstapparat nebst millionenschwerer AWACS-Überwachung die Sommermärchen-WM betreute.

Aber zurück zu Panorama aus Peking. Man erfährt beiläufig, dass ausländische Teams im Prinzip überall - außer Tibet - ohne besondere Genehmigung drehen dürfen. Der Reporter macht die Probe aufs Exempel und fährt "spontan" in ein Viertel, in dem es bis vor kurzem so genannte "Beschwerdedörfer" gab - eine erstaunlich demokratische Einrichtung. Jetzt natürlich wegen Olympia alles beseitigt. Doch halt, da finden sich doch noch einige Beschwerdeführer und "spontan" werden dem deutschen TV-Team Petitionen überreicht. Wahrscheinlich handelt es sich mit diesem Fleck um einen Wallfahrtsort der freien Presse. Nur, was sollte das beweisen? "Man muss nur mal an der Oberfläche kratzen"..., kommentiert der selbstverliebte Demokratiekommissar und entdeckt sogleich einen bunten Zaun, hinter dem ästhetisch ungefällige Verkaufsbuden vor Olympia versteckten wurden. Auf frischer Tat ertappt. 40 Millionen Blumen in der Olympiastadt sind der schlagende Beweis dafür, wie viel Dreck China verstecken muss.

Dann geht es weiter zu einer bekannten Dissidentin, aber niemand kennt sie unter der aufgesuchten Adresse. Was vermutlich heißt: Sie ist verschleppt. Doch Graebert gibt nicht auf: "Wir müssen denen zeigen, dass wir die nicht vergessen haben." Das klingt eher holprig, aber für Panorama reicht es. Spricht´s und will seinem Kamerateam Zutritt verschaffen zum Wohnkomplex. Endlich, endlich zeigt sich die Fratze der Diktatur: verärgerte Anwohner legen keinen Wert auf den Sendboten der freien Presse aus der freien Welt. So verhetzt sind die Chinesen schon, dass sie nicht einmal mehr ihre Retter erkennen.

Ich versuche mir vorzustellen, wie ein chinesisches Team Kontakt zu inhaftierten Demonstranten von Heiligendamm aufzunehmen versucht. Apropos, ähnlich drakonische Sicherheitsmaßnahmen wie sie zum Schutz des G 8-Gipfels aufgeboten wurden, ähnlich martialische Polizeieinsätze, Straßensperren und Mauerbauten zur "Gefahrenabwehr" konnten die investigativen Heerscharen der freien Welt bisher in Peking beim besten Willen nicht entdecken.

Es gibt zahlreiche Orte auf dieser Erde, da sind Unrecht und Willkür so schreiend evident, da bedarf es keiner demokratischen Minenhunde, da reichte es auch für die schlichteren Gemüter des journalistischen Gewerbes, einfach die Kamera drauf zu halten. Im befreiten Irak ist es zwar - im Gegensatz zu China - für unsere Sender zu gefährlich, eigene Studios zu unterhalten. Trotzdem bot man uns im April mit den Tagesthemen zum fünften Geburtstag der "mission accomplished" eine tröstliche Bilanz: Man könne im Irak, mittlerweile eines der ärmsten Länder der Welt, wieder Handys und Sportwagen kaufen. Sportwagen sind bestimmt nützlich für die fünf Millionen Flüchtlinge. Für Hunderttausende von Irakern, die ihre Befreiung nicht überlebten, kommen sie leider zu spät.

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