Achim Engelberg
25.06.2012 | 14:00 2

Erzählkunst ist Menschenkunde

Defa-Geschichte Peter Rabenalt ist Dramaturg und hat die Musik für viele Filme komponiert – ein Hausbesuch

Erzählkunst  ist Menschenkunde

Man hört fast die Musik von Rabenalt... (Szene aus dem Film "Das Fahrrad" (1981)

Foto: Defa-Stiftung/Dietram Kleist

Was verbindet den Filmregisseur Detlev Buck, bekannt geworden durch drastische Komödien, mit dem Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der zu den gelehrtesten Köpfen aller Zeiten gehört? Eine Antwort erhalte ich, als ich den Musiker, Dramaturgen und Buchautor Peter Rabenalt besuche.

In seiner mit Stilmöbeln und Klavier geschmackvoll eingerichteten Wohnung in Johannisthal im Süden von Berlin erzählt er beim Tee aus seinem Leben. Als er von 1956 bis 1960 in Babelsberg an der Deutschen Hochschule für Filmkunst (sic!) studierte, erlebte er noch das Aufbaupathos der frühen DDR, das heute oft von den dunkleren Seite des zweiten deutschen Staates überschattet wird, wodurch die Geschichte ihre Janusköpfigkeit verliert und zu glatt und einseitig dargestellt wird. Nicht zuletzt die Enthüllungen von Chruschtschow über Stalin leiteten damals ein Tauwetter ein, das sich gerade in Filmen zeigte. Das Kriegsmelodram Die Kraniche ziehen, das 1958 die Goldene Palme in Cannes gewann, war wegweisend. Zur gleichen Zeit entstand in der DDR Berlin – Ecke Schönhauser von Gerhard Klein nach einem Drehbuch des wohl immer noch bekanntesten deutschen Autors dieses Genres: Wolfgang Kohlhaase.

Gerne sah man es an der Babelsberger Hochschule zwar nicht, aber die Programme der damals wichtigen Westberliner Filmbühne am Steinplatz lagen offen in den Studentenbuden, die sich in ehemaligen Villen befanden, und man fuhr häufig zu dem in der Nähe des Bahnhofs Zoo gelegenen Kino, um sich vor allem neue amerikanische Filme anzusehen.

Schon als Oberschüler spielte Peter Rabenalt auch Jazz in einer Szene, die in der DDR erst beargwöhnt wurde, sich aber am Ende der fünfziger Jahre auf internationalem Niveau etablierte. Neidvoll sahen nicht wenige westliche Musiker, die sich durchschlagen mussten, auf Jazzer mit Festanstellung. Nach einem kurzem Intermezzo als Unterhaltungsredakteur, wo er den Ernst von Clowns erlebte, lehrte er Dramaturgie an seiner alten Hochschule in Babelsberg, bis er vor wenigen Jahren in den „Unruhestand“ versetzt wurde, wie er sagt. Rabenalt unterrichtete etliche heute bekannte Regisseure wie Andreas Dresen und lernte viele damals aktive Regisseure kennen. So kam es, dass er seit 1965 Musik für Filme schrieb, was ihn veranlasste, zwischen 1970 und 1975 Komposition zu studieren.

Zuschauer im Tal der Tränen

Was verbindet Dramaturgie und Komposition? „Beide sind von ihrer Methodik ähnlich“, sagt Rabenalt. „Etwa beim Gebrauch des Kontrapunktes, der ja eine Verfremdungstechnik ist. Oder beim Gebrauch des Leitmotivs. Man denke nur dramaturgisch wie kompositorisch an die Opern Richard Wagners.“

