Es geht um jeden Fußbreit Boden

Agrobusiness Ob in Lateinamerika, Asien oder Europa – überall haben Agrarkonzerne der Landwirtschaft die Agroindustrie beschert. Doch deren Kapitalquellen versiegen gerade

In der 250-jährigen Geschichte des industriellen Kapitalismus gab es viele zyklische Krisen. Mindestens drei – eine davon ist die gegenwärtige – sind als systemische Krisen identifiziert worden. Bei vergleichbaren Situationen zuvor ließen sich stets Maßnahmen treffen, das System wieder flott zu kriegen und zum Zyklus der Reproduktion des Kapitals zurückzukehren.
Zuvor wurde allerdings stets angehäufter Kapitalüberschuss zerstört. So wie jetzt, wenn in wenigen Monaten mehr als vier Billionen Dollar verheizt werden, während zugleich – damit die Profitrate wieder steigt – das durchschnittliche Lohnniveau fällt. Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) rechnet damit, dass allein in den OECD-Staaten 40 Millionen Menschen ihren Job verlieren. Auch die Landwirtschaft lässt das keineswegs unberührt.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich in der südlichen Hemisphäre eine Allianz zwischen Großagrariern und multinationalen Unternehmen durchgesetzt, die den Produktionsaufwand und den Weltmarkt für Nahrungsmittel kontrollieren – die so genannte „Agroindustrie“. Das Resultat sind mechanisierte Latifundien, unersättlich in ihrem Ruf nach Krediten und nach Agrochemie. Eine agrarische Produktionsweise, die das Finanzkapital braucht, um den damit verbundenen industriellen Aufwand zu bezahlen. Nun hat aber die jetzige Krise die Quellen versiegen lassen, aus denen stetig frisches Kapital sprudelte. Das dezimiert den Waren-Nachschub für den Weltmarkt, reduziert die Profitrate und treibt Erwerbslosigkeit auch in der Landwirtschaft nach oben. Und diese Branche ist nicht nur in Lateinamerika und Afrika – sie ist auch in Europa von saisonaler Arbeit und Migration geprägt.


Brasilien, Argentinien, Bolivien und viele Staaten in Asien wie Afrika sind Opfer der unersättlichen Gier des internationalen Kapitals, das sich bei ihnen einnistet, um in der Krise zu überwintern und danach mit aller Macht in den neuen Akkumulationszyklus einzutreten. doch der ist noch nicht in Sicht. Die Nachfrage auf den lokalen Märkten sinkt, weil die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung schrumpft und die immer stärker urbanisiert, arbeitslos oder von prekären Jobs abhängig ist. Gleichzeitig versiegen die Geldtransfers der Arbeitsmigranten an ihre Familien, die meistens aus den ländlichen Gebieten stammen.
So eskalieren soziale Konflikte in fast allen Ländern des Südens, wird um jedes Stück fruchtbaren Land in der Nähe von Märkten gerungen, müssen sich Bauern gegen das Agrobusiness zur Wehr setzen, das allein die Exportproduktion im Blick hat.


Wenn es sie gibt, dann kommen positive Effekte der Krise eher den kleinen Landwirten zugute, die zwar auch im kapitalistischen Kontext arbeiten müssen, aber immerhin noch in der Lage sind, ihre eigenen Nahrungsmittel zu produzieren, und keinen Job verlieren können. Ihr Einkommen reduziert sich auch, aber nicht bis zum Ruin.

Es wäre möglich, dass die Krise wenigstens eine intensive Debatte über die Art und Weise provoziert, wie wir mit unseren Naturgütern umgehen – es wäre nötig, dass davon die globale agrarische Produktion beeinflusst wird.
Die Bauern – ob in Lateinamerika, Afrika oder Europa – sollten sich auf ihr Eigeninteresse besinnen, gesunde Nahrungsmittel und Wohlstand zu schaffen. Die Zukunft gehört ihnen – zum Nachteil der Ausbeuter von Natur und Mensch.

Joâo Pedro Stedile ist Ökonom und Sprecher Bewegung der Landlosen (MST) in Brasilien und der Via Campesina Internacional.

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11:27 20.06.2009

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