Es geht immer um Kant

Geistsucher Jürgen Manthey porträtiert in seinem Buch "Königsberg"eine untergegangene Intellektuellenrepublik

Ich ertappe mich hin und wieder dabei, meiner Mutter tief in die Augen schauen zu wollen. Dort vermute ich ein Stückchen Königsberg. Romantischerweise? Was ich entdecken kann, ist ganz prosaisch: Eine gewisse Freude über das relative Wohlgeratensein der eigenen Kinder, Sorge um die Enkel, die Urenkel, die sich demnächst einzustellen beginnen und die ihr Leben dem ihrer Freundinnen ähnlich machen werden. Sie scheint ganz angekommen zu sein in Thüringen, wohin es sie in den Nachkriegsjahren von Königsberg aus verschlug. Kein Wort fällt über die Stadt. Dagegen nimmt sich meine Neugier auf das betreffende Gebiet beinahe fürwitzig aus, und ich riss mich geradezu darum, Jürgen Mantheys lapidar Königsberg heißendes Buch an dieser Stelle zu besprechen.

In 47 Kapiteln unternimmt er den großangelegten Versuch, in doch schon weit entfernten Raum-Zeit-Koordinaten ein mindestens dreidimensionales Bild des Untergegangenen entstehen zu lassen, wobei er die drei Dimensionen vorab vorgibt und ihre Konstanz wie ihren angelegentlichen Wandel über die sieben Jahrhunderte ihres Bestehens verfolgt: Es ist die "spannungsvolle Dreieinigkeit aus Bürgerbewusstsein, Staatsklugheit und kritischer Gelehrsamkeit, die für die Geschichte dieser Stadt maßgeblich gewesen ist". Von Anfang an ein "Zwitterwesen" in der Dichotomie der Machtverhältnisse, im "duale(n) System aus Staat und Stadt, das wie ein Riß durch das Bewusstsein seiner Bewohner lief", erlebt der Leser Königsberg in erster Linie als Gelehrtenrepublik, gegen die sich andere intellektuelle Ansammlungen früherer Jahrhunderte, etwa um Weimar/Jena oder Leipzig, geradezu dürftig ausnehmen.

Das ist in erster Linie natürlich dem Weltbürger Kant geschuldet, für dessen Lebens- und Wirkungsgeschichte sich der Autor viel Zeit nimmt und rückbezüglich immer wieder auf ihn zurückkommt. Nicht umsonst heißt das Buch denn auch im Untertitel Geschichte einer Weltbürgerrepublik - Kants urbaner Mensch ist der städtische Mensch, der Bürger. "Einen anderen kennt Kant nicht. Der erste und zweite Stand des ancien régime, Geistlichkeit und Adel, kommen in seiner Gesellschaftstheorie gar nicht mehr vor. Die Weiterentwicklung, die Steigerung des Bürgers ist der Weltbürger und nicht etwa der in eine höhere Stellung ›darüber‹ aufgestiegene Höfling." Was nach dem frühaufklärenden Literaturpapst Gottsched für die Literatur galt, nämlich die Dreinigkeit von Publizität, Wirkung und Überzeugung, brach sich bei Kant in einer ebensolchen Betonung der Geselligkeit als Volksaufklärung Bahn. Auch wenn das Wort Geselligkeit für "unser Sprachempfinden ... die Sache zu sehr auf die leichte Schulter" nimmt, so bleibt doch die Einheit von philosophischer Theorie und politischer Praxis in seiner politischen Publizistik das Bestimmende.

