Ertrunken vor Marina di Palma

Italien Vor Sizilien und Lampeduas haben nur Migranten, die sich zu schwimmen trauen, die Chance, das Netz der italienisch-libyschen Grenzboote zu überwinden

Mit verhaltener Wucht rollen die Wogen des Mittelmeers auf die Sandstrände des sizilianischen Ortes Marina di Palma zu. Sie sind in diesem Herbst an manchen Tagen so gewaltig, dass es die Fischer des Ortes vorziehen, im Hafen zu bleiben. Ihre kaum mehr als fünf Meter langen Boote, mit denen sie zu ihren Netzen in Ufernähe fahren, sind für dieses Wetter nicht gedacht.

Eine rauere See ist freilich das Signal für Menschen, die von der nordafrikanischen Küste aufbrechen, um ihren Weg nach Europa zu finden . „Bei schwerer See sind die Aussichten größer, von den Patrouillenbooten nicht bemerkt zu werden“, erzählt Biagio, der das an der Strandpromenade liegende Bistro Why Café betreibt. Es sei doch eine makabre Kalkulation – stürmisches Wetter vergrößere die Chance, unentdeckt zu bleiben. Tatsächlich steigt das Risiko, auf dem Meer Schiffbruch zu erleiden oder auf dem letzten Stück vor der Küste zu ertrinken. „Viele schaffen es nicht. Sie enden als Futter für die Fische“, meint Biagio. Das internationale Hilfswerk Fortress Europe resümiert, dass es im zurückliegenden Jahrzehnt 4.204 Tote im Mittelmeer vor italienischen Ufern gegeben hat, und bezieht sich mit dieser Bilanz allein auf Nachrichten aus offiziellen Quellen.

Die Gefahr, Europas Küste vor Augen zu sterben, ist seit Abschluss eines Vertrages zwischen Italiens Premier Berlusconi und Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi im Mai 2009 gestiegen. „Wir beobachten eine neue Tendenz“, sagt Federico Fossi von der römischen Dependance des UN-Flüchtlingshilfswerkes (UNHCR). „Immer häufiger werden Migranten mit größeren Schiffen in Küstennähe gebracht. 200 bis 300 Meter vor dem Ziel müssen sie dann ins Wasser springen und schwimmen.“ Die Schiffe wollten diese Passagiere loswerden und überhaupt mit ihrer menschlichen Fracht nicht länger als nötig auf dem Mittelmeer kreuzen, weil das die Gefahr heraufbeschwöre, von gemeinsamen Patrouillen der italienischen und libyschen Marine aufgebracht zu werden.

1.409 Zurückweisungen auf hoher See zählte die Flüchtlingsmission des Jesuiten-Ordens auf Malta zwischen Mai und Dezember 2009. Angaben für das laufende Jahr gibt es nicht. Kenner der Materie wie Judith Gleitze von der in Palermo residierenden Nichtregierungsorganisation Borderline Europe vermuten, Libyens Regierungschef wolle einerseits zeigen, dass er die Migration signifikant drosseln könne, andererseits den Flüchtlingstransit nicht soweit eindämmen, dass Forderungen nach EU-Geld für seinen Küstenschutz darunter leiden. „Aber wer weiß das schon genau. Vielleicht sind es auch nur korrupte Polizeibeamte, die ihren kargen Sold aufbessern wollen und daher die Boote von Libyen aus in See stechen lassen.“

Ankunft im Morgengrauen

In Marina di Palma, dem an der sizilianischen Küste gelegenen Vorort des 1637 von den Vorfahren des Gattopardo-Autoren Tommaso di Lampedusa gegründeten Städtchens Palma di Montechiaro, treffen seit Jahren immer wieder Flüchtlingsbarken ein. „Ein idealer Landungspunkt, genau in der Mitte zwischen den Stationen der Küstenwache von Agrigento und Licata. An diesen beiden Orten gibt es Patrouillen – in Palma di Montechiaro aber kontrolliert so gut wie niemand“, meint Biagio in seiner Bar. Meist kämen die Boote im Morgengrauen und entledigen sich dann ihrer Passagiere fast in Rufweite zur Küste.

