Es blitzt, ich werde geliebt

Vom Charme einer Bibelstunde Eine Tagung auf Schloss Elmau »Über die Liebe«

Augenblicke der Liebe, romantische Momente also, bedürfen außerordentlicher Umstände: zu Hause finden sie nur selten statt, häufiger aber im Restaurant, besonders bei Champagner und Kaviar. Das jedenfalls hatten rund sechzig Mittelklasseamerikaner nahezu übereinstimmend angegeben, die von der israelischen Soziologin Eva Illouz nach ihren Vorstellungen über die Liebe befragt worden sind. Vor allem Reisen kann dem zufolge jene Gefühle erzeugen, die im alltäglichen Einerlei keinen Raum haben. Sorgsam bewahren wir das teure Abendkleid im Schrank auf, hoffnungsvoll warten wir auf den nächsten Urlaub, um endlich uns selbst, das Leben und die Liebe zu spüren. Kein Klischee ist peinlicher, als die auf soziologische Statistik gebrachte Wirklichkeit.

Geradezu ertappt fühlten sich die Teilnehmer des philosophischen Kolloquiums Über die Liebe vorige Woche auf Schloss Elmau, als Illouz die zeitgenössische Verquickung des modernen Gefühlslebens mit den Angeboten der Konsum- und Freizeitindustrie diagnostizierte. Eingebettet in eine malerische Hügel- und Waldlandschaft des bayrischen Südens, wo Bergbäche noch postkartenklar plätschern und der hauseigene Pool den erhabenen Blick auf das nahe Wettersteinmassiv freigibt, liebevoll eingerichtet und ganz dem Wohl der Gäste verschrieben, konnte man sich kaum einen passenderen Ort für romantische Momente und das Schwelgen zu diesem Thema vorstellen. Seit Platons »Symposion« - möchte man glauben - hat es selten solch ideale Bedingungen für einen ausgiebigen, offenen und auch ironischen Diskurs über die Liebe gegeben.

Große, heiße Theorien sind neuerdings wieder gefragt, damit der Liebe zur Weisheit, der Philo-Sophia, nicht das Feuer ausgeht. In seiner Eingangsrede ließ Rüdiger Safranski keine Zweifel darüber, dass eine Rehabilitation des Philosophierens aus und über Liebe dringend anstehe. Irgendwie, so Safranski, werde auch heute geliebt, gekonnter sogar, schneller, ökonomischer, vielleicht auch heißer als früher. Doch der ureigenste Trieb der Philosophie, nämlich Erkenntnis aus Liebe, sei längst unter die Räder ihres zunehmend technischen Treibens geraten. Während Sex zum Freizeitsport, Fortpflanzung zur Angelegenheit der Biotechnologie geworden sei, habe die Philosophie nach Freud - einem der »letzten Mohikaner der Liebesmetaphysik« - kaum mehr als Luhmannsche Kommunikationsanalysen zu bieten: »Kalte Theorien über ein heißes Thema.«

Elmau - vor zwei Jahren hatte hier Peter Sloterdijk vom Menschenpark fabuliert. In diesem Jahr jedoch wollte man keine Begriffseskapaden, man wollte Theorien, die Herz und Seele wärmen, wollte eine jüdisch-christliche, zugleich aber auch politisch-theologische Debatte führen. Allzu sehr vielleicht hat die nahe Gebirgsidylle dazu verführt, auf die metaphysischen und religiösen Bedeutungen des Liebeskonzepts abzuheben und dabei aus den Augen zu verlieren, was man heute eigentlich meint, wenn man von Gefühlen, Gemeinschaft, Vertrauen, Begehren, Leidenschaft oder Sex redet. Erklär mir, Liebe! hätte man gern gefordert. Stattdessen war jedoch viel von christlicher und kabbalistischer Liebe, von Eros und Agape (Nächstenliebe) die Rede und wenig von jener schrecklich schönen Allerweltserfahrung, die uns so viel zu schaffen macht.

So stellt der gegenwärtige Liberalismus für den französischen Philosophen Rémi Brague nichts geringeres als eine Hölle dar, in der die erste und paradoxe Erfahrung der Liebe die sei, nicht zu lieben. Wer bloß »ich« zu sagen wisse, müsse sich geradezu als »ersten Verdammten in der gesamten Weltgeschichte« bezeichnen. Nur durch den Schritt zum »Du«, durch die über alle Zweifel erhabene Liebe des Anderen, komme man hier mit Gottes Hilfe noch einmal davon. Denn der große Andere, das war in Elmau häufig schlicht der liebe Gott. Er sorgt letztlich auch bei Jean-Luc Marion, dem neuen Star der französischen Philosophie, für die Rettung des Subjekts, das ansonsten noch immer cartesianisch im eigenen Denken gefangen ist und nicht zur Welt gelangen kann. Von »anderwärts« heideggernd wies Marion dem »hoffnungslos individualisierten Ego« den Weg hinaus in ein seliges Geliebtwerden, und nannte es »erotische Reduktion«, weil das so schön bedeutsam klingt. Aus »cogito ergo sum« wurde schließlich: »Es blitzt, also werde ich geliebt.«

Zu solch großem, wenn auch nicht sonderlich heißem Philosophieren konnte sich sonst niemand aufschwingen. Zwar hatte der Initiator der Tagung, Christoph Schmidt von der Hebrew University in Jerusalem, statt der oft behaupteten Repression der Sexualität die geheime Unterdrückung der Agape, der Nächstenliebe, als Kennzeichen der Moderne aufdecken wollen, konnte sich aber nicht verständlich machen und brach den Vortrag unvermittelt ab. Ähnlich kommentarlos blieben die Textexegesen des Tübinger Theologen Jürgen Moltmann oder des israelischen Judaisten Admiel Kosman im Raum stehen. Eros und Agape, Hoheslied und Korintherbrief, Talmud und Kabbala: über den zweifelhaften Charme einer Bibelstunde kamen diese Vorträge kaum hinaus. Von heißen Theorien keine noch so kühle Spur.

Dass der Liebesdiskurs wesentlich an Unbestimmtheit leidet, wie der Frankfurter Philosoph Axel Honneth bemerkte, traf auf diese Tagung besonders zu. In ihrem Zusammenhang machte es sich fast skandalös aus, dass er wie Illouz und auch der slowenische Philosoph, Kulturwissenschaftler und Psychoanalytiker Slavoj Z?iz?ek ausschließlich die profane, partikulare Liebe, die »Großstadtliebe« ins Visier nahm und ihr überdies einen besonderen Platz in unserem Moralsystem zuwies. Honneth wagte den Versuch, Bedingungen für eine ideale Liaison zu skizzieren, anhand derer die Pathologien unseres Liebeslebens sich messen lassen. Das eigentliche Liebesabenteuer, die Kunst des Liebens besteht für ihn darin, dem Balanceakt von Beziehungen zwischen der Sehnsucht nach Symbiose und dem Bedürfnis nach Distanz eine dynamische Dauer zu verleihen, die mit und von den Veränderungen des Geliebten lebt. Eine Spur von Transzendenz zeigt sich dann höchstens darin, dass wir den Anderen um seiner selbst willen und nicht bloß wegen einer seiner vergänglichen Eigenschaften zu lieben vermögen.

Die Nächstenliebe dagegen betrachten Honneth wie auch Z?iz?ek als theologisch-philosophischen Sondermüll. Denn eben weil Liebe ihrem Wesen nach partikular, also ausschließend sei, mache die Vorstellung, jeden gleichermaßen lieben zu können, keinen Sinn. Allen übrigen Liebeshuldigungen zum Trotz kehrte der Theorieberserker Z?iz?ek gerade das Gegenteil, die dunkle Seite unseres Herzens, hervor: Liebe sei grundsätzlich intolerant, eine gewaltsame Leidenschaft, die, statt Brücken zu schlagen, Gräben schaffe. Ohne Rücksicht auf stringente Gedankenführung verhackstückte Z?iz?ek den süßen Liebestraum der Transzendentalphilosophie mit einer solchen Vehemenz, dass eine Zuhörerin im Saal aufstand und sich zu einer öffentlichen Liebeserklärung an Z?iz?eks Sexappeal hinreißen ließ.

Als hitzig erwies sich also nur die Hölle unseres ganz alltäglichen Liebeslebens. Bei all den Beschwörungen einer heiligen, reinen Liebe, mochte man dagegen bisweilen wie seinerzeit Arthur Schnitzler meinen, dass es »gerade die Sachen, von denen am meisten g´redt wird«, gar nicht gibt: »zum Beispiel die Liebe, die ist auch sowas.«

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00:00 24.08.2001

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