Es brummt

Berliner Abende Kolumne

Beim Inder in der Kastanienallee. Wegen seiner günstigen Lage im Szenebezirk ist das indische Restaurant am Abend gut gefüllt. Ich habe beschlossen, aus sämtlichen Speisearten jeweils ein Gericht zu essen und starte mit der Suppe, der Nummer 1, Dal Shorba, die auch schon zusammen mit einem Bier serviert wird.

Ein anderer Tisch wird besetzt von einer Familie aus dem Fränkischen. Im Park nebenan bekäme man alle Drogen, berichtet der ortskundige Frankensohn, wohl um dem Ausgehetablissement eine gewisse großstädtische Brisanz zu verleihen. Die Familie interessiert sich aber eher für die Speisekarte.

Ein Pärchen, sie ist hochschwanger, sitzt sich schweigsam gegenüber und schlürft indischen Tee. Sofort rattert in mir eine Liste möglicher Ursachen für die Schweigsamkeit: 1. Ihr ist schlecht. 2. Er ist gar nicht der Vater, weiß es aber noch nicht. 3. Es sind Zwillinge. 4. Es sind männliche Zwillinge.

Eine Jugendgruppe, 17 stramme Jugendliche, vielleicht aus Finnland, setzen sich nach langem Hin- und Hergeschiebe an eine lange Tafel. Voller Demut (Wehmut?) lehnen sie ihre Oberkörper an die Tischkanten und halten die Hände auf dem Schoß gefaltet.

Der Frankensohn berichtet von einer Razzia, bei der jemand erschossen worden sein soll, doch die Frankenfamilie konzentriert sich auf das Servieren der Mahlzeiten, die in numerischer Reihenfolge auf dem Tisch abgestellt werden.

Ich bestelle den Salat, die Nummer 7, einen Exotic Panir Salad, und ein zweites Bier.

Neben mir hat eine Vierergruppe bestehend aus zwei jungen Männern und zwei jungen Frauen Platz genommen. Noch ehe sie die Speisekarten in die Hand nehmen, diskutieren sie über Unterwäsche.

Die 17 Finnen holen ihre Hände hoch und greifen nach den Schnapsgläschen, die der Kellner vor ihnen abgestellt hat.

Vor zwei Wochen erst sei dort jemand ermordet worden, ruft der Frankensohn aus seinem Tischeck, aber seine Familie lässt sich nicht ablenken, denn der Platz auf dem Tisch ist so knapp geworden, dass die Frankenmutter beim Essen eine Reisschüssel, der Frankenvater ein Glas in der Hand halten muss.

Ich komme zur Vorspeise und entscheide mich für die Nummer 14, Mutton Vadai, und ein Bier.

Das schwangere Pärchen löffelt in Suppenschalen. 5. Ihre Eltern wissen noch nichts. 6. Der Siebziger-Jahre-Kinderwagen aus dem Secondhandladen war schon weg.

Neben mir wird konstatiert, dass eine vernünftige intelligente Frau, je nach Anlass, sowohl Stringtanga als auch Baumwollunterhose tragen kann.

Drüben werden 17 Essen aufgetragen. Die Finnen stimmen ein Volkslied an. Ich muss weinen und bestelle noch ein Bier.

Das schwangere Pärchen hält Händchen. 7. Das Elterngeld fällt doch nicht so hoch aus wie erwartet.

Nachher nehmen wir einen Umweg, weil am Park oder gar durch den Park hindurch zu gehen, sei glatter Selbstmord, hör ich´s heiser fränkeln. Die Mutter fränkelt ein "Ich bin brrrobbenvoll" zurück.

Als Hauptgericht wähle ich die Nummer 32, Chicken Korma, und ein Bier.

Die über allem liegenden fernöstlichen Klänge werden vom Restaurantgeräusch verdrängt. Das Restaurant ist jetzt auch proppenvoll. Sogar draußen haben sich lange Schlangen gebildet. Sie alle wollen zu uns herein und stehen aufgereiht vor den Fenstern.

Ich bin gerührt und bestelle ein Bier.

Noch bevor ich zu meinem nächsten Bier ein Menü für Kinder bestelle, Nummer 51, Pommes frites, haben die Finnen mich zu einem Volkstanz überredet. Die Kellner schieben die großen Palmen in die Mitte, so dass wir Hand in Hand um die Palmen, das Pärchen (8. Sie weiß nicht, was Liebe ist.) und die fränkische Familie (Allmächt) herumtanzen können. Die Zuschauer draußen drücken ihre Handflächen und Stirne an die Scheiben und bilden ein Ornament. Anmut und Schönheit!

Unbeeindruckt behauptet die Vierergruppe, dass eine Braut ihre extra gekaufte Hochzeitsunterwäsche am Hochzeitstag weglassen sollte.

Ich bestelle das Dessert und ein Bier. Die Kellner servieren nun von fliegenden Teppichen aus, denn es ist kein Durchkommen mehr. Wegen meiner Phobie vor staubigen Teppichen ziehe ich ruckartig die Tischdecke unter dem Geschirr hervor (Trägheit der Masse) und verstecke mich darunter, als von oben die Nummer 53, Halwa, gereicht wird. Da erscheint mir ein Geist und behauptet, ich hätte drei Wünsche frei. Was nun? Also erstens wünsche ich mir noch alle anderen Gerichte, die auf der Speisekarte stehen mit jeweils einem Bier. Zweitens wünsch ich mir, zu liegen, weil ich schon seit geraumer Zeit das Bedürfnis habe, zu liegen. Und drittens wünsche ich mir, augenblicklich zu Hause zu sein.

Und schon werde ich unter großem Jubel hinausgetragen und weggefahren. Jetzt Liegen. Endlich nur noch liegen.


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00:00 09.03.2007

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