Doch sind Urlaubern in diesem Sommer auch schon am Tage Afrikaner mit nasser Kleidung begegnet, die nach dem Weg zur nächsten Kirche fragten. Wie viele Menschen die Route Libyen – Sizilien nutzen, bleibt unklar. Bekannt werden Anlandungen nur, wenn sie der Polizei auffallen. „Mit einem Motor um die 300 PS braucht man neun Stunden von der libyschen Küste“, erzählen die Fischer von Marina di Palma. Weil die Schiffe fast ständig pendelten, sinke der materielle Aufwand. Von ihrer Leistung wie dem Fassungsvermögen her unterscheiden sie sich beträchtlich von jenen alten Fischerbooten, die in den vergangenen Jahren für die See-Trecks nach der Insel Lampedusa sorgten. Einen ähnlich Wandel beim Equipment hat das UNHCR in Apulien und Kalabrien beobachtet. „Hier werden Luxusyachten als Basisschiffe benutzt, weil die im Sommer kaum auffallen. Sie werden weniger kontrolliert als Fischerboote und Frachter. Und sie sind schnell genug, sich Kontrollen entziehen zu können“, meint Federico Fossi, der UNHCR-Deputierte.

Diese Transporter befördern meist afghanische und irakische Flüchtlinge. Manche von ihnen werden mit griechischen Fähren direkt in die Häfen von Ancona und Venedig gebracht. „Wer entdeckt wird, der muss sofort zurück“, erzählt Fossi. Italienische Hilfsorganisationen erhielten nur selten die Möglichkeit, direkt auf dem Schiff Passagiere zu befragen und auszuloten, wer unter Umständen ein Recht darauf habe, einen Asylantrag zu stellen. „Bestenfalls bleiben 15 Minuten Zeit, um jemanden zu beraten. Ein fragwürdiges Verfahren.“ Fossi schätzt, mehr als die Hälfte aller Zurückgewiesenen hätte gute Chancen, Anspruch auf Asyl geltend zu machen.

Dieser Ansicht ist auch der römische Anwalt Anton Giulio Lana, der 24 Männer aus Somalia und Eritrea vertritt, die im Mai 2009 unter den ersten Opfern des libysch-italienischen Agreements waren und auf hoher See zurückgewiesen wurden. „Man hat sie auf ein italienisches Marineschiff geladen. Dort sagte man ihnen nicht, wohin sie gebracht würden. Als die 24 bemerkten, das Ziel war nicht Lampedusa, sondern Tripolis, weigerten sie sich von Bord zu gehen“, schildert Anwalt Lana den Fall. Doch die italienischen Militärs blieben hart und übergaben sie den Libyern, was Deportation bedeutete. 23 der 24 sitzen bis heute in Lagern fest, ein Somali ist mittlerweile gestorben. Beim Umgang mit seinen Mandanten seien elementare Menschenrechte gebrochen worden, ist der Anwalt empört. „Niemand hat ihre Personalien aufgenommen. Sie hatten auch nicht den Hauch einer Chance, Asyl zu beantragen.“ Vor dem Europäischen Gerichtshof klage er nun dieses Recht ein. Sollte das seinen Klienten zugestanden werden, sei eine solche Entscheidung auch eine Aufforderung an Italien, seinen Abriegelungswahn zu überdenken.

Letzter Strand

Ohnehin landen trotz der libysch-italienischen Patrouillen weiter Flüchtlinge aus den Bürgerkriegszonen Somalias und Eritreas an der Küste von Lampedusa. Etwa 400 Ankömmlinge zählte das römische Innenministerium zwischen August 2009 und Juli 2010. Gegenüber den 20.655 Personen im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor allerdings ein gewaltiger Rückgang. Als neues Ziel dieser Flüchtlinge kristallisiert sich zusehends die sizilianische Südküste heraus, von Syrakus im Osten bis Agrigento im Westen. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem eine halbe Stunde Autofahrt von Agrigento entfernt gelegenen Palma di Montechiaro, wobei die hier Ankommenden nicht von Fischern oder Polizisten entdeckt werden wollen, um in die Aufnahmelager zu gelangen, sondern jeden Kontakt mit den Behörden meiden.

„Wir gehen davon aus, dass es eine Organisation an Land gibt, die den Leuten sofort neue Kleidung zuteilt, sie zeitweilig unterbringt und dann per Zug, Bus oder Lkw an andere Bestimmungsorte in Norditalien, aber in andere EU-Staaten bringt“, erklärt Staatsanwalt Ignazio Fonzo, der die Ermittlung in der Sache Ultima Spiaggia (Letzter Strand) leitet. Am 24. Juli beispielsweise sei auf der Autobahn Messina-Catania ein Lastkraftwagen mit 81 Migranten an Bord entdeckt worden, der in den Norden Italiens unterwegs war. „Von dort aus geht es dann weiter nach Deutschland und Skandinavien“, ist Fonzo sicher.

In Palma de Montechiaro habe er vier Italiener und drei Ägypter festnehmen lassen, die in Strandnähe ein leer stehendes Haus als temporäres Refugium für Migranten genutzt und dabei kräftig verdient hätten. Barbesitzer Biagio kann das nur bestätigen. „Die haben 1.000 Euro pro Kopf kassiert.“ Staatsanwalt Fonzo nennt keine derartigen Zahlen, meint aber, aus reiner Nächstenliebe hätten die Verhafteten ihre Gäste vermutlich nicht beherbergt. Das sei sicher.

