Ertappt! Er hat wahr gesprochen

Spionage "Empfindliche Wahrheit" vom Altmeister John le Carré ist eine verblüffendst luzide Fiktion der Realität
Jochen Vogt | Ausgabe 47/2013

Vor Kurzem hat er seinen 82. Geburtstag gefeiert, seinen 23. Roman veröffentlicht und immer noch keinen Adelstitel – oder ihn auf diskrete Weise längst abgelehnt. Stattdessen meldet John le Carré mit seinem Wechsel zum Penguin Verlag den Anspruch an, als Klassiker der Literatur des 20. Jahrhunderts ernst genommen zu werden. Und zeigt sich zugleich – wie schon vor 50 Jahren – ganz up to date. Damals, im Herbst 1963, machte sein Agentenroman Der Spion, der aus der Kälte kam weltweit Furore und aus dem Nachwuchsdiplomaten und Aushilfsspion David Cornwell einen Star der internationalen Literaturszene. Das war ein Markstein in der Geschichte des politischen Romans und rechtfertigt die hübsche Jubiläumsausgabe bei Ullstein, ins heutige Deutsch übersetzt, mit einem sehr persönlichen Vorwort des Autors.

Damals ging es um die neue Mauer in Berlin, die heißeste Phase des Kalten Krieges, und um persönliche Schuld und Moral. Inzwischen hat sich auch der Autor le Carré in der globalen Unübersichtlichkeit neu orientiert: Jetzt geht es um einen Whistleblower, um das Outsourcing von Kriegen, um den Einfluss gewissenloser Spin Doctors und „privater Militärdienstleister“, um Armutsflüchtlinge aus Afrika – und wie einst um Moral und Schuld, hier um die ganz persönliche Entscheidung zwischen Loyalität und Wahrhaftigkeit.

Der Roman hat also eine sehr aktuelle Oberfläche und eine Tiefendimension, die an die lebenslangen Kernfragen des Schriftstellers rührt. Es wäre unpassend zu sagen, dass er seinen literarischen Abschied zelebriert, aber ein Art „Summe“ darf man Empfindliche Wahrheit doch nennen. Denn der Meister lässt nicht nur seine stilistische Brillanz funkeln wie eh und je, vor allem durch die Vielfalt der Erzählstimmen; er zitiert auch seine Themen und Szenen von einst, und sogar – wie uns der Kritikerkollege vom Guardian erklärt – eine Reihe von britischen Politskandalen, parteiübergreifend aus den Thatcher-, Blair- und Cameronjahren, die wir deutsche Leser nicht so genau im Gedächtnis haben (müssen).

Aber was passiert denn nun? Das ist ein bisschen kompliziert. Erstens: Gibraltar im Jahr 2008. Auf dem symbolträchtigsten „britischen Felsen“ wird der War on Terror geprobt. Ein „Oberboss von al-Quaida“, das „Phantom des Dschihad“ soll zum Waffenkauf heimlich anlanden und dann gekapert werden. Die operativen Befehle kommen per Telefon vom Staatsminister und seinem obskuren Spin Doctor selbst – zur Verzweiflung der Männer von den Special Forces, die hilflos zuschauen müssen, wie eine amerikanische „Freibeutertruppe“ von See her alles versaubeutelt – ein Cock-up, wie sie sagen. Keine Spur vom Gesuchten; dafür vielleicht Kollateralschäden, das bleibt unklar, auch für „Paul“, den ältlichen Beamten vom Foreign Office, der all dem einen Schein von Legitimität geben soll.

