Erzielt Kuschelpädagogik bessere Ergebnisse?

IGLU-Studie Die neue Untersuchung wirft alte Fragen auf, vor allem nach dem Sinn des gegliederten Schulsystems und homogener Lerngruppen

Eigentlich waren sich doch alle einig darin, die Grundschule für die unwichtigste, womöglich auch uneffektivste Schulform innerhalb des deutschen Schulsystems zu halten. Die Politik zeigt ihre mangelnde Wertschätzung dadurch, dass die Schulen für die Jüngsten am schlechtesten ausgestattet werden - und die Lehrkräfte der weiterführenden Schulen klagen Jahr für Jahr darüber, dass die Ex-Grundschüler zu wenig können und wissen, wenn sie zu ihnen wechseln. Erst in der Sekundarstufe I, wenn alle vorgeblich fein säuberlich nach jeweiligem Leistungsvermögen getrennt wurden, so glaubte man zu wissen, geht ernsthafte Schulbildung richtig los.

Und nun das: Während die Leseleistungen der 15-jährigen, PISA hat es bewiesen, im internationalen Vergleich schmählich schlecht sind, haben sich unsere Viertklässler im Rahmen der IGLU-Studie wacker geschlagen. Zwar ist der allgemeine Jubel angesichts des Platzes im Mittelfeld, das sie sich erlesen haben, nur vor dem Hintergrund der katastrophalen Ergebnisse ihrer älteren Mitschüler zu verstehen, dennoch ist einiges Bemerkenswertes zutage getreten: Am Ende des vierten Schuljahres erreichen die deutschen SchülerInnen im Durchschnitt eine gute Lesekompetenz sowohl bei literarischen, als auch bei Sachtexten. Bemerkenswert dabei ist, dass diese Kompetenz von einer vergleichsweise großen Gruppe erreicht wird. Auch die in anderen Ländern teilweise extrem ausgeprägten Unterschiede in der Lesekompetenz von Jungen und Mädchen - Jungen lesen überall auf der Welt schlechter - sind bei unseren Grundschülern relativ gering. Eine solche Homogenität in Sachen Lesefähigkeit wird nur von wenigen Ländern übertroffen.

Allerdings zeichnen sich dennoch bereits die Umrisse der zukünftigen Risikogruppe derer ab, die fünf Jahre später nicht in der Lage sein werden, Texte angemessen zu entschlüsseln. Mehr als 30 Prozent der Viertklässler nämlich müssten in der Sekundarstufe weiter systematisch gefördert werden, da sie nur eine der beiden unteren Kompetenzstufen erreichen. Die Benachteiligung der Kinder mit Migrationshintergrund und/oder einem anregungsarmen Elternhaus wird in der Grundschule offenbar besser kompensiert als in den weiterführenden Schulen, sie wird aber auch hier erkennbar.

Am anderen Ende des Spektrums gibt es auch sehr gute LeserInnen, deren Anteil liegt jedoch mit 18 Prozent vergleichsweise niedrig. Die IGLU-Studie fordert deshalb ausdrücklich auch eine bessere Förderung dieser Spitzengruppe.

Schlechter sehen die Ergebnisse der ebenfalls erhobenen Rechtschreibkenntnisse aus: Hier findet sich etwa ein Viertel der SchülerInnen mit unzureichenden Leistungen, andererseits nur eine winzige Elite von einem Prozent, die nahezu fehlerfrei schreiben kann. Obwohl die Grundschule im Kontext der bisherigen Untersuchungen also am besten abschneidet, gibt es bei genauerem Hinsehen keinen Grund zum Jubeln.

Grundsätzlich werfen die IGLU-Ergebnisse erneut die alte Frage nach dem Sinn und der Wirksamkeit des gegliederten Schulsystems auf. Dessen Grundannahmen erweisen sich nämlich als verfehlt. Zunächst einmal wird mit der Illusion aufgeräumt, die Aufteilung der SchülerInnen in verschiedene Schularten sorge für homogene Leistungsgruppen. Es ist erschreckend zu lesen, dass die messbare Lesefähigkeit zu äußerst unterschiedlichen Noten und Empfehlungen über die zukünftige Schule führt. So erhalten etliche Lesekundige eine Hauptschulempfehlung, während eine Reihe von extrem Förderungsbedürftigen ans Gymnasium entsandt wird.

