Es geht nicht ohne

Musik Die Wissenschaft kann nicht erklären, warum wir Musik so schätzen. Aber sie ist ein Teil dessen, was uns menschlich macht. Über ein Buch von Philip Ball

In How the Mind Works beschrieb Steven Pinker das evolutionsbiologische Gesetz, das die Bedeutung der Musik erklären sollte, wie folgt: „Musik ist Käsekuchen für die Ohren.“ Für diejenigen, die keinen Käsekuchen mögen – weder oral noch akustisch, – fügte er hinzu: „ Musik sei „ein Cocktail weicher Drogen, die nach ihrer Einnahme gleich eine ganze Reihe lustbringender Schaltkreise stimulieren.“

Verständlicherweise erhob sich gegen diese Vergleiche einiger Widerspruch. Die Menschheit weiß die Bedeutung von Käsekuchen und weicher Drogen zwar durchaus zu würdigen, aber sie mit der Musik gleichzusetzen? Als ein den Tieren unbekanntes, universelles Element der menschlichen Kultur scheint sie an den Kern dessen zu reichen oder zu rühren, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Das Gefühl der gemeinschaftlichen Identität wird in vielen Stammesgesellschaften durch musikalische Aktivität hergestellt und erhalten, während der durchschnittliche Westler ihr bei der Konstituierung seiner individuellen Identität eine wesentlich größere Bedeutung zugesteht als jeder anderen Kunstform.

Die Kritiker von Pinkers Käsekuchen-Bonmot teilen sich in zwei Lager: Auf der einen Seite stehen die Evolutionsbiologen, die ihm einfach nur vorwerfen, den Stier nicht bei den Hörnern gepackt zu haben: Da es so gut wie außer Frage stehen dürfte, dass die Menschheit die Musik in der ein oder anderen Form braucht, muss es eine Ursache in der Evolutionsgeschichte geben, die dieses Bedürfnis entlang der Argumentation erklärt, die Darwin in seiner Theorie der sexuellen Auswahl darlegt.

Seitens der Geisteswissenschaftler wurde ihm hingegen vorgeworfen er liege falsch darin, die Musik zu trivialisieren, nur weil die Wissenschaft bislang keine überzeugende Erklärung ihrer Bedeutung liefern konnte.

Ursprung der Kultur

Die Musik wurde jahrhundertelang als die Basis am Ursprung der einer exklusiv menschlichen Kultur, beziehungsweise des menschlichen Selbstverständnisses beziehungsweise unseres Selbstbestimmungsversuches verstanden. Im 18. Jahrhundert definierten sie sowohl Condillac als auch Rousseau neben der Sprache als die Fähigkeit, die den Menschen vom Tier unterscheide und ersetzten damit den biblischen Mythos vom Sündenfall durch eine positivere säkulare Erzählung.

Rousseau ging sogar so weit zu behaupten, die Bedeutung der Musik liege darin, dem entfremdeten modernen Menschen eine Art spirituelle Verbindung zu seinen weniger depravierten Vorfahren zu ermöglichen. Seit damals hat nun zwar Darwins Erklärung der menschlichen Herkunft weite Verbreitung gefunden, aber erst vor kurzem wurden Fortschritte in den kognitiven Neurowissenschaften und der evolutionären Psychologie beziehungsweise der Evolutionsbiologie gemacht, durch die möglicherweise die Frage beantwortet werden kann, warum die Erzeugung abstrakter Klänge etwas sein sollte, „ohne das wir nicht auskommen“, um es mit Philip Balls Worten auszudrücken.

Ball ist ein preisgekrönter Populärwissenschaftler. Seine „Biographie“ des Wassers sticht aus dem Überangebot an Geschichten dieser Art heraus und sein Universe of Stone über die Kathedrale von Chartres, schafft es, dem Leser das gleiche Gefühl der Ehrfurcht zu vermitteln, welches es den Menschen des Mittelalters ermöglichte, den Himmel aus Stein und Glas nachzubilden.

Sein neuestes Buch ist aus anderen Gründen beispielhaft. Während der Titel sich ganz offensichtlich an Pinkers Buch The Langugage Instinct orientitert, geht er verglichen mit jenem wesentlich vorsichtiger vor, wählt die Form einer Untersuchung des bestehenden Wissens und, was noch wichtiger ist, dessen Grenzen. Sehr wie in einer Fibel im altmodischen Sinne des Wortes hastet Ball von rundimentären Erklärungen dessen, was man unter Akkorden, Skalen und Klang- bzw. Schallwellen versteht zu Versuchen von Naturwissenschaftlern, Philosophen, Musikwissenschaftlern und einmal auch Musikern selbst, die Frage nach dem Warum der Musik zu beantworten.

Dabei stellt er die verschiedenen Erzählungen nebeneinander und verzichtet darauf, selbst eine eigene große zu entwerfen. Bekannte Songs werden den verschiedenen Theorien zugeordnet: Die These, Musik spiele bei der Selektion und dem Überleben der Gruppe eine Rolle, wird unter dem Titel der New Seekers I'd Like to Teach the World to Sing nachgegangen, während die Ronettes- Theoriey (Be my Baby) die These vertritt, dass die Musikalität des Erwachsenen eine Weiterführung des Prozesses der kognitiven Stimulation darstellt, die mit den Klängen und Geräuschen beginnt, mit denen Mütter und mehr und mehr auch Väter ihre Kleinkinder beruhigen und anregen.

Nicht wir selbst

Der Text schreitet schnell voran, bietet aber, wo nötig, mittels Infokästen die Möglichkeit, vorhandene Wissenslücken zu schließen, was selbst für einen Fachmann nützlich sein kann: Obwohl ich selbst professionell über Musik schreibe, bin ich bisher irgendwie zurechtgekommen, ohne jemals gelernt zu haben, wie das menschliche Ohr eigentlich funktioniert.

Trotz seines flotten Tons besteht das größte Verdienst von The Music Instinct darin, dass das Buch deutlich macht, dass es auf die wirklichen Fragen die Musik betreffend keine schnellen und einfachen Antworten geben kann. Schließlich verbringen wir viel Zeit damit, Musik zu machen, zu hören, zu studieren, zu üben, über sie zu reden und unsere Liebe zu ihr anderweitig zum Ausdruck zu bringen.

Und tatsächlich dürfte es die notwendig zeitliche Ausdehnung der musikalischen Erfahrung und die Tatsache, dass musikalische Ideen nicht auf unmittelbar kommunizierbare Konzepte reduziert werden können, sein, die sie für uns so bedeutsam machen.

Wir lieben Musik nicht deshalb, weil sie unser Gehirn trainiert oder uns für Vertreter des anderen Geschlechts attraktiver macht, sondern weil wir sie um uns hatten, seitdem wir auf der Welt sind. Sie ist so stark in unserem kollektiven und individuellen Bewusstsein verankert, dass wir, einfach gesagt, ohne sie nicht wir selbst wären. Wenn wir also über die Geheimnisse der Musik nachdenken, denken wir auch über die in uns selbst verborgenen Geheimnisse nach. Das macht einfache Antworten umso unattraktiver. Ball versucht dankenswerterweise nicht, eine solche zu liefern, sondern macht den Leser stattdessen lieber zu einem besseren Hörer.

Guy Dammann ist Dozent für Musik und Philosophie an der Guildhall School of Music and Drama, London


The Music Instinct: How Music Works and Why we cant do without it. Philip Ball. Bodley Head, 2010, 464, 21, 95 E

Übersetzung: Holger Hutt

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16:17 24.02.2010

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