Es fing mit einer Lüge an

Afghanistan Jochen Rausch schreibt in „Krieg“ über einen Vater, der den Sohn verliert
Klaus Kosiek | Ausgabe 47/2013 1

Die beiden Männer kommen am Morgen zum Haus von Arnold und Karen Steins in der Siedlung am Randes des Taunus, werden ins Wohnzimmer gebeten, nehmen in den Sesseln Platz, und der in Uniform sagt: „Der Hauptgefreite Christian Steins ist letzte Nacht im Dienst fürs Vaterland bei einem Gefecht gefallen. Mein herzliches Beileid.“

Als der Oberstleutnant und der Militärpfarrer die Todesnachricht überbringen, ist der Roman bereits in sein letztes Drittel eingetreten, und der Leser ahnte schon längst, dass der Sohn des Lehrerehepaars Steins seinen Einsatz in Afghanistan nicht überlebt haben wird. Denn in den ersten Kapiteln begleiteten wir Arnold Steins, aus dessen Perspektive im Rückblick erzählt wird, bei seinen Versuchen, sein Leben nach dem Tod von Sohn und Ehefrau auf einer einsamen Hütte in den Alpen in Gesellschaft eines Hundes, eines Transistorradios und vieler Zigaretten weiterzuleben.

In vielen kleinen Szenen entwickelt der Roman in knapper, einfacher Sprache das Bild eines Mannes aus der Generation der heute 50-Jährigen, der als Jugendlicher an der Sprachlosigkeit des Vaters litt, mit seiner Frau seit einunddreißig Jahren (überwiegend glücklich) verheiratet ist und erkennen muss, dass sein Sohn, der sich zum Kampfeinsatz in Afghanistan meldet, für ihn ein Fremder ist.

Mit der Rekonstruktion der Familiengeschichte verknüpft der Roman in den ersten Kapiteln den Bericht über die zunehmende Desillusionierung des Sohnes, der in nächtlichen Mails an den Vater von seinen Erlebnissen im Feldlager berichtet. Er schreibt von Langeweile und Staub, von Minen und der schweren Verwundung eines Kameraden, schließlich davon, dass er „einen von den Männern mit den Bärten abgeknallt“ habe. Und er bittet den Vater im Fall seines Todes zu verhindern, dass an seinem Grab ein Politiker rede. Das tut der dann auch, denn er weiß: „Ein Krieg ist voller Lügen. Kriege werden mit Lügen begonnen, sie werden mit Lügen geführt und mit Lügen beendet.“

Im letzten Drittel dominiert die primäre Ebene des Romans, die Ereignisse im Herbst rund um die einsame Hütte, in die sich der Erzähler nach dem Selbstmord seiner Frau zurückgezogen hat. Rätselhafte Vorgänge beunruhigen den Erzähler: In seine Hütte wird eingebrochen, das Radio zerstört, der Hund wird von einem Bolzenschussgerät verletzt. Steins bewaffnet sich, wartet auf den Unbekannten, macht sich dann auf die Suche nach ihm. Hier setzt der Autor virtuos die Stilmittel des Thrillers ein und hält die (Hoch-)Spannung bis zum Showdown.

Jochen Rausch hat einen gesellschaftskritischen Roman vorgelegt, der von einem Krieg erzählt, der in Deutschland lange Zeit euphemistisch umschrieben und dann, als er nicht mehr zu leugnen war, von der Öffentlichkeit hingenommen und ignoriert wurde. Sein Roman ist spannend, ästhetisch reizvoll und nützlich, er dient der Selbstaufklärung unserer Gesellschaft – ein seltener Fall in der deutschen Unterhaltungsliteratur.

Der Zufall will es, dass in diesen Wochen, als der Roman erschien, der Verteidigungsminister bei der Übergabe eines Standorts der Bundeswehr an afghanische Einheiten sagte:

„Kunduz, das ist für uns der Ort, an dem die Bundeswehr zum ersten Mal gekämpft hat, lernen musste, zu kämpfen. Das war eine Zäsur – nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die deutsche Gesellschaft.“ Arnold Steins, der Held in Jochen Rauschs Roman, würde dem zustimmen, nur ohne den Stolz des Ministers. Denn er weiß: „Sicher wird es irgendwann wieder Krieg geben. Vielleicht wird dieser Krieg furchtbarer sein als alle Kriege zuvor.“

Krieg
Jochen Rausch Berlin Verlag 2013, 224 S., 18,99 €

Klaus Kosiek bloggt als koslowski auf freitag.de nicht nur über Literatur

 

06:00 04.12.2013

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