Es gärt in der Bio-Tonne

Kraftstoffe aus Pflanzen Klimaschützer setzen auf Biogas und Biodiesel, auch wenn Naturschützer um das Landschaftsbild fürchten

Als Rudolf Diesel auf der Pariser Weltausstellung von 1900 seinen revolutionären Motor vorstellte, könnte es leicht nach Erdnussöl geduftet haben. Den Prototypen hatte der geniale Tüftler mit Pflanzenöl betankt, behauptet jedenfalls die Legende. Später verbrannten im Dieselmotor vor allem Mineralöle. Erst mit der Energiekrise zu Beginn der siebziger Jahre besann man sich wieder auf Biokraftstoffe. Mittlerweile boomen nachwachsende Rohstoffe derart, dass sie das Landschaftsbild immer stärker umgestalten. Befürworter von Biodiesel und Co. verweisen auf den Klimaschutz und neue Einnahmequellen für Landwirte. Naturschützer sorgen sich indes um Artenvielfalt in den neuen Monokulturen.

Die Folgen einer uniformen Agrarlandschaft werden im Oldenburger Münsterland in Nordwest-Niedersachsen deutlich. Derzeit schießt in Deutschlands Hochburg der industriellen Landwirtschaft der Mais in die Höhe. Erst im Herbst wird der Horizont wieder zwei Meter tiefer gelegt, wenn die Erntemaschinen den gehäckselten Mais in die Anhänger spucken. Die Erfolgsgeschichte der Pflanze war bislang eng mit der Massentierhaltung verknüpft. Der nährstoffhungrige Mais wächst rings um die Städte Vechta und Cloppenburg auf mehr als der Hälfte der Ackerfläche und schluckt die Gülle von Millionen Schweinen, Hühnern und Kälbern. Die Nachfrage nach Billig-Fleisch und Eiern ließ auch die Monokulturen wuchern.

Monotone Maiswüsten

Weil immer mehr Mais nicht im Futtertrog landet, sondern in Biogas-Anlagen in Strom und Wärme verwandelt wird, wächst die Anbaufläche weiter: In Niedersachsen legte der Mais im Vorjahr erneut um rund zehn Prozent zu, sagt Henning Lüttmann von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Eigens für die Biogas-Erzeugung angebaute Pflanzen haben daran einen erheblichen Anteil. Allein in Niedersachsen werden bis Ende des Jahres schon 650 Biogas-Anlagen stehen. Die Tendenz ist stark steigend: Bis 2012 könnten es nach einem Szenario des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums schon 1.500 Gärtanks sein.

Für Biologie-Professor Remmer Akkermann, der mit der Biologischen Schutzgemeinschaft Hunte-Weser-Ems seit Jahrzehnten gegen die Agrarindustrie im Nordwesten kämpft, sind die Maiswüsten schon jetzt entschieden zu groß: "Ein Zuwachs ist unerträglich." Höchstens 30 Prozent der Äcker sollten mit dem Problemgewächs Mais bepflanzt werden. "Der wächst nur, wenn Gülle drauf kommt." Zudem brauche der Mais unverhältnismäßig viel Pestizide, um sich gegen andere Pflanzen behaupten zu können. Die Folgen sind laut Akkermann: Böden werden zerstört, die Artenvielfalt sinkt und das Grundwasser wird mit Stickstoff und Pestiziden belastet. Außerdem bilde ein Maisfeld eine undurchdringliche Barriere für die meisten Tiere. Ein weiteres Minus: In einer Maissteppe sei keine Erholung möglich, statt Düften, Blumen oder Libellen biete sie nichts als monotones, aufgereihtes Grün. Die Bauern sollten nicht nur auf Mais setzen, sondern auch Weichhölzer oder Gras von extensivem Grünland für die Biogas-Gewinnung nutzen, fordert Akkermann. Statt die Landschaft weiter zu uniformieren, müsse die kleinbäuerliche Landwirtschaft erhalten bleiben.

