Erzählung über Lenin

Kehrseite 1 Nachdem ich einen Großteil meines Lebens mit dem Ausdenken von Geschichten vertan hatte, von denen Menschen betroffen waren, die ich ebenfalls ...

Nachdem ich einen Großteil meines Lebens mit dem Ausdenken von Geschichten vertan hatte, von denen Menschen betroffen waren, die ich ebenfalls erfinden musste, kam ich zu dem Schluss, dass unausgedachte Geschichten über tatsächlich lebende oder gelebt habende Menschen nicht minder interessant sein müssten - dass sie interessanter seien, so weit möchte ich zunächst nicht gehen. Ich beschloss, die Probe aufs Exempel zu machen und bei mir selbst anzufangen.

Ich wohne im Zentrum Moskaus. Bis zur 1. Twerskaja-Jamskaja sind es 100 Meter, bis zum Belorussischen Bahnhof noch weniger. Unser Haus samt dem ganzen Wohnviertel soll um das Jahr 30 gebaut worden sein, für die Mitarbeiter der Wirtschaftsverwaltung von Tscheka-GPU-NKWD. Wie hieß diese Behörde damals doch gleich, die einen der Hauptmythen unseres vergangenen Lebens bildet? Man setzte einen sechsgeschossigen Kasten ohne Balkons und ohne Fahrstuhl hin - der kam erst später dran, so ein angeklebtes Glasding. Den Wohnungen fehlt jeder Komfort, manche sind bis heute Gemeinschaftsbehausungen geblieben, immerhin zeichnen sie sich durch die Besonderheit der Trennung von Bad und Toilette aus. Die Decken sind aus Holz und fallen bei Tausch und Verkauf negativ ins Gewicht. In den letzten vier Jahren hat es bereits einen großen und einen kleinen Brand gegeben. Doch bisher ging alles glimpflich aus.

Die Einrichtung ist bei uns dementsprechend: altes Mobiliar (an neuem liegt mir auch gar nichts), alte Tapeten. Hergezogen sind wir wegen der zentralen Lage schon vor vielen Jahren, und zwar durch Tausch von Ostankino, wo wir eine schöne Drei-Zimmer-Wohnung in einem Hochhaus hatten.

Dafür wohnen wir hier im Zentrum, in diesem von klein auf vertrauten und geliebten Viertel, einem durch hohe Häuser vor dem Lärm des Platzes und der Straßen geschützten Hof mit Bäumen und Volleyballplatz: ein Holzkasten und darüber Netze.

In der Mitte des Hofes aber steht Lenin. Der Sockel gut einen Meter hoch, darauf der Kopf. Hingestellt haben das mit ihrem Proletariergeld finanzierte Denkmal des Führers (Gerüchten zufolge) tschekistische Zimmerleute, Klempner und Stukkateure, als dieser Wohnblock gebaut wurde - zu unwohl hätten sie sich ohne dieses Denkmal gefühlt. Seitdem steht es da und bekommt jedes Jahr beim Subbotnik, dem Arbeitseinsatz zu Ehren seines Geburtstags, einen neuen Silberanstrich. Einmal sah ich ein Weibsbild in Wattehosen, wie es sich in herausfordernd erotischer Pose an Wladimir Iljitsch zu schaffen machte: Die Beine um seinen Hals geschlungen, stocherte sie aus der Nase mit einem Stechbeitel die überschüssige Farbe vieler Jahre, die bereits begonnen hatte, die uns allen teuren Gesichtszüge zu entstellen.

Auch heute noch steht Lenin da, bis zu unserem Hof ist das neue freiheitliche Leben nicht vorgedrungen.

Das heißt, vorgedrungen ist es schon, und ob, doch die spezifischen Hofformen dieses Lebens existieren in friedlicher Koexistenz mit der Büste des sowjetischen Staatsgründers. In unserem Hof fanden sich einfach keine Leute, die das Idol entfernt haben wollten.

Die Freiheit, die setzt sich in Gestalt der Obdachlosen und der Ratten durch.

Die Freiheit füllt allmählich den ganzen Hof mit Müll.

Die Freiheit surrt dahin mit Audi-A8-, Land-Cruiser-100- und Mercedes-E320-Motoren, die sich mit den Obdachlosen und dem Müll durchaus vertragen.

Die Freiheit huscht mit den abendlichen Schatten der Freier zum Bordell im fünften Stock des sorgfältig renovierten Nachbarhauses in der 2. Brestskaja, wo im Erdgeschoss "Baskin Robbins" und "Dubljonki", ein Lammfelladen, auf ihre Kunden warten.

Es sei daran erinnert, dass ich mir bei diesen Aufzeichnungen nichts ausdenke, Ehrenwort. Nach den gemachten Angaben können Sie den Hof finden (das ist überhaupt nicht schwierig) und alles nachprüfen. Die Adresse nenne ich einfach aus Stilgründen nicht.