Als vor einigen Jahren das New Yorker MOMA 21 DEFA-Filme als herausragende Kunst unter dem Titel „Rebel with a Cause“ zeigte, waren gleich zwei dabei, für die Peter Rabenalt die Musik komponiert hatte: Dein unbekannter Bruder von Ulrich Weiß und Das Fahrrad von Evelyn Schmidt. Heute spielt der fast 75-Jährige wieder Jazz, überarbeitet alte Bücher und schreibt neue. Er überdenkt Erlebnisse und Erfahrungen seines Lebens, die er in ein Buch mit dem lapidaren Titel Filmdramaturgie gepackt hat, es ist die wesentliche Überarbeitung eines 1999 erschienenen Werkes. Darin wird das Kino als eine zwischen „Kunst und Kneipe“ angesiedelte Erzählform vorgestellt: „Die Kinderstube des Films lag nicht in den Tempeln der Kunst.“ Gerade das Anti-Elitäre, das Andere, das Neue dieser Erzählform im Vergleich zu den klassischen Möglichkeiten zwischen Drama und Epos verbindet Peter Rabenalt mit grundsätzlichen Fragen, dabei holt er historisch weit aus und fragt nach der anthropologischen Konstante des Erzählens und Dramatisierens. Ohne das Alte würde das Neue nicht existieren, ohne das Neue würde das Alte vergehen.

Warum ist eigentlich eine Tragödie erbaulich – im alten Athen wie im neuen Berlin? Was genau ist die Reinigung von Affekten? Der Zuschauer muss das Tal der Tränen durchschreiten, um sich und andere besser zu verstehen. Gerade die griechische Tragödie, auf die sich viele Drehbuchgurus Hollywoods wie Syd Field berufen, kennt kein Happy-End. Die Katharsis, die Reinigung, muss der Zuschauer damals wie heute bei allen großen Dramen selbst leisten, erwas deren Überlebensfähigkeit und immer neue Aktualität sichert, immer wieder kann man sich mit ihnen in Beziehung setzen. „Es versteht sich, dass das Happy End auch eine Reduzierung der Charaktere und ihrer Konflikte zur Folge hat.“

Trotz einer Unterhaltungsindustrie, sagt Peter Rabenalt, die durch „weltanschauliche Indifferenz und gesellschaftliche Unverbindlichkeit“ gekennzeichnet ist, beharrt er auf einem Kino, das nicht den Bezug zum lebenden Menschen auf und vor der Leinwand verliert. „Wie sollen sie auf ihre Vertreibung reagieren, wenn sie vergeblich auf der Leinwand nach Menschen suchen, denen sie sich in Freud und Leid, in Lust und Not zugesellen können, weil sie sich ihnen ähnlich fühlen?“

An dieser Frage sind sie zu messen, das verbindet alles Erzählen von Homer über Aischylos und Tolstoi bis zu den großen Filmregisseuren. Und deshalb ist der meistzitierte Autor der Filmdramaturgie von Peter Rabenalt: Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Ein Philosoph, der ja bekanntlich Jahrzehnte vor der Erfindung des Kinos gestorben ist, der aber in seinen Vorlesungen zur Ästhetik die Kunst als vermittelnd zwischen Sinnlichkeit und Gedanke sah und als deren eigentlichen Gegenstand das Menschliche bezeichnete. So kann die Schrift von Peter Rabenalt sowohl als Anmerkungen zu Hegel und dem Film gelesen werden wie auch als Arbeitsbuch für Praktiker.

Einer von diesen schrieb das Vorwort: Detlev Buck, den Peter Rabenalt in einigen Projekten beraten hat, zuletzt für das Drehbuch von Kehlmanns Vermessung der Welt, das gerade verfilmt wird. Rabenalt dürfte damit einer der wenigen Hochschullehrer der DDR sein, deren Schaffen heute noch beachtet wird. Als nächstes folgt eine Studie über den Klang im Film, zur Ästhetik des Tonfilms. Zum Abschied meint Peter Rabenalt, dass man aus Jean-Luc Godards heute fast unbekanntem Film vom Jahre 1990 Nouvelle Vague viel über diese Ästhetik erfahren könne, aber das wäre wohl Thema eines neuen Gesprächs.

Filmdramaturgie Peter Rabenalt Mit einem Vorwort von Detlev Buck, Berlin 2011, 328 S., 24,90 € Von Achim Engelberg erschien zuletzt die Familiensaga Die Bismarcks (Siedler Verlag, zusammen mit Ernst Engelberg)