Damit sind die Koordinaten umrissen, in denen sich Manthey durch die Zeiten bewegt und souverän grüßt: Er ist im Rathaus, im Schloss wie in den Privathäusern und -palästen seiner Protagonisten unterwegs, und es ist Kants in der Geselligkeit sich offenbarende Vernunft, die er methodisch, wie einen Klammersack schüttelt, um festzustellen, wen er damit pudern könnte. Das sind viele: Hamann und Hippel, Herder und Gottsched, Fichte und Kleist, Johann Friedrich Reichardt, E.T.A. Hoffmann und Hannah Arendt seien nur stellvertretend genannt in der Cotterie der Begabungen. Sein Bilderbogen aus Porträt, Werkschau und Kapiteln zur Geschichte, in die sich immer auch biographische Studien einfügen, füllt die Stadt Königsberg aus einiger Höhe zu einem drallen Ballon kreativen Intellekts, der sich nicht mehr so einfach wegdenken lässt: Mantheys (positive) Ideenträger ordnen sich durch die Bank einem wie auch immer gearteten "republikanischen" Gemeinwesen unter, das dieses Luftschiff zusätzlich bläht.

Dabei bewegt ihn durchaus auch die Frage, ob - dem Vorrange der politischen Philosophen und philosophischen Politiker gemäß - eine Stadt wie Königsberg eher kritische Geister denn poetische Köpfe hervorgebracht habe. Die große Ausnahme, E.T.A. Hoffmann, hat ihren Platz nach seiner Auffassung vor allem durch den Ausfall der für Königsberg so typischen Geselligkeit finden können, denn in seiner Herkunftsfamilie ging es stetig bergab, so dass seine Sozialisation durch Versagen und Versagung geprägt und die "Inkompatibilität seiner Gefühle in der Währung menschlicher, gesprochener Worte" ausschlaggebend für seine Innerlichkeit gewesen wäre. Auch die Abwesenheit des Konstrukts einer geselligen Vernunft wird zur Grundlage von Kreativität, diesmal aber künstlerischer. Alles in allem geht es immer um Kant...

Meine Mutter hat mir die Neugier auf Königsberg nicht wissentlich eingepflanzt, und auf welchem Wege sie mich erreicht hat, darüber könnte ich als Psychologin schon ein Urteil abgeben, was ich mir aber, da es mich selbst betrifft, verkneife. Nicht verkneifen kann sich jedoch Jürgen Manthey das gelegentliche Psychologisieren, das ihm leider zuweilen zum Seichtbügeln gerät. Ob Kants Mutter- oder Hannah Arendts Vaterverlust durch deren jeweils frühen Tod, ob der heimliche Auftrag der ihn umgebenden Zwangsfamilie an E.T.A Hoffmann, "an der Gesellschaft Rache zu nehmen", oder aber Johann Georg Hamanns Hypochondrie und Fresssucht - es scheint spekulativ, diese Räume aus so großer Entfernung betreten und darin aufräumen zu wollen. Der Psychoanalytiker, auf den sich Manthey dabei beruft, war ein Kind des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts, und seine Wirkungsstätte war nun einmal das bürgerliche Schlafzimmer. Ob es angeht, beispielsweise Kants Eltern darein zu verbannen, darf zumindest bezweifelt werden.

Was aber bleibt, ist eine außerordentlich intelligente und im besten Sinne fleißige Arbeit, die pünktlich zum 750. Jubiläum der Stadt das Licht der Welt erblickte. Die Stadt Kants fand, nach Manthey, mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten ihr Ende, der Exitus des alten, deutschen Stadtbildes ereignete sich zwölf Jahre später. Was seitdem dort, wo Königsberg einst lag, gewachsen ist, hat damit nichts mehr zu tun. Meine Neugier ist eine rückwärts gewandte, wie mir das Buch wieder einmal unmissverständlich klarmachte. Die Staatliche Universität Kaliningrad, die sich im Internet wieder www.albertina.ru nennt, könnte Jürgen Manthey ruhig die Ehrendoktorwürde verleihen, wenn ich es recht bedenke.

Jürgen Manthey: Königsberg. Geschichte einer Weltbürgerrepublik. Hanser, München 2005., 735 S., 29,90 EUR


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00:00 18.03.2005

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