Wenn ich nach neun Uhr früh zum Dienst aufbreche und nach neun Uhr abends zurück komme (so ist das mit meinem Dienst), betrachte ich meinen Hof. Vom schmutzigen Grün der Bäume hebt sich das vertraute Profil mit der abblätternden Farbe ab. In dem aufgetürmten Unrat, der, nachrutschend und von quirlendem Leben erfüllt, längst die eigentlich für den Müll bestimmten Eisenkästen auf Rädern unter sich begraben hat, sind Obdachlose zugange: wühlen, schlafen, trinken und kauen ihre Happen. Ich kenne sie nicht nur vom Ansehen, sondern auch mit Namen: die lahme, den Hausmeistern zur Hand gehende Valja mit einem von Veilchen ständig verunzierten Gesicht und ihren Boyfriend Shenja in Lederjacke und mit schwarzem Kräuselbart; einen namenlosen Herrn mit breitkrempigem Hut, eleganten sackartigen Hosen nach der Mode der neunziger Jahre und Motorradstiefeln, der Hunde spazierenführt, die offensichtlich ein Zuhause haben und keine Not leiden; den dicken, hünenhaften Kolja, der mittrinken darf bei denen, die nicht auf dem Müllberg, sondern in Wohnungen leben und möglicherweise Nachkommen jener Arbeiter sind, die den Leninkopf hingestellt haben. Nebenbei bemerkt, schließe ich nicht aus, dass Kolja auch hier wohnt und im Hof einfach nur seine Freizeit verbringt.

Vor meinen Füßen flüchten Tauben und Ratten ebenso wie vor den Rädern der Autos, die häufig die Abkürzung quer durch den Hof nehmen. Nicht immer schaffen sie es, dem Fahrzeug den Weg frei zu machen, und dann bleibt so ein Tier - meist sind es Tauben - als zerquetschter blutiger Fladen liegen.

Ich betrachte meinen Hof, und mir wird übel.

Übel wird mir auch beim Anblick meines Treppenhauses, wo sich zur Nacht andere Obdachlose einstellen - die ich selten sehe und nicht persönlich kenne, weil sie sich zufällig hierher verlaufen und dauernd wechseln -, schlafen, trinken (übrigens nicht gerade den billigsten Wodka und recht gefragtes Bier), essen und alle damit verbundenen physiologischen Bedürfnisse befriedigen - sich zum Beispiel mit Gestöhn und Gepolter der Liebe hingeben. Diese Bewohner des Treppenhauses hinterlassen gigantische Pfützen auf den Stufen, vor dem Fahrstuhl und in der Kabine selbst, Flaschen, Kippen und Unterlagen aus Pappe und Lumpen, aus unerfindlichen Gründen beschmieren sie sogar die Wände mit Scheiße und schreiben ohne grammatikalische Fehler mit Filzstift humanistische Losungen auf die Innentür: "Menschen, seid gütiger zu den Obdachlosen!"

Obwohl ihnen auch so keiner etwas tut.

Ich für mein Teil kann allerdings nicht ohne Abstriche gut zu ihnen sein, weil sie einmal um ein Haar das Haus zusammen mit uns allen in Brand gesteckt hätten und weil mir die Scheiße an den Wänden missfällt. Und wenn jetzt nachts vom Treppenabsatz her Geächze, Gehuste und obszönes Gerede zu hören ist, ruft meine Frau sofort im Revier an (ich als Mann habe Hemmungen, das zu tun), zehn Minuten später erscheinen regelmäßig Milizionäre und vertreiben so geräuschvoll, dass garantiert die ganze Etage aufwacht, die Obdachlosen mit Fausthieben. "Aufstehn! Aber schnell!" (Bumm!) "Los, schnell! Mit wem rede ich? Schnell!" (Bumm!) "Aufstehn!" (Krach!) "Schnell!" (Bruch!) Der Fahrstuhl rumpelt, dann wird alles still.

Ich habe keine Gewissensbisse, weil ich einfach nicht begreife, wozu man die Wände mit Scheiße beschmieren muss. Darin liegt doch keine Message (Flecken ohne Worte), und sie schlafen ja und essen vor diesen Wänden. Dass mal ein Feuer ausbricht - das kann ich ja verstehen: geraucht, eingeschlafen, bei angetrunkenen Leuten passiert das. Ich kann auch den Text verstehen, zumal er die Bitte enthält, gütiger zu sein - wer sollte die Notwendigkeit von Texten verstehen, wenn nicht ich? Aber Scheiße an der Wand - ich bitte Sie! Da kann man nur noch die Miliz holen ...

Nach einer halben, spätestens nach einer Stunde kommen die Obdachlosen zurück, aber zermürbt, wie wir sind, schlafen wir endlich und hören sie nicht, erst am Morgen entdecken wir die Pfütze, den Haufen und den Kerl selbst, der, quer über den Treppenabsatz ausgestreckt, kräftig schnarcht.

Ich betrachte also meinen Hof, meinen Hauseingang, ich lausche dem in Gebrüll übergehenden Gesang der halb verrotteten Wasserleitungs- und Kanalisationsrohre, mein Blick richtet sich auf den Wasserfleck vom Vorjahr an der Decke (der Dachboden war voller Schnee), durch die Nacht klingt kaukasische Musik aus der Tag und Nacht geöffneten Schaschlikstube im nächsten Häuserblock - und ich denke mir, dass Sie, geneigter Leser, um die im vorvorigen Jahrhundert gebräuchliche Anrede zu verwenden, die Beschreibung meines Hofes mit dem in seiner Mitte stehenden Lenin als Allegorie auffassen werden, als Anspielung auf das gesamte Land. Indessen gibt es hier gar keine Anspielungen. Ich wollte einfach meinen Moskauer Hof beschreiben, was ich auch getan habe, und was Sie sich dabei gedacht haben, das ist Ihre Sache.

Übersetzung: Alfred Frank


00:00 17.09.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos. Wenn Sie danach weiterlesen, erhalten Sie das Buch "Oben und Unten" von Jakob Augstein und Nikolaus Blome als Treuegeschenk.

Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare