Es brennt!

Deutschland, ein Mythos Im Ausland zählen sie zu den beliebtesten Deutschen, im Inland sind sie so manchen peinlich. Zum Gruselrock von "Rammstein"

Wann erhalten die Musiker der Gruppe Rammstein das Bundesverdienstkreuz? In den letzten zehn Jahren hat niemand für das Ansehen Deutschlands und für die Verbreitung der deutschen Sprache im Ausland mehr getan. Ob im Dschumanschi in Saratow an der Wolga oder auf den Gemüsemärkten von Patzcuara im Hochland von Mexiko - Deutschland ist Kult, wenn der Rammstein-Sound ertönt. Weltweit lernen Schüler und Studenten die deutsche Sprache mit Hilfe von Rammstein-Texten. Rammstein dürfte derzeit fast das bekannteste deutsche Wort auf der Erde sein, das einzige sicher, das Millionen Nicht-Deutsche mit leuchtenden Augen singen.

Im eigenen Lande jedoch gelten die Propheten wenig. Grausam, deutschtümelnd, frauenfeindlich, neuerdings schwulenfeindlich, vielleicht sogar Nazis sollen sie sein. Ja, ist die Welt denn nazistisch geworden, ohne dass wir es gemerkt haben?

"Ich mag die Leute, die ihre Arbeit lieben", begründet eine russische Studentin ihre Liebe zu Rammstein. "Superenergie, Superreime, Supertexte!" Ein Land, dessen Nationalbewusstsein intakt wäre, würde seine Edelfedern zusammenrufen, um das Phänomen in öffentlichen Streitgesprächen ästhetisch zu würdigen. Doch kaum rollt jemand das Schiller-R so schön deutsch wie Rammsteins Sänger Till Lindemann und wie es Zehntausende ausländische Schüler weltweit im Sprachunterricht üben, erbleicht man im deutschen Märchenwald. Auch Ernst Busch und das R der Sudetendeutschen und Banater Schwaben gehören zur deutschen Kultur.

Deutsch und auf der Höhe der Zeit, diese Kränkung verzeiht man Rammstein in der Heimat nicht. "Was sollen Deutsche auch so sein und klingen und aussehen wie ein aus der Sklaverei entlassener Motherfucker aus dem Mississippi Delta, warum so wie ein Gangsta / Loser aus South Central?" Rammstein haben nicht den Schuhplattler in die weltweite Popkultur eingespeist, keine Parodie von Deutschland, sondern die Märchen der Gebrüder Grimm, schaurig-schöne Schreckensgeschichten, unsere Volksweisheiten. Falls diese nazistisch gestört sind, ist es nicht Schuld der Musiker. Wer 2005 das Konzert in der Wuhlheide sah, wusste von der ersten Sekunde an: Die Jungs kommen zwar aus Mecklenburg-Vorpommern, aber hier sind keine Provinzler am Werk. Schließlich besitzen sie immer wieder die Frechheit, das Selbstbewusstsein und die Lust am Nervenkitzel, sich mit einigen der folgenreichsten Bilder der neueren Kunstgeschichte zu messen - dem Film Apocalypse now. Man konnte sich nach drei Sekunden an die Propeller-/Ventilatorgeräusche erinnern und denken: Von da kommen wir her, mal sehen, wie es weitergeht. Ein Mensch brennt, so ist man aufgewachsen, Dresden, Coventry, Vietnam, Rammstein. Wer es nicht glaubte, konnte das Video zurückspulen.

Historisch gesehen war das neu. Vor der Erfindung des Kinos und des Fernsehens brannten die Menschen meist als Hexen oder in den Märchen, die man sich erzählte. Man konnte nicht im Sessel sitzen und zugucken. Man musste es sich vorstellen. Es war eine größere Gehirnaktivität nötig. Die erzählende Stimme war die eines Menschen, der einem gegenübersaß, den man kannte. Dieser reale Mensch erzählte Märchen wie Das eigensinnige Kind, das nur aus vier Sätzen besteht. Das eigensinnige Kind will nicht auf seine Mutter hören. Welche konkrete Anweisung es verweigert, wird nicht gesagt. Deshalb muss es sterben. Es wird ins Grab gelegt. "Kein Arzt konnte ihm helfen, selbst der liebe Gott hatte kein Wohlgefallen an ihm". Leider "ragt sein Ärmchen noch in die Höhe", deshalb "muss die Mutter selbst ans Grab gehen und mit der Rute aufs Ärmchen schlagen, und nun erst zog es sich hinein, und das Kind hatte nun Ruhe unter der Erde".

Mit solchen Geschichten gestaltete man früher Familienabende. Gerippe fallen durch den Schornstein, Totenköpfe werden gedrechselt, kleine Mädchen in Tierkadaver eingenäht, es ist schon ein munterer Sadismus, den man in unseren Märchen antreffen kann. Typisch deutsch: Man zieht in die Welt, um das Fürchten zu lernen.

Bei Rammstein gibt´s mehr Optimismus: "Ein kleiner Mensch stirbt, nur zum Schein, wollte ganz allein sein. Das kleine Herz stand still für Stunden, so hat man es für tot befunden. Es wird verscharrt im nassen Sand, mit einer Spieluhr in der Hand. Der erste Schnee das Grab bedeckt, hat ganz sanft das Kind geweckt."

Rammstein ist böse und deutsch und ironisch und lebensbejahend bis zur Ekstase - eine explosive Mischung, der weltweite Erfolg zeigt es. Sie sagen nicht, ob sie rechts oder links stehen. Sie zelebrieren den Jahrhundertschritt, frei nach Wolfgang Mattheuer: "Sie wollen mein Herz am rechten Fleck doch seh ich dann nach unten weg! Da schlägt es Links! Links! Links 2-3-4". Sie streifen als weiße Wölfe durch die Landschaft. Sie lassen sich von Schneewittchen verhauen. Sie singen: "Ich will in Beifall untergehen!" - Etwas anderes tut die Politik auch nicht, bloß bezieht sie sich auf die Menschenrechte. "Ihr sollt mir vertrauen", das klingt bei Rammstein glaubwürdiger als aus dem Mund von Angela Merkel.

Kunst enthält oft ein Element der Affirmation, der Bejahung des Seienden ohne moralische Bewertung. Es kann eine naive, "unreflektierte" Betrachtung der Welt sein, wie sie in der Literatur etwa von Imre Kertész im Roman eines Schicksallosen gebraucht und zu Recht gewürdigt wurde. Da erscheint der SS-Mann als reinliche Gestalt, fast als schöner Mensch, denkt sich sein 14-jähriges Opfer. Und die Stärke der naiven Sicht besteht darin, dass die erzählende Figur nicht nach ihrer Schuld sucht, wie etwa noch Kafkas Josef K., sondern Ja sagt, auch wenn dieses Ja an das Piepsen der Maus Josefine erinnert. Auch Picassos Guernica ist ein affirmatives Werk, was nicht bedeutet, dass es den Krieg bejaht, sondern die Verpflichtung, den Schrecken des Kriegs in einer Intensität zu zeigen, die zumindest an das reale Erlebnis des Krieges erinnert. Der Schrecken entspringt dem Gegenstand, nicht dem Auge.

Rammsteins Ja klingt ziemlich laut. Es ist schließlich Rock-Musik. Mit Rammstein darf man sich gruseln, klar. Weil Gruseln klasse ist. Weil nicht nur Kinder das Gruseln lieben. Weil man nicht weinen muss, wenn die Renten um zwei Prozent sinken. Weil Rock dionysisch ist. Weil es ein Menschenrecht aufs Gruseln gibt, zumal wenn "intelligente Waffen" gebaut werden können, im Namen von wem auch immer.

Man muss nicht traurig sein, um militant sein zu können, meinte Michel Foucault. Man muss die Ohren nicht hängen lassen angesichts der Gräuel der Geschichte, denn davon wird nichts besser. Man darf sich - als Künstler - dem Grauen hingeben, es genießen, darf auf der Schneide der Rasierklinge tanzen, bevor man ins Herz der Finsternis reist. Man darf als Stalker durch verbotene Zonen wandern. Man darf mit Feuer spielen, das in den Rammstein-Konzerten "in immer neuen Formen aufscheint: schaurig, schön, erschreckend, hitzig, wahnwitzig" (Thorsten Zahn). Man hat sogar die Pflicht dazu. Noch leben wir, auch wenn die Vögel tot vom Himmel fallen, was etwas gespenstisch anmutet.


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00:00 24.03.2006

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