„Private“ Sicherheitspolitik

Zweitens: London, etwas früher im selben Jahr. Toby Bell, junger Diplomat „mit großer Zukunft“, arbeitet dem neuen Staatsminister Quinn von New Labour zu, einem „schottischen Streithammel“ und Karrieristen mit schlechten Manieren. Misstrauisch geworden durch dies und jenes, nimmt Toby mit einem Tonbandgerät (digitale Nachbearbeitung erforderlich!), die konspirativen Gespräche seines Chefs auf: Der betreibt eine „private“ Sicherheitspolitik im Auftrag amerikanischer Kriegstreiber und -profiteure, die ihre Firma mit oder ohne Ironie „Ethical Outcomes“ nennen (zu Deutsch etwa: „Moralische Aufrüstung“), und plant zunächst eine „Operation Wildlife“ in – genau: in Gibraltar. Toby sucht Rat bei seinem Mentor Giles Oakley, „graue Eminenz des Foreign Office“; der will nichts, aber auch gar nichts hören. Resigniert zerschnibbelt Toby die Bänder und klebt den USB-Stick hinters Bild von Oma und Opa im dunklen Flur, und wir wissen gleich: Das kann nicht gut gehen. Fünf Tage später wird er ins gemütliche Beirut versetzt; Mr. Quinn scheidet aus der Regierung aus und wird Rüstungsberater in einem arabischen Emirat.

Drittens, jetzt in der Mitte des Romans. Wir schreiben 2011 im ländlichen North Cornwall (wo ja auch Mr. David Cornwell, der bürgerliche Doppelgänger des Autors le Carré lebt). Und lernen Sir Christopher („Kit“) Probyn kennen, dessen Ehefrau ein kleines Herrenhaus geerbt hat. Auf dem Dorffest machen beide eine blendende Figur: Merrie Old England wie aus dem Bilderbuch. Bis der fliegende Händler Jeb auftaucht, ehemals bei den Special Forces, nach dem Fiasko am Affenfelsen zum Sündenbock degradiert, nach Gerechtigkeit dürstend. Spätestens jetzt – das ist großartig inszeniert – erkennen auch wir im jovialen Dorfbaron den hilflosen Diplomaten „Paul“. Er verzweifelt nach Jebs Enthüllung, es habe in Wahrheit nie einen Dschihadisten in Gibraltar gegeben, sondern nur den betrügerischen Zugriff aufs britische Steuergeld und zwei unschuldige Todesopfer – Mutter und Kind, Bootsflüchtlinge aus Nordafrika. Als dann auch Toby zu ihnen stößt, scheint ein Aufstand der Anständigen möglich.

Cover-up mit allen Mitteln

Sir Christopher beschreitet den Dienstweg und verlässt ihn als gebrochener Mann; Jeb verlässt sich auf seine Waffe; Toby hofft auf die Öffentlichkeit – und gerät in die Fänge der mafiösen Ethiker. Dem Cock-up von einst folgt das Cover-up mit allen Mitteln, dem Pfusch die große Vertuschung, im nahtlosen Zusammenwirken von Regierung, Kriegstreibern und Profiteuren. Die Helfer in letzter Minute, Oakley, der seinen gigantischen Irrtum zu spät erkennt, und „Kits“ Tochter Emily, die Toby ins Herz geschlossen hat, werden ihn nun, als Verräter gejagt, kaum retten können.

Und ob die Dateien vom Stick den Guardian und die New York Times noch erreichen, wird sich erst nach der letzten Seite entscheiden. „Wie weit können wir in der berechtigten Verteidigung unserer westlichen Werte gehen, ohne diese Werte preiszugeben?“ Das ist ein Satz aus dem Vorwort zum alten Spion, der natürlich auch das neue Buch meint. Zugegeben, er klingt ein wenig nach politikwissenschaftlichem Examen. Aber selten ist diese Frage, auch von le Carré selbst, so vielschichtig und differenziert, so spannend und anrührend – und so pessimistisch abgehandelt worden. Das bittere Ende dieser Affäre belegt schließlich auch das ebenso witzige wie desillusionierende Motto von Oscar Wilde, das John le Carré dem Buch vorangestellt hat: „Wer die Wahrheit sagt, wird früher oder später dabei ertappt.“ Dem hat auch der Rezensent nichts hinzuzufügen.

Empfindliche Wahrheit
John le Carré Sabine Roth (Übers.), Ullstein 2013, 394 S., 24,99 €

Jochen Vogt wohnt an der Mosel, ist Professor of German Studies, Duke University, Durham

 

06:00 04.12.2013

Kommentare