Ertragen lernen

Sportliteratur Die Chronik meines Heimatvereins VfB Lübeck ist auch die Chronik meiner Jugend

Dieser Tage ist ein Buch über meine Jugend erschienen, es heißt VfB Lübeck, hundert Jahre Fußball in der Hansestadt (Verlag die Werkstatt, 368 S., 34,90 €). Meine Jugend, mein Dasein als eigenständige Person begann, das weiß ich jetzt, am 22. Oktober 1978. Ich war neun. Kein Erziehungsberechtigter hat mich begleitet. Vielleicht war noch ein Kumpel dabei, Christian, der mit dem Nazi-Opa. Der selber später als Skinhead rumlief. Damals war alles noch durchlässig, jeder konnte jeden zum Freund haben, selige Kindheit, in der man ein Idiot sein kann. Fußball half einem, sich für eine Seite zu entscheiden.

Apokalypse Meppen

Vielleicht ging ich auch allein. Am kleinen Kassenhäuschen hatte ich mir ein Abreißticket zu einem lächerlich geringen Preis geholt und war den Menschen nachgegangen, die sich ins Stadion schoben. Dann spielten wir gegen Wilhelmshaven. Mir war nicht mal klar, ob ich für die Roten war oder für die Grünen. Ich wusste nur, dass ich in den Tausenden Gebannter, Gespannter verschwand, dass die Masse mich emporhob und einschmolz zugleich. Dann jubelten die roten Spieler. Und im Stadion blieb es still. Ich musste also ein Grüner sein.

Was alles versunkene, traumartige Erinnerungen waren, ist jetzt auf einmal belegt und greifbar. Größere Vereine sind längst durcherzählt, schon im Netz erfährt man alles über sie. Die Historie des VfB war in weiten Stücken verdustert, vergessene Heldensagen, verwehte Zeugen. Nun plötzlich ist alles wieder da und wahr gewesen, mit hanseatischer Gewissenhaftigkeit hat Christian Jessen die großen Geschichten erzählt, hat restauriert: Spieler, Ergebnisse, Zuschauerzahlen eines ganzen Jahrhunderts. Alle. Der Aufstieg zur Regionalmacht, die frühen Skandale, die überraschenden Glücksmomente, die bizarren Abstürze. Und auch die Nachmittage, in denen die Geschichte des Klubs mit meiner eigenen verschmolz, stehen jetzt da, schwarz auf weiß, als hätte ein Chronist für mich Tagebuch geschrieben. Nach dem 22. Oktober 1978 war ich nicht mehr nur ein Familiennesthäkchen, ich war Teil von etwas Größerem, ausgeliefert dem Schicksal und seinen Stürmen. Was sich in unserem Stadion, auf der Lohmühle abspielte, schrieb sich ein in mein eigenes Leben. Mein eigenes Leben schrieb sich in die Lohmühle ein:

Der Versuch, mit dem eigenen Vater etwas Schönes zu erleben, etwas zu teilen. Das einzige Mal, das er mitkam zum VfB, Heimspiel gegen den Bremer SV, 2:0, unspektakuläres Spiel, aber wichtige zwei Punkte gegen den Abstieg, ein Grund zur Freude rundum: 13. Mai 1979. Der Vater, der, neben mir in der Pappelkurve stehend, immer nur larmoyant in sich rein grinste und der zu Hause berichtete: Nee also, diese Zuschauer da, die hätten rumgeschrien und den Schiedsrichter beschimpft, ein leicht angewidertes Kopfschütteln dazu. Das war unter seinem Niveau. Mich mit Gewalt zum Klavierspielen zu zwingen und zu idiotischen Tennisstunden, war nicht unter seinem Niveau.