Für die einzelnen Schüler folgt häufig eine äußerst deprimierende und motivationsschädigende Wanderung durch die verschiedenen Schularten, von Probehalbjahr zu Probehalbjahr. Nachträglich zu selektieren ist nämlich die einzige Methode, die unserem auf falschen Annahmen basierenden Schulsystem zur Verfügung steht, um das angestrebte Ziel der einheitlichen Leistungsfähigkeit der einzelnen Lerngruppen doch noch zu erreichen. Und wer die hoffnungslos überfüllten Anfangsklassen vieler Gymnasien und Realschulen sieht, kann vielleicht sogar ein wenig nachvollziehen, dass hier weniger auf Förderung der Schwachen gesetzt wird als darauf, die Klassen durch nichtbestandene Probezeiten zu verkleinern. Die Lernlust wird hier großflächig zerstört, wie übrigens auch bei denen, die wegen nicht erkannter guter bis sehr guter Lesekompetenzen in die Hauptschule geschickt werden.

Wer also am Ziel der Aufteilung eines Jahrgangs in drei homogene Leistungsgruppen festhalten will, muss fairer Weise für messbare Vergleichsdaten sorgen, denn soviel Verschwendung von Motivation, soviel Entmutigung unserer Kinder und Jugendlichen können wir uns nicht leisten.

Die IGLU-Studie wirft aber eine noch viel grundlegendere Frage erneut auf: Führt Selektion tatsächlich zu besseren Leistungen? Alle Daten sprechen dagegen. 18 Prozent sehr gute LeserInnen in der vierten Klasse sind zwar kein berauschendes Ergebnis - aber im Vergleich zu den lediglich acht Prozent der älteren Gymnasiasten, die diese Kompetenzstufe erreichen, kann sich die Arbeit der Grundschulen doch sehen lassen. Der als Kuschelpädagogik abgetane Ansatz, sich allen SchülerInnen eines Jahrgangs gleichermaßen zuzuwenden, sich auf unterschiedliche Leistungsniveaus und Lernvoraussetzungen einzustellen, bewirkt offenbar, dass Lernerfolge gleichmäßiger verteilt und insgesamt höher sind.

Deshalb gehen nun laut werdende Forderungen danach, es auch den SchülerInnen der weiterführenden Schulen insgesamt etwas kuscheliger zu machen, auf sie also individueller einzugehen, am Kern des Problems vorbei. Die Mischung macht´s - gemeinsames Lernen ist, so legt es IGLU nahe, erfolgreicheres Lernen. Allerdings bedeutet das nicht, unsere Grundschule könne als Erfolgsmodell einfach verlängert werden, und unsere Bildungskatastrophe sei damit behoben. Dafür sind die Defizite und Probleme auch hier viel zu gravierend. Zwar wird an den Grundschulen differenzierter unterrichtet als zum Beispiel am Gymnasium, international allerdings steht Deutschland auch in dieser Hinsicht am schlechtesten da. Denn in erfolgreicheren Ländern werden die LehrerInnen nicht mit sämtlichen Erziehungs- und Bildungsaufgaben so allein gelassen wie bei uns. So machte Renate Valtin, Mit-Herausgeberin der IGLU-Studie, jüngst darauf aufmerksam, dass zum Beispiel in Finnland die Arbeit von einem aus Lehrern, Psychologen, Sozialarbeitern und Leselehrern bestehenden Expertenteam geleistet wird. Hierzulande freuen sich die Grundschullehrkräfte schon darüber, wenn sie sogenannte Lesemütter rekrutieren können, die die schwächsten Lesekinder aus der Klasse holen, um mit ihnen zu üben. Und wie die deutsche Rechtschreibung erfolgreich vermittelt werden kann, darüber herrscht offenbar verbreitetes Rätselraten. Hier, wie in vielen anderen Bereichen, wäre eine Fortbildungsoffensive dringend nötig. Schließlich ginge es darum, familiär bedingte Bildungsnachteile auszugleichen, zum Beispiel durch eine anregend gestaltete Ganztagsschule.

All das muss politisch nicht nur gewollt sein, sondern finanziell großzügig ausgestattet werden. Bisher allerdings sind die Grundschulen die Armenhäuser unseres Schulsystems.

00:00 18.04.2003

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