Die Polizei überraschte das Septett bei einer Landeoperation und fand ungefähr 150 Personen in jenem Haus. „Das Außergewöhnliche an dieser Begebenheit ist, dass sich die Migranten wehrten. Sie lieferten sich eine regelrechte Prügelei mit der Polizei. Zwei bis drei Dutzend Männer entkamen“, erzählt Silvio Schembri, der für die lokale Nachrichtenagentur Agrigentonotizie über den Fall berichtete. Das habe sofort den Verdacht genährt, es könnte sich um eingeschleuste Terroristen handeln. Pikanterweise hörte der Kopf der Schleusertruppe auch noch auf den Tarnnamen Bin Laden.

Staatsanwalt Fonzo lässt den Terrorismusverdacht offen. So weit seien die Ermittlungen nicht gediehen. „Das waren auf jeden Fall nicht die üblichen armen Teufel. Sie waren gut gekleidet, hatten Koffer dabei und eine Überfahrt de luxe hinter sich gebracht.“

Nicht noch einmal

In Palma de Montechiaro selbst werden die Migranten wie auch die jüngst bekannt gewordenen Schleuser-Aktivitäten eher gelassen quittiert. „Wir kennen hier nur Migranten und die ganz armen Teufel“, sagt Marco, Barkeeper im Café Peppino. „Migranten sind alle jene, die von hier nach Deutschland oder Nordamerika gehen, um dort zu arbeiten. Und dann haben wir die ganz armen Teufel, die es aus Afrika hierher treibt und die bleiben wollen.“ Viele von ihnen arbeiten derzeit auf umliegenden Latifundien als Erntehelfer für Wein, Zucchini und Pfirsiche. Die Unterbringung ist dürftig und die Bezahlung so schlecht, dass sich die Frauen an den staubigen Landstraßen der Gegend als Prostituierte anbieten.

Besser treffen können es minderjährige Migranten, wenn sich der italienische Staat um sie kümmert. Zwar klagt Carlo di Miceli, Betreiber des Heims Alice in Palma di Montechiaro, dass die Zahlungen der Regierung meist arg verspätet einträfen – man müsse ein wahrer Finanzjongleur sein, um die Versorgung der Bewohner zu sichern. Aber immerhin, seine Herberge besitzt nicht nur Unterkünfte, sondern auch einen Swimmingpool, den Mohammed und Mustapha genießen, soweit es möglich ist. Die beiden sprechen fließend italienisch, gehen zur Schule und wollen eine Ausbildung machen. Vor zwei Jahren, im Alter von 14 und 15, brachen sie unabhängig voneinander aus ihrer etwa 100 Kilometer von Kairo entfernten Heimatstadt auf, um nach Europa zu gelangen. „Ich wollte ein neues Leben beginnen“, erzählt Mohammed. „Mich zog es weg wie alle anderen. Ich wollte nicht der einzige Junge inmitten von lauter Alten sein“, meint Mustapha. Der eine war drei, der andere fünf Tage auf dem Meer, bevor ihr Boot in die Nähe von Lampedusa kam. „Die Überfahrt war schrecklich“, sagen beide. „Nicht noch einmal. Nie wieder.“

In Italien winkt ihnen nur bis zum 21. Lebensjahr eine Zukunft. Bis dahin wird ihnen Zeit gegeben, eine Ausbildung zu beenden. Danach müssen sie entweder zurück nach Ägypten oder Familienmitglieder im Ausland finden, die sie aufnehmen. Mohammed will zu einem Cousin in die USA. Dass – wer jetzt von Nordafrika nach Europa aufbricht – vor der Küste ausgesetzt wird und an Land schwimmen muss, erschreckt sie sichtlich. Minderjährige, die in den vergangenen Monaten in Sizilien gelandet sind, werden denn auch in Heimen im Inneren der Insel untergebracht. „Wir halten sie aus psychologischen Gründen von den Orten fern, an die sie traumatische Erinnerungen haben“, erklärt Alice-Betreiber Carlo di Miceli. Um die Traumata der Erwachsenen, um die Toten im Meer und die nach Nordafrika Zurückgeschickten kümmert sich niemand.

Berlusconis Italien hat die Rolle eines skrupellosen Torwächters der Festung Europa übernommen. Der in Brüssel und Berlin häufig belächelte Cavaliere wird seitdem vom Ausland her auffällig selten kritisiert.

Tom Mustroph ist seit Jahren als freier Autor in Italien unterwegs und schreibt gelegentlich auch für den Freitag

18:00 30.10.2010
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