Soll dabei auch Biogas erzeugt werden, führt kaum ein Weg an gemeinschaftlich betriebenen Anlagen vorbei. Denn neuere Anlagen, deren Gärbehälter knapp 3.000 Kubikmeter fassen, kosten rund 1,5 Millionen Euro. Diese Investition können sich nur große Betriebe leisten, zudem gilt laut Lüttmann: "Biogas braucht viel Fläche." Um genügend Gärsubstrat produzieren und die Kosten bewältigen zu können, schließen sich Betriebe zusammen. Im emsländischen Werlte etwa betreiben gleich 110 Landwirte gemeinsame Biogas-Anlagen. Andernorts werden Bio-Kraftwerke sogar zum Haupterwerb. Gerade junge Landwirte überlegen angesichts dramatisch niedriger Marktpreise für Milch und Getreide, lieber Energiewirt zu werden. Das im August 2004 novellierte Erneuerbare-Energien-Gesetz bietet ihnen für 20 Jahre Planungssicherheit.

In vielen ländlichen Kommunen wird bereits das Heizen öffentlicher Gebäude mit Biogas geplant, per Blockheizkraftwerk wird zugleich Strom erzeugt. Dass ein Dorf seinen Energiebedarf schon jetzt komplett aus Biomasse decken kann, zeigt das 800-Seelen-Dorf Jühnde bei Göttingen. Seit September 2005 wird dort zu Strom und Wärme, was Felder, Wiesen und Wälder der Umgebung hergeben. Würden in Deutschland alle Potenziale erschlossen, könnten nach Angaben des Bundesverbandes Biogas bald mehr als 17 Prozent der Energie aus Biomasse erzeugt werden. Rund 60 Prozent davon würden vom Acker stammen, der Rest aus Wäldern und Viehhaltung. Derzeit hat die Bioenergie in Deutschland einen Anteil von rund zwei Prozent der erzeugten Energie.

Wachstumsmarkt Pflanzenöle

Auf mehr als 1,4 Millionen Hektar, das sind zwölf Prozent der gesamten Ackerfläche in Deutschland, wuchsen laut der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe im Vorjahr bereits Industrie- und Energiepflanzen. Damit hat sich der Anbau nachwachsender Rohstoffe seit Beginn der neunziger Jahre mehr als verfünffacht. Die Nutzung ist dabei nicht auf die Energieproduktion beschränkt. Die Äcker liefern auch Öle von Lein und Sonnenblumen für die chemische Industrie, Stärke aus Weizen oder Kartoffeln für die Papierproduktion, Fasern für die Automobilindustrie sowie Arzneipflanzen für die Pharmahersteller. Zulegen konnten vor allem der Anbau von Getreide und Mais für die Energieproduktion. Mit mehr als einer Million Hektar Fläche bleibt allerdings der Raps für Biodiesel und Schmierstoffe die wichtigste Kultur.

Nicht nur Naturschützer im engeren Sinne sind angesichts wachsender Monokulturen besorgt. Auch Umweltschützer streiten darüber, wie ökologisch sinnvoll einige der nachwachsenden Rohstoffe sind. Das Umweltbundesamt etwa stellt dem Raps im Tank kein sonderlich gutes Zeugnis aus. Würden alle Emissionen samt Stickoxiden sowie der Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden berücksichtigt, sei die Ökobilanz nicht besser als bei Mineralölen. Befürworter von Biokraftstoffen führen dagegen die Einsparung des Treibhausgases Kohlendioxid an. Sie ziehen derzeit gegen die geplante Besteuerung von Biodiesel zu Felde.

Klar ist allen Seiten, dass die gesamte Ackerfläche in Deutschland selbst bei einer Effizienz-Steigerung der Biokraftstoffe nicht ausreichen würde, um das Mineralöl an der Zapfsäule zu ersetzen. Stattdessen dürfte künftig die Beimischung von geringen Mengen pflanzlichen Treibstoffs zu Diesel und Benzin gesetzlich vorgeschrieben werden. Das könnte allerdings zu massiven ökologischen Problemen außerhalb Deutschlands führen, wenn etwa Pflanzenöl importiert wird, das aus abgeholzten Urwäldern stammt. So war in Emden bis vor kurzem eine 50 Millionen Euro teure Raffinerie für indonesisches Palmöl geplant. Das Projekt ist wegen technischer Probleme gescheitert - vorerst.


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00:00 02.06.2006

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