Die Vertreibung aus dem Paradies, die das Aufwachsen bedeutet. Das Ertragenlernen. Der VfB und ich waren da perfekt synchronisiert. Das Erwachsenwerden ereilte mich, wenn man so will, auf der Lohmühle. 15. Mai 1983. Ich war 14. Gut gelaunt nach der Aufholjagd der letzten Wochen spazierten wir zum Stadion. Das ohnehin Unvorstellbare war nur noch rein rechnerisch möglich: der Abstieg. Aus allem, was wir bis dahin kannten. Wir müssten, theoretisch, zu Hause verlieren. Und alle anderen im Tabellenkeller müssten gewinnen, aber wieso sollten die alle gewinnen? Dann durchlitten wir schreiend das dramatischste aller Fußballspiele, ein 3:4 gegen fucking SV Meppen. Gingen auf den heiligen Rasen, um auf die Lautsprecherdurchsage zu warten, die Ergebnisse von den anderen Plätzen. Es raschelte in den Lautsprechern. Dann stürzten wir ins Bodenlose. Das Paradies hatte zugemacht, hinter uns, ohne Vorwarnung, von einem Moment auf den nächsten. Was folgte, waren zehn Jahre im Limbo der Schleswig-Holstein-Liga. Die alljährlichen Rückkehrversuche Richtung Oberliga Nord scheiterten mit stetig sich steigernder Tragik, so wie auch im Leben das Realitätsprinzip seinen Herrschaftsanspruch formulierte und doch immer nur neue Verzweiflung anstieß.

Das erste Erwachen zum halbwegs erträglichen Menschen. Jahrelang hatte ich nicht weinen können, vor lauter jugendlicher Verbogenheit und emotionaler Verkapselung, und hatte mich schräg und schlimm deswegen gefühlt. Dann kam der 17. Juni 1988, der vollkommen unbegreiflich verpasste Aufstieg mit einem Team, das Traumfußball spielte und vom Fluch getroffen wurde: Nie, niemals sollst du die Oberliga wiedersehen. So hatten sie das vorletzte Spiel verloren, trotz unzähliger Chancen. Brauchten aber zum Abschluss, auf der vollen Lohmühle, bei strahlendem Wetter, nur noch ein Unentschieden gegen die No-Names vom SFL Bremerhaven. Und verloren. 1:2. Wir gingen auf den Rasen. Rings um uns lagen Spieler. Pumpten. Heulten. Da merkte ich, dass etwas in mir aufstieg, etwas, das ich vermisst hatte. Ich weinte. Dinge konnten wichtig sein. Ich fand wieder Anschluss ans Leben.

Das Ende der Jugend. Das Ende von allem. Da steht das Datum des Tages der Nacht, in der ich zum ersten Mal mit jemand geschlafen habe. Anke hatte nah an der Lohmühle gewohnt, ich war danach natürlich ins Stadion geradelt, hatte mich zu den Meinen gestellt, Heimspiel gegen Pansdorf. Alles war wie immer, äußerlich. Ich sehe einen Ball hoch oben im Winkel im Pansdorfer Tor einschlagen, sehe uns abklatschen, umarmen, wie immer.

Wo ist die Schimanski-Jacke?

Und ich sage niemandem was. Dass ich jetzt ein Mann bin. Sie vorbei ist, die Jugend. Ich blättere durch sie hindurch. Auswärtsfahrten kommen wieder in den Sinn, muntere Ausflüge nach Itzehoe, Norderstedt und Kiel, halb verblasste Freunde stehen wieder auf, sitzen wieder neben mir auf der guten alten Holztribüne, die hier auf jedem zweiten Foto Erinnerungen weckt – und die längst nicht mehr ist. Ich blättere. Ich schaue. Ob eines der Gesichter in der Stehtribüne mir bekannt vorkommt. Ob er vielleicht sogar selber irgendwo auftaucht, der kleine Klaus, in diesem Buch, mit großen Augen das Toben höherer Mächte verfolgend, mit Schimanski-Jacke an vielleicht, schreiend vielleicht, aufgehoben im Moment, gelöscht aus dem Leben, intensiver lebend als irgendwo sonst.

06:00 26.10.2019
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 1