Es darf ruhig teuer sein

Secondhand Einst war es der Look der Studenten und Grünen: Jetzt ist Kleidung aus zweiter Hand auch bei Neo-Ökos angesagt

In Schaufenstern sieht man wieder häufiger Puppen, die in edle Gebrauchtware gekleidet sind. Secondhand ist keine Kleidersünde aus den Siebzigern mehr, sondern wieder tragbar. In Traditionsläden bekommt man Jeans oder T-Shirts nach wie vor klassisch nach Kilopreis: für 14 Euro 99. In den aufstrebenden Kiezen der Städte dagegen sieht Secondhand aus wie Haute Couture. Vintage-Shops bieten dort günstig Designermarken an: Dior, Yves Saint Laurent oder Prada.

Das Lindt in Berlin-Kreuzberg zählt zu den Secondhand-Laden alter Prägung. Es riecht nach Räucherstäbchen. Im Hintergrund läuft eine Platte von Gil Scott-Heron, der mit seiner dunklen Stimme über dem jazzigen Sound eines Pianos doziert. An den Kleiderstangen hängen bunte Kleider, die an Filme mit Lieselotte Pulver erinnern oder an 60er-Jahre-Bondgirls, wenn sie mal mehr anhatten als einen Bikini. „Hundert Prozent Plaste,“ sagt Evelyn Voss, eine Frau im Jeanslook, mit brauner Ponyfrisur. Sie setzt sich auf einen Mini-Stuhl mit einem zotteligen, rosafarbenen Kissen. Vor zwanzig Jahren hat Voss mit zwei Freundinnen das Lindt eröffnet. Es sei aus dem Lebensgefühl der siebziger und achtziger Jahre gewachsen, dem Wunsch, im Kollektiv zu arbeiten, sich der Konsumgesellschaft zu entziehen und wiederzuverwerten, was schon da war. Voss war eine der ersten, die bei den Grünen eintrat.

Secondhand ist Mainstream

„Meine Mutter ist früh gestorben, und wir hatten noch Kleidung von ihr im Haus, die ich dann angezogen habe“, sagt sie. „Ich fand es mit zwölf oder dreizehn extrem cool, in unserem Dorf zum Beispiel einen orangefarbenen Mantel mit einem spitzen Kragen zu tragen.“

Die Mittvierzigerin wuchs in der Nähe von Tübingen auf. Die Familie hatte wenig Geld. Da machte Voss einfach aus den alten Sachen etwas Neues: Löcher in Jeans schneiden, Bündchen abmachen, ausfransen, färben oder batiken. „Es ging darum, die eigene Individualität im Rahmen der Möglichkeiten zum Ausdruck zu bringen.“ Für die Leute im Dorf war Voss ein Hippie, man sah ihr an, dass sie arm war. Sie selbst findet für sich in der damaligen Zeit eine andere Bezeichnung: Öko.

Was damals noch eine gesellschaftliche Randerscheinung war, ist heute Mainstream und in der bürgerlichen Mitte angekommen. Die neuen Ökos kombinieren Nachhaltigkeit und Konsum mit dem Verlangen, ihre Individualität durch das, was sie tragen, zu zeigen. Es darf ruhig teuer sein.

Diese „Neo-Ökos“ sind die Kundschaft, von Tanya Breda. Sie ist die Besitzerin der Second-Hand-Boutique „Das Neue Schwarz“ in der Mulackstraße in Berlin-Mitte. Einer Straße, in der Designer ihre Ware zu Höchstpreisen anbieten und sich eine teure Galerie an die nächste reiht. Touristen strömen durch das Viertel. Ein Schild weist auf den Eingang des Neuen Schwarz hin und darauf, dass man an der Vordertür klingeln muss, wenn man in das Geschäft möchte. „Wir wollen, dass unsere Kunden sich bewusst dafür entscheiden, hier reinzukommen. Sie sollen es ernst meinen,“ sagt Tanya Breda.

Sie möchte Kunden, die ihren eigenen Stil entwickeln und ihn sich etwas kosten lassen. Mit dieser Motivation wählt sie die Kleidung aus, die sie in ihrer Boutique verkauft. An den Stangen des Verkaufsraums, der nicht größer als ein geräumiges Kinderzimmer ist, hängen Kleider, Jacken und Anzüge von Dior, Margiela, Prada und Bless. Es ist viel weniger Ware im Laden als im Lindt in Kreuzberg. Alles ist überschaubar und exklusiv. Hier werden Einzelstücke verkauft, zwischen 30 und 400 Euro.

Sie fürchten um ihre Existenz

Erst seit Anfang dieses Jahrhunderts, seit in Berlin das passende Publikum wohnt, ist es möglich, dass sich solche Läden halten können – zumindest in Mitte und Prenzlauer Berg. Dort lebt eine Klientel, die sich diese gebrauchte, aber teure Designerware leisten kann.

„Hier kommen natürlich Leute her, die Geld haben. Die wollen dann oft Stücke von Kollektionen, die sie versäumt haben oder, die es in normalen Läden schon lange nicht mehr gibt“, sagt Breda. Sie betont aber, dass die Kundschaft des Neuen Schwarz in erster Linie aus Künstlern besteht, die sich gerne außergewöhnlich anziehen sowie aus normalen Leuten, die sich darüber freuen, einen Anzug von Dior für 250 Euro zu erstehen, für den sie sonst 3.000 hinlegen müssten. Zu ihr kommt niemand, der sich neue Kleidung schlicht nicht mehr leisten kann.

Manchmal erscheinen besonders glamouröse Kunden in dem kleinen Vintage-Shop. Das ehemalige Supermodel Helena Christensen hat sich mit ihrer Entourage in den Räumen des Neuen Schwarz umgeschaut, als sie im Juli zur Fashion-Week in Berlin war. „Sie hat zwar nichts gekauft“, sagt Breda, „aber in echt sieht sie noch viel besser aus, als auf den Fotos“.

Auch wenn sich die Kollektionen und das Publikum des Lindt in Kreuzberg und des Neuen Schwarz in Mitte voneinander unterscheiden, so verbindet die beiden Secondhand-Geschäfte doch einiges. Die Unternehmerinnen haben ein Faible für Kleidung aus den sechziger und siebziger Jahren. Auch wenn Breda sich mit Grauen an die Synthetikstoffe erinnert, „von den Schnitten und den Formen der Kleider her war das eine Epoche, die wirklich Charme hatte“, sagt sie.

Es ist kein Zufall, dass das Lindt und das Neue Schwarz häufig von Designern, die auf der Suche nach Inspirationen für neue Kollektionen sind, aufgesucht werden. Die Branche der Secondhand-Läden boomt: Einerseits sind immer mehr Leute darauf angewiesen, bei den Klamotten zu sparen. Andererseits gehört es zum bürgerlichen Selbstverständnis, bewusst und nachhaltig zu konsumieren.

Beide – die Kreuzberger und die Boutique in Mitte – fürchten jedoch mitunter um ihre Existenz. Wenn Bewohner in der Mulackstraße die Fensterscheiben der Geschäfte zerstören, weil sie in ihrer Straße keinen Luxus wollen, hat Tanya Breda Angst davor, dass auch das Neue Schwarz zur Zielscheibe werden könnte.

Evelyn Voss dagegen weiß manchmal nicht, ob sie die Miete für den nächsten Monat aufbringen kann.

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11:00 04.09.2011

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