„Es geht um Ausbeutung“

Interview Mit zivilem Ungehorsam soll der Klimagipfel entlarvt werden, sagt der Aktivist Selj B. Lamers. Er gehört zu den Veranstaltern der "Climate Games"
Sandra Kirchner | Ausgabe 49/2015 1
„Es geht um Ausbeutung“
Tausende Schuhe an der Place de la République als Zeichen für den Klimaschutz
Foto: Miguel Medina/AFP/Getty Images

der Freitag: Herr Lamers, zum Auftakt der Klimaverhandlungen gab es in Paris viel zu sehen: Tausende Schuhe an der Place de la République, eine Menschenkette und Ausschreitungen mit der Polizei. Sie engagieren sich in der internationalen Klimabewegung. Welchen Protest brauchen die UN-Gipfel?

Selj B. Lamers: Aus meiner Perspektive waren die Aktionen ziemlich enttäuschend. Die Schuhe waren leer und unbeweglich. Mir fällt ein kreativerer Einsatz für Schuhe ein, nämlich, als ein irakischer Journalist seinen Schuh auf US-Präsident George W. Bush warf. Einen Platz mit Schuhen zu besetzen, ist nicht die beste Art, eine Massendemo zu ersetzen. Die Menschenkette war zwar gut, aber die Demonstranten waren zu unterwürfig, sie hielten sich auf dem Bürgersteig auf und vermieden es, zu stören. Inspirierend war zwar, dass die Menschen später ohne Erlaubnis gegen die Verbote protestierten. Aber auch bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei sah ich nicht sehr viel Kreativität.

Was wäre angemessen?

Das hoffen wir mit den „Climate Games“ vorzumachen. Das sind Wettbewerbe, eine Form des zivilen Ungehorsams, die auf die kreativen Ideen von kleinen Gruppen setzt, anstatt auf zentral geplante Massenaktionen. Ein Team hat beispielsweise Werbeplakate der Sponsoren der Klimakonferenz „bearbeitet“ – und so entlarvt, wofür die fossilen Konzerne Suez, EdF, Air France oder Renault wirklich stehen. Die Teams sollen Kreativität beweisen, sie sollen Unheil anrichten. Das würde die Klimaverhandlungen besser umrahmen.

Zur Person

Selj B. Lamers, 29, ist ein Klimaaktivist aus Amsterdam. Er erkundet gerne neue Formen des gewaltfreien Protests. In Paris gehört er zu den Veranstaltern der „Climate Games“. Mehr Informationen unter: climategames.net

Foto: ZVG

Sie lehnen größere Aktionen generell ab?

Nein, die „Climate Games“ können keinesfalls Großaktionen ersetzen. Ich war in diesem Sommer bei „Ende Gelände“ dabei, der Besetzung des Tagebaus Garzweiler im rheinischen Kohlerevier. Die mediale Aufmerksamkeit bei einer so großen Aktion des zivilen Ungehorsams ist unersetzbar. Aber es gibt eben Beschränkungen, was die Massenaktionen erreichen können. Wir haben ein anderes Format, das besser zum Gipfel in Paris passt. Die Klimakonferenz ist ein symbolisches Ziel. Wir glauben, dass die Entscheidungen und wirklichen Lösungen nicht durch den UN-Prozess erreicht werden können. Dieser Prozess muss entlarvt und kritisiert werden. Einen Klimagipfel in einer abgeriegelten Stadt zu veranstalten, ist schon selbsterklärend.

Was ist also die Aufgabe der Klimaaktivisten hier in Paris?

Es gilt die Geschichte zu erzählen: Nach 21 Verhandlungsjahren ist die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre um 63 Prozent gestiegen. Unser Protest muss entlarven: den Kapitalismus, die Herrschaft, die Ausbeutung, den blinden Gehorsam. Es ist das globale System, das den Profit vor Leben stellt.

Was kann die Klimabewegung dagegen tun?

Es ist kein Kampf gegen Moleküle in der Luft. Es geht um die Herrschaftsverhältnisse, die radikale Ausbeutung der Ressourcen, die Konzentration der Macht und um die fehlende Macht des Volkes. Das zeigt sich auch in Paris. Die Zivilgesellschaft ist von den Verhandlungen ausgeschlossen. Die Organisatoren haben aus der Klimakonferenz fast einen NATO- oder IWF-Gipfel gemacht, der hinter verschlossenen Türen stattfindet.

Im globalen Süden leiden die Menschen unter Dürren, durch Hitzewellen sterben Tausende Menschen. Ist es nicht makaber, darauf mit „Klima-Spielen“ zu reagieren?

Spielen ist Teil des Lebens. Im Fall des zivilen Ungehorsams sind Spiele ein ziemlich verblüffender und effizienter Weg, um mehr Menschen einzubinden, die zuvor noch nicht aktiv geworden sind. Ein Spiel inspiriert die Leute dazu, ihre Komfortzone zu verlassen. So funktioniert das Spielen.

Sollten nicht auch die Staatschefs mitspielen?

Sie haben in den vergangenen 21 Jahren leider ein sehr dreckiges und riskantes Spiel gespielt. Wir glauben, dass jetzt nach unseren Regeln gespielt werden muss. Ich war im Jahr 2009 beim Gipfel in Kopenhagen und hatte keine Hoffnungen auf ein Abkommen. Die Institution der Klimakonferenz hat sich nicht geändert, die Spieler sind die gleichen. Es gibt daher keinen Grund, davon auszugehen, dass es dieses Mal ein besseres Ergebnis geben wird. Zwar ist der Prozess darauf angelegt, die Emission zu senken. Aber es ging niemals darum, die gegenwärtige Produktion oder die gegenwärtige Ausbeutung der Ressourcen zu begrenzen. Die Klimakonferenz versucht, die Emissionen von acht Milliarden Menschen zu begrenzen, statt die jener 90 Unternehmen, die für die Ausbeute der fossilen Brennstoffe verantwortlich sind.

06:00 04